1854_Hacklnder_152_302.txt

einen Fluchtversuch unternahm, da man mir die Freiheit liess, in der Nachbarschaft unseres Dorfes umherzustreichen; aber ich war klug genug, einzusehen, dass ich als Kind, ohne Mittel nichts zu unternehmen im stand sei. Glauben Sie desshalb nicht, dass ich jene schreckliche Scene vergessen, dass ich nicht ganze Nächte an die furchtbaren Rätsel gedacht, die mich beim Eintritt in dieses Land umgaben. O ich nährte meine Rache heimlich aber eifrig, und je älter ich wurde, desto glorreicher erschien mir jene blutige Tat. Auch hoffte ich beständig, von meiner Mutter, meiner Schwester irgend ein Lebenszeichen zu erhalten, aber vergeblich. Ach! wie ich diese Letztere liebte, kann ich Ihnen nicht beschreiben; sie war seit ihrer frühesten Kindheit meine einzige Gespielin gewesen und ihr weiches Gemüt fand sich so leicht in meine wilden Launen, mein hastiges, heftiges Treiben. Auch sie liebte mich so innigwir waren ein paar glückliche Kinder!

In der Nähe unseres Dorfes lagerten häufig Zigeuner, mit denen ich öfters Verkehr hatte; ich war bei ihnen wohl gelitten, ich begleitete sie bei ihren kleinen Streifereien, und eines tages machte mir ihr Hauptmann den Vorschlag, sie auf einer längeren Tour zu begleiten. Sie hatten Pferde aus dem schottischen Gebirg nach England zu bringen: er versprach mir einen guten Anteil am Gewinn; ich willigte natürlicherweise ein und verliess ohne Bedauern, ohne Kummer das Haus, in dem ich bis jetzt gelebt. Mein Haar, blond wie das meines Vaters, ward schwarz gefärbt, und so zogen wir dahin, tagelang in kleinen Märschen durch das Land. Wie spähte ich umher, um vielleicht eines der Merkzeichen wieder zu finden, die ich mir damals eingeprägtimmer vergeblich, obgleich ich häufig glaubte, irgend etwas wieder zu erkennen. Oefters geschah es mir, dass ich meinte, dies oder das Parktor sei es, durch welches ich ein- und ausgefahren; ja, und hinter ihnen sah ich oftmals Teiche und Bäche, jenen ähnlich, grosse Rasenplätze, alte Schlösser, ganz wie das, wo ich jene Nacht zugebracht. Doch fand ich bei näherer Besichtigung beständig irgend eine Verschiedenheit: bald fehlte die Steintreppe vor dem Portal, bald die Fenster auf den Hof hinaus, deren Form ich nicht vergessen. – Endlich aber, durch einen sonderbaren Zufall fand ich, was ich suchte; ich hatte lange einen Park mit hohen Mauern sehnsüchtig umkreist, der Pförtner wollte dem Zigeuner keinen Einlass gestatten, da kam ich an eine Stelle, wo ich lustige Kinderstimmen vernahm; die Federbälle flogen in die Höhe, endlich einer zu mir herüber. – O schade! er ist fort, rief es drinnen; ich aber eilte mit meinem Fund zu dem Pförtner, und übergab ihm denselben. Er wollte mich beschenken, doch bat ich ihn nur um die Vergünstigung, die Gärten sehen zu dürfen; sein Knabe begleitete mich.

Ja, dies war das hohe Steintor von Bäumen überschattet, die geschlungenen Wege, die dichten Gebüsche, zwischen welchen ich in jener Nacht den Fakkelschein gesehen, als mein Vater wegritt. Wie klopfte mir das Herz, ich wäre gern nach dem schloss geeilt, aber ich musste meinem kleinen Führer folgen, der zuerst den Federball abgeben sollte. Wir kamen auf einen schönen Rasenplatz mit Blumen umgeben, dort spielten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen von fünf bis sechs Jahren, die Eltern standen dabei; eine Dame in tiefer Trauer schaute den Spielen ihrer Kinder zu. Sie dankte mir, und während sie mit mir sprach, betrachtete ich die kleinen schönen Kinder. Ich weiss nicht, es war mir so eigen zu Mut, eine unaussprechliche Wehmut überwältigte mich, ich hätte laut aufweinen, vor die Kinder hinknieen, ihre feinen hände, ihre blonden Haare küssen mögen. Waren es doch die Bilder meiner Vergangenheit und der meiner Schwesteroh! dies musste der Park meines Vaters sein. Wie hätte auch ich spielen können, froh und heiter, einer glücklichen Zukunft entgegen! und obendrein sah das kleine Mädchen meiner armen Schwester ähnlich. –

Jetzt rief die Dame die Kinder zu sich, wir schlichen uns fort, ich nicht, ohne vielmal rückwärts zu schauen. – Aber nun zum schloss hin! – Ja, es war dasselbe, die Steintreppen, die Fenster, ich erkannte es wieder an dem Schlagen meines Herzens. Was hätte ich darum gegeben, sein Inneres betreten zu dürfen! Aber dies wurde mir nicht gestattet; ich fragte den Kleinen aus, ob droben schöne Zimmer seien. – Ja, sagte er. – Mit dunkeln Holzdecken? fuhr ich fort, und eines, in welchem sich viele schöne Messer und Degen befinden? – Ja, ja, entgegnete er mir; der Vater hat es mir schon oft gezeigt, wenn die herrschaft abwesend war. – Und die herrschaft? fragte ich zögernd, ist sie im jetzigen Augenblicke hier? – Ei, meinte er, wir haben die Lady ja drunten gesehen, und auch die Kinder, die Dame in Trauer, denn der Lord K., unser HerrSprich! sprich! rief ich. – Der Herr des Hauses alsoer verunglückte vor einem Jahr auf der Jagd, er starb nach einem heftigen Sturz mit dem Pferde. – Das war mein Vater.

Ohne ein Wort weiter zu sprechen, ging ich durch den Park zurück, grüsste den Pförtner und trat in's Freie. Welch schreckliche Rätsel umgaben mein Leben! Ich hatte die Frau meines Vaters gesehen,