die doch nicht meine Mutter war – seine Kinder – meine Geschwister und mir doch fremd. – Wir blieben die Nacht in einem benachbarten dorf, und da erfuhr ich die geschichte des Schlosses und meine eigene. Vor acht Jahren, erzählte man mir, sei der junge Lord auf eine höchst liebreiche Einladung seines Vaters aus Italien zurückgekehrt, mit seiner jungen Frau und zwei Kindern. Gleich nach seiner Ankunft war indess durch seines Vaters Einfluss seine Ehe für ungiltig erklärt und cassirt, die Mutter nach haus geschickt und über die Kinder als uneheliche disponirt. Der Sohn schien sich, wider Erwarten, ohne viele Mühe den Ansichten seines Vaters gefügt zu haben, denn nicht lange darauf heiratete er eine reiche Erbin.
So war ich also ausgestossen, ohne Namen, ohne Familie. Meine Mutter, hiess es, sei nach Italien zurückgegangen; wo aber war meine Schwester? Mir schien es am geratensten, um eine Spur der Verlorenen zu finden, meine Schritte nach Sicilien zu wenden. Doch – lachen Sie über mich – ich konnte mich nicht so schnell entschliessen, meine bisherigen Freunde zu verlassen; ich gestehe es Ihnen: ich hatte Geschmack an dem wilden Leben gefunden; auch fehlten mir die Mittel, um mich von ihnen trennen zu können. Dass mein Herz zerrissen war, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, auch nicht, dass ich den ganzen Leichtsinn meiner Jugend zusammen nehmen musste, um mich zu betäuben; ich durfte nicht zu mir selbst kommen, ich durfte nicht ruhig überlegen, was ich hätte werden können, werden müssen, und was ich geworden war. – Ah!" rief er nach einer Pause mit schmerzlicher stimme, "wenn diese Gedanken kamen, so riss ich in meinen Haaren, so rannte ich mit dem kopf gegen die Mauer, so zog ich mein Messer aus der Scheide. –
Richtig," fuhr er gleich darauf mit dem ihm eigenen Lächeln fort, "von dem Messer muss ich Ihnen noch sagen, dass es dasselbe war; ich hatte es in jenem dorf, wohin es, wer weiss durch welchen Zufall, gekommen, an mich gebracht."
Hier schwieg der Erzähler, zog sein duftendes Taschentuch hervor, wischte sich damit sorgfältig den blonden Schnurrbart und drückte es alsdann vor die Augen. Als er die Hand wieder niedersinken liess, war der Ausdruck seines Blickes unaussprechlich weich, ja traurig. Er streckte seine Rechte dem Zuhörer entgegen, der sie mit beiden Händen umfasste und innig drückte. – "Wenn Sie wüssten," sagte er darauf mit weicher stimme, "wie wohl es mir tut, wie es mein Herz erleichtert, endlich Jemand gefunden zu haben, zu dem ich ohne Rückhalt sprechen kann! Aber hören Sie mich, mein Freund, – wenn ich meine Vergangenheit in Ihr Herz niederlege," dies sprach er mit festerem Tone, "so muss es sich darüber schliessen, wie das Grab über dem toten, wie die Woge des Meeres über dem Versunkenen. Geloben Sie mir dies und ich werde fortfahren. Aber ehe Sie es tun, glauben Sie meiner Versicherung, dass Sie das Aergste aus meinem Leben noch nicht gehört! – – Sind Sie stark genug," sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen mit gefälligerem Ausdruck der stimme, "meine kleinen Geheimnisse bewahren zu können, so reichen Sie mir Ihre Hand, – Worte bedarf es weiter nicht."
Mit tiefer Bewegung ergriff Herr Beil abermals die dargebotene Rechte, drückte sie innig und der Baron fuhr fort:
"Von da an wurde ich der Tollste der ganzen Zigeunerbande; ich muss Ihnen sagen, dass man mich bis jetzt von gewissen Geschäften und Vorfällen beständig fern gehalten. Ich hatte meinen Unterhalt auf anständige und ehrliche Weise verdient, jetzt aber liess ich den Hauptmann merken, dass ich nicht abgeneigt sei, auch an andern interessanten Unternehmungen teil zu nehmen. Dass er bei dieser Erklärung vor Freuden ausser sich war, schmeichelte meiner Eitelkeit; er hatte aber auch alle Ursache dazu, denn trotz meiner damals noch feineren und schlankeren Gestalt nahm ich es, was Kraft anbelangt, mit Vieren auf, und wo mich Gewandteit und List unterstützen konnten, fürchtete ich mich nicht vor einem Dutzend. natürlich mit kleineren Geschichten wollte ich mich nicht abgeben; ich sehnte mich nach etwas Grossem, wo es Mut galt und Gefahr zu finden war.
Wir zogen weiter, und wenige Tage nachher nahm mich der Hauptmann bei Seite und sagte: Wenn du etwas wagen willst, so können wir über vierundzwanzig Stunden reiche Leute sein. natürlich willigte ich mit Freuden in Alles. – Heute Nacht, sprach er, geht einer der reichsten Gutsbesitzer des Landes nach der Hauptstadt; er wird einige Bedienten bei sich haben, aber auch eine grosse Menge Geld; wollen wir von den Andern mitnehmen oder wollen wir Beide es allein wagen? – Wir Beide allein, entgegnete ich ihm. Er war damit einverstanden. Die Nacht kam, wir nahmen die besten Pferde und ritten gut bewaffnet aus; es ging über eine Haide hinweg, das Wetter war stürmisch, der Wind pfiff über die Ebene, wir konnten kaum unsere Hüte halten. In einer kleinen Niederung, die mit Gebüsch bewachsen war, hielten wir. Es mochte Mitternacht sein, als wir von fern her das Rollen eines Wagens vernahmen; er kam näher, vierspännig mit zwei Postillonen und zwei Bedienten auf dem Aussensitz. Ich sprengte an die vordern Pferde und riss den einen Postillon vom Sattel, der Hauptmann an den Schlag, indem er Halt