Leide zu tun? – Gewagt! lachte er höhnisch; geh' in dein Bett, Knabe, und bekümmere dich nicht um Sachen, die dich nichts angehen. Damit liess mich seine Hand los und stiess mich mit der Faust an die Schulter, dass ich ein paar Schritte in das Zimmer hinein taumelte und gefallen wäre, wenn ich mich nicht an meinem Bette gehalten hätte. – Ich war gestossen worden, zum ersten Male in meinem Leben und von der Hand eines Dieners; ich ballte meine Fäuste, ich biss meine Lippen blutig; was sollte ich machen? Das da war ein starker, wohl bewaffneter Mann, ich ein kleiner, fast unbekleideter Knabe; ich zitterte vor Zorn und Kälte, setzte mich auf mein Bett und strengte Ohren und Augen an, um zu sehen und zu hören. – Ja, es war die stimme meiner Mutter, die ich nun im Nebenzimmer wieder vernahm; sie bat, sie weinte, sie rief nach uns; – so gebt mir wenigstens meine Kinder! sprach sie; ich will ja weiter nichts, o Gott! o Gott! nur meine Kinder, meine armen kleinen Kinder! – Ich weinte mit ihr und rief so laut ich konnte: Mutter! Mutter! hier sind wir, lass uns nicht allein! – Der alte Mann, der an's Fenster getreten war, er, der mich gestossen, streckte mir drohend die Faust entgegen und sagte hohnlachend: schrei nur, kleine Schlange; man wird dich dafür züchtigen.
Im Nebenzimmer war es stille geworden; der Mann wandte sich gegen die Scheiben und öffnete einen Flügel des Fensters. Unten im hof rollten Räder auf dem Sande, Fusstritte erschallten auf der Freitreppe vor dem haus, und ich glaubte die Seufzer meiner Mutter zu vernehmen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte ich um mich her, ich suchte eine Waffe; ich wollte Mutter und Schwester, ich wollte mich verteidigen. Ah! neben meinem Bette befand sich eine Trophäe von Dolchen und Messern aller Art; er hatte mich gestossen, er hatte mich eine Schlange genannt, ich wollte es sein, – ich wollte ihn stechen. Ich kroch auf mein Lager zurück, ich fasste nach einer der Waffen – es war ein schuhlanges Messer, zweischneidig, oben breit, unten spitz, das mir am nächsten hing, es ging leicht aus der Scheide, ich hielt es in meiner Hand, und verbarg es hinter dem rücken. – Ah! da vernahm ich abermals die stimme meiner Mutter; in herzzerreissendem Tone rief sie vom hof zu den Fenstern hinauf: Meine Kinder! lasst mir meine Kinder!
Der alte Mann beugte sich hinaus und rief hinab: Nur fort! Nur fort! werft sie in den Wagen und macht, dass ihr von dannen kommt. – Darauf hörte ich noch einen einzigen Schrei drunten, aber einen Schrei, dessen grässlichen Ton ich nie vergessen werde. Man hörte den Wagen schliessen, Peitschen knallen, dann knirrschten die Räder auf dem Sande. –
Ich fasste das Messer fest in die Rechte, er am Fenster verschloss die Scheiben wieder und trat in das Zimmer zurück. Jetzt zu dir, Bürschlein, sagte er, und ging direkt auf mein Lager zu. In dem Augenblick war ich kein Kind mehr, ich fühlte nichts Menschliches in mir, ich war ein reissendes Tier, eine Schlange, eine wilde Katze. – Komm nur! rief ich ihm entgegen, ich bin keine wehrlose Frau; komm nur, ich will mich verteidigen. Damit sprang ich in die Höhe, so dass ich auf meinem Bette stand. Die rechte Hand mit dem Messer hielt ich hinter meinem rücken verborgen; er ahnete davon nichts, sondern sprach lachend: die Peitsche wird dich geschmeidig machen. –
– Das waren auf dieser Welt seine letzten Worte; er war mir ganz nah, ich streckte plötzlich meine rechte Hand vor, und klug berechnend, dass mir zu einem Stosse die nötige Kraft fehle, hielt ich den Arm steif und warf mich vom Bette herab ihm entgegen. Die Wucht meines kleinen aber doch schon schweren Körpers trieb ihm das zweischneidige Messer in die Brust, – ja in die Brust, und zwar tief hinein bis an's Heft."
"Gott, im Himmel!" rief Herr Beil entsetzt, "das war ja ein Mord."
Der Baron hatte das Letzte mit steigender Heftigkeit erzählt; sein Arm zuckte, seine Augen flammten, er warf sich mit dem Oberkörper vorwärts wie damals, als er jenen Stoss getan; dann flogen seine Finger weit aus einander, als lasse er das Heft des zweischneidigen Messers fahren; doch versuchte er hierauf zu lächeln, strich sich mit der Hand über das Gesicht und sagte nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich wieder vollkommen gesammelt: "eigentlich war es kein Mord, es war eine Notwehr; auch rächte ich meine Mutter. – Ich versichere Sie, bester Beil, eine höhere Macht hatte die Hand des Knaben gelenkt; jener alte Mann war der Vertraute und schlechte Ratgeber des Lord K., er hatte zu allem Dem beigetragen, was gegen die Mutter und uns unternommen wurde." –
Hier schwieg der Erzähler, ein finsteres Lächeln flog über seine Züge, während er die Glieder seiner goldenen Uhrkette langsam durch die Finger gleiten liess.
Vierundsechzigstes Kapitel.
Ein wildes Leben.
"Ah!" fuhr nach einer Weile der Baron fort, "es ist ein eigentümliches Gefühl, eines Menschen Blut zu vergiessen.