! rief. Obgleich der Wagen augenblicklich hielt, knallten doch von allen Seiten Schüsse, die wir übrigens nicht beantworteten. Während der Hauptmann den Wagen bewachte, glitt ich zur Erde, zog auch den andern Postillon herab, ohne ihm ein Leides zu tun, und zwang die Beiden mit vorgehaltener Pistole, die unruhigen und schlagenden Tiere auszuspannen, die nun augenblicklich das Weite suchten. Dass ihnen ihre Reiter in grösster Angst zu Fuss folgten, hinderte ich durchaus nicht, ja es erschien mir so komisch, dass ich ihnen ein lautes Gelächter nachsandte.
Der Hauptmann hatte unterdessen gute Arbeit gemacht; er zwang die beiden Bedienten ruhig auf ihrem Sitz zu bleiben, und ich trat nun an den Schlag des Wagens, hatte aber dabei die Vorsicht, im nächsten Augenblicke, nachdem ich mich gezeigt, auf die Seite zu springen, was sehr notwendig war, denn der entschlossene Besitzer des Wagens schoss zweimal nach mir; die Kugeln pfiffen an meinem kopf vorüber. natürlich bat ich ihn jetzt sehr ernst und dringend, dergleichen zu unterlassen, und zog ihn aus dem Wagen hervor. Es war ein alter Herr, und da er ein lahmes Bein hatte und sein Krückstock im Wagen geblieben war, so musste ich ihn auf einen Stein an der Strasse niederlassen, was ich auch behutsam tat, denn ich hatte mein kaltes Blut durchaus nicht verloren, die Expedition kam mir sehr ungefährlich vor. – Denken Sie sich aber, wie mir zu Mute ward, als ich nun die Wagenlaterne herunter nahm, als der Schein derselben auf das Gesicht des alten Mannes fiel und ich trotz der langen Jahre und des einmaligen Sehens jene harten, starren Züge wohl erkannte. – Das Geschäft des Wagendurchsuchens, das Herausnehmen der Cassetten und Brieftaschen überliess ich dem Andern; ich stand neben dem alten mann und dachte an jene Nacht, wo wir uns zum ersten Male gesehen. Ja, wir konnten so nicht scheiden; er musste mich wieder erkennen, er musste erfahren, dass das Schicksal zuweilen strenge Gerechtigkeit übt. Ich zog langsam ein breites Messer hervor, und als er das sah, zuckte er zusammen; doch hielt ich es ihm nur leicht vor die Augen und bat ihn, in seinem Gedächtnisse um acht Jahre zurück zu gehen. Erinnern Sie sich, sagte ich mit ruhiger stimme, jener Nacht in dem schloss, das Sie vor nicht vielen Stunden verlassen, jener Nacht, wo Ihr Wille eine ganze Familie aus einander riss, wo Sie den Vater zu einem Verbrechen zwangen, die Mutter in's Elend verstiessen, die Kinder, Ihre eigenen Enkel, des ehrlichen Namens, des Vermögens, des Fortkommens beraubten, in das Elend hinaus jagten, dem Laster in die arme warfen. – Ja, dem Laster; denn ich, der jetzt an Ihrer Seite in dem Wagen fahren sollte, um Sie – setzte ich zähneknirschend hinzu – bei einem ähnlichen Vorfalle wie der heutige zu verteidigen, ich, damals jener Knabe, den Sie dieses selbe Messer handhaben sahen, stehe jetzt vor Ihnen als Strassenräuber und könnte vielleicht Ihr Mörder sein, wenn mir das Schicksal I h r Herz gegeben hätte." –
"Schrecklich, schrecklich!"
"Das ist allerdings schrecklich," fuhr der Erzähler ruhig fort, "Der Andere hatte unterdessen die Cassetten auf den Boden niedergestellt und leerte sie mit grosser Behendigkeit in einen Sack, den er zu diesem Zwecke mitgenommen. Wir sehen uns wohl niemals wieder, sprach ich zu dem alten Herrn, es sei denn, dass es Ihnen einfallen sollte, die Gerichte dafür gegen mich aufzurufen, dass ich mir mein rechtmässiges Erbteil genommen; – in dem Falle freilich und wenn Sie versuchen sollten, mich noch tiefer zu stürzen, würde ich Ihnen wieder und dann auch meine Mutter rächend vor Augen treten. Er gab begreiflicherweise keine Antwort, doch liess er den Kopf tief auf die Brust herab hängen. Dachte er vielleicht über das Unrecht nach, welches er mir zugefügt, oder zürnte er über seine eigene Ohnmacht, mich in diesem Augenblicke nicht vernichten zu können?
Die Pferde waren beladen, ich steckte mein Messer langsam in die Scheide, wir schwangen uns auf, und obgleich mein Begleiter in vollem Galopp davon wollte, nötigte ich ihn doch zu seiner Verwunderung, im Schritt zu reiten; und so zogen wir langsam querfeldein zum grossen Erstaunen der Bedienten, denen gewiss noch nie dergleichen vorgekommen war. Wir ritten noch eine Stunde durch die Nacht bis zu den Ruinen einer alten Abtei, die dem Zigeuner wohl bekannt war. Dort sassen wir ab und untersuchten unsern Raub. Er war über alle massen beträchtlich; zu gleichen Hälften geteilt, bildete er für Jeden ein ansehnliches Vermögen. Wir nahmen diese Teilung rasch vor, und das einzige, was ich für mich allein in Anspruch nahm, war, dass ich nur Papiere und Banknoten nahm und meinem Begleiter dafür den Goldwert liess. – Ich kann Sie versichern, der arme Kerl, der sich doch ein wenig vor dem Galgen fürchtete, war überglücklich, nachdem ich ihm mein verhältnis zu jenem alten Herrn aus einander gesetzt und ihm dabei die Versicherung gegeben hatte, er könne das heute Nacht Eroberte ruhig geniessen und sei nun für die Zukunft ein gemachter Mann; er war überglücklich, keinen Raub begangen zu haben, und Sophist genug, um sich zu überreden, dass wir nur meinen rechtmässigen Erbanteil vom Vermögen meines Grossvaters geteilt.
Natürlicherweise trennten wir uns darauf auf Nimmerwiedersehen; er ging zu den Seinigen zurück, mich aber trieb es aus