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Das ist Ihnen wohl noch nie vorgekommen?"

"Gott soll mich in Gnaden bewahren!" erwiderte entsetzt der Andere.

"Und wollten sich doch das Leben nehmen! – Sehen Sie, wie vernünftig das Gespenst für Sie dachte."

"Meines nächsten Blut! Mich schaudert's, wenn ich daran denke."

"Ja, ja," erwiderte nachsinnend der Baron, "den nächsten trifft es meistens, denn bis weitin reicht die Schneide eines Dolches nicht. – Aber keine Wortklaubereien; – in einem ähnlichen Falle wie dem eben erzählten kann man in späteren Jahren Alles vergessen, den Anblick dessen, der von unserer Hand fiel, sein Blut, das wir sahen; nur etwas nicht, das ist das schreckliche Gefühl des Eindringens der Waffe. Ah! das ist unvergesslich!"

"Nun, es muss Sie trösten," meinte gutmütig Herr Beil, "dass Sie damals eigentlich noch unzurechnungsfähig warenein Kind."

"O sagen Sie das nicht, ich durchlebte in dem Moment eine Reihe von Jahren, und war nachher so bedacht und entschlossen, dass man mir jetzt die Mutter nicht mehr geraubt hätte. – Doch das war vorbei. – Genug also, er fiel nieder, ich liess natürlicher Weise den Griff der Waffe los und zog mich gegen mein Bett zurück. Die Türen wurden hastig geöffnet, die Dienerschaft lief zusammen, ich hoffte immer, mein Vater werde auch erscheinen. Aber statt seiner erschien ein ältlicher Herr, mühsam am Stocke gehend, – mein Grossvater; ich sah das an der Ähnlichkeit mit meinem Vater, ich habe sein Bild nie vergessen. – Das da hat gute Geschichten gemacht, rief er zornig, nur fort damit! Seht, ob man Hilfe bringen kann. – Das Letztere war nun nicht möglich; man bemühte sich eifrig um den totenvergeblich. Dann stiess man mich aus dem Zimmer, mich und meine arme, arme Schwester. Dass sie furchtbar gelitten bei der eben beschriebenen Scene, können Sie sich wohl denken; sie fühlte, so klein sie war, dass ihr Bruder etwas Schreckliches begangen. – Man brachte uns fort, nachdem man uns vorher schlechte Kleider angezogen; wir fuhren mehrere Tage und Nächte; anfänglich wandte ich alle Kraft auf, um den Schlaf von meinen Augen zu verscheuchen, und ich bemühte mich, wo möglich einzelne Schlösser, Ortschaften, Flüsse und dergleichen meinem Gedächtnisse einzuprägen, um vielleicht später den Rückweg nach jenem schloss finden zu können. Unbegreiflich wird es Ihnen sein, wenn ich Ihnen sage, dass ich den Namen meines Grossvaters und Vaters nicht wusste; in Palermo wurde der Letztere von der Mutter und der Dienerschaft nur Sir Robert genannt. – Wissen Sie wohl, was ich gar zu gern von dort mitgenommen hätte? Es war jenes zweischneidige Messereine schöne Waffe. Aber merkwürdig genug, viele Jahre nachher kam es zufällig in meinen Besitz. – Doch weiter!

Meine natur unterlag also; obgleich kräftig mit dem Schlafe kämpfend, überwältigte er mich doch, ich vergass Alles, und als ich endlich erwachte, war es durch das Anhalten des Wagens. Doch denken Sie sich meinen Schrecken, als ich aufwachte und meine Schwester nicht mehr sah. Wo und wie man uns getrennt hatte, war mir unerklärlich. Ich erinnerte mich deutlich, dass ich, ehe ich einschlief, meinen Arm um ihren Hals geschlungen hatte, und dass sie mich fest an sich drückte, wie es früher die Mutter getan. O! dieser Verlust traf mich hart, hatten wir uns doch gegenseitig getröstet.

Ich wurde in ein Haus gebracht zu einem widerwärtig aussehenden mann; – es war ein scheinheiliger Hallunke, der das Gebetbuch nie vom Tische brachte, aber seinen Nebenmenschen betrog, wo er konnte. – Man zahlte für mich ein ärmliches Jahrgeld; er sollte sehen, ob etwas aus mir zu machen sei, er sollte mich jedes Geschäft, jedes Handwerk ergreifen lassen, wozu ich Lust in mir verspürte. So sagte er mir; ich aber, wie Sie begreifen werden, früh gereift, klug, umsichtig, merkte bald, dass dieser Mann den Befehl hatte, mich tun zu lassen, was mir gut däuchte, das heisst, nur in Lastern und Ausschweifungen. Darin liess man mir allen Willen, darin konnte ich tun, was ich wollte. Ich trieb mich also den ganzen Tag herum, ich trank, wo ich etwas bekam, ich spielte, zuerst ehrlich, dann falsch, und da ich ein hübscher Bube war, mochten mich alle Nachbarn leiden; ich ritt ihre Pferde, ich suchte mit grossem Geschick verloren gegangenes Vieh wieder auf, ich wurde kräftig und gewandt, kein Pferd war mir zu wild, kein Fenster, kein Baum zu hoch; ich stählte meinen Körper so, dass ich Alles ertragen konnte, mir war es gleich, ob ich in meinem Bette war, oder die Nacht im Freien zubrachte unter Sturm und Regen. Bei meinem Erzieher lernte ich aber das Wichtigste: Verstellung; zuweilen ignorirte er mein wildes Treiben, zuweilen peitschte er mich wütend dafür aus, und das namentlich, so lange ich ihm offen und ehrlich meine Streiche bekannte; als ich aber anfing, Alles zu leugnen, die Augen niederzuschlagen und seufzend im haus umherzuschleichen, da ging es besser, und das merkte ich mir bald. –

Sie können sich denken, dass ich meine Vergangenheit, Vater, Mutter und Schwester nicht vergass und werden sich wundern, dass ich nicht