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Alles." –

So rollt der Wagen dahin, und der Bediente hintenauf hält sich bequem an den Riemen desselben fest und schlenkert sanft hin und her; er hat im Gegensatz zum Kutscher ein freundliches, stets lächelndes Gesicht, und er würde seinem Collegen gern ein Wort mitteilen, doch weiss er wohl, dass er von dem da vornen keine Antwort bekommt.

In den entlegeneren Strassen, wohin der Wagen fährt, hält er meistens vor den kleinsten, unscheinbarsten Häusern. Dort springt der Bediente vom Tritt herab, zieht heftig an einer Klingel, die aussen am haus angebracht ist und wartet alsdann, während der alte Kutscher seine Zügel nachlässt, noch ein paar Zoll mehr zusammensinkt und die Peitsche auf den Schenkel aufstützt. Nachdem die Klingel ertönt, öffnet sich irgendwo im Haus ein Fenster, ein Kopf sieht heraus und es wird herabgerufen: "Gleich, gleich, Schwindelmann! Ich will nur meinen Kaffee austrinken;" oder: "Ich packe gerade meinen Korb zusammen." Darauf brummt der Kutscher etwas in den Bart, Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hüpft von einem Fuss auf den andern, um sich warm zu machen. Bald nachher hört man Tritte auf der Treppe des kleinen Hauses; die tür öffnet sich und ein junges Mädchen erscheint in derselben, fest in ein grosses Tuch oder einen Mantel gewickelt, während hinter ihr eine Schwester oder eine Mutter ein grosses Paket, einen Korb oder dergleichen im arme hat, welchen Schwindelmann sogleich übernimmt und in den Wagen befördert. Dann lässt er den Tritt herunter, und wenn der Wagen dicht am haus vorgefahren oder die Strasse gerade trocken ist, so hüpft die junge Dame, die unter der Haustüre steht, gewöhnlich mit einem einzigen Sprung in den Wagen. Ist es aber schmutzig oder die Calesche hat nicht recht herangekonnt, so sagt das Mädchen auf der Hausschwelle: "Schwindelmann, sei artig", und dann lacht Schwindelmann, hebt sie so leicht auf, wie vorhin das Paket und befördert sie mit einer schwingenden Bewegung in den Wagen, schliesst den Schlag und lässt sogleich weiter fahren.

Das geschieht so an vier bis fünf Häusern nach einander, und da hiebei der Wagen durch eben soviel junge Damen angefüllt wird, so tritt Schwindelmann an den Schlag und fragt: "Haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei, oder müssen wir heimfahren?" Er jetzt auch wohl hinzu: "Es wird kalt heute Abend und der alte Andreas möchte früh nach Haus! Ihr könnt wohl ein Bischen zusammenrücken." Und dann lachen die drinnen meistens laut auf, es kreischt auch hie und da Eine, die ein wenig an ihre Füsse gestossen wurde; da aber die Calesche breit ist und die Mädchen den alten Andreas gut leiden können, so drücken sie sich zusammen und machen noch Platz für Zwei, drei, so dass der Wagen oft mit Acht dahinrollt, nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder, die unterwegs ebenfalls noch mitgenommen werden, die sich aber sehr dünn machen und rechts und links am Schlage stehen bleiben müssen. Die Pakete und Körbe allein verursachen dem ehrlichen Schwindelmann einige Verlegenheiten. Wenn es gutes Wetter ist, weiss er sich zu helfen; er bepackt alsdann die ganze Decke der Calesche, schiebt dem brummenden Andreas auch zuweilen eines der Passagierstücke auf den Sitz, er selbst nimmt nicht selten einen grossen Korb auf den Kopf, das heisst, wenn es unterdessen dunkel geworden ist, und so rollt der Wagen dahin, die Pferde langsam trabend, Andreas mürrisch und verdriesslich, und die junge weibliche Welt im inneren meistens lustig und heiter und tausend gute und schlechte Witze machend.

Diese Equipage aber, geneigter Leser, die du in der Residenz wöchentlich mehrere Male zwischen vier und fünf Uhr Nachmittags bei dir vorüberrollen siehst, ist der Teaterwagen, von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch der Tespiskarren genannt, seiner Abstammung nach eine geborene Hofcalesche, die so lange für die Ehrendamen und Ehrenfräulein benützt wurde, bis diese kostbaren Wesen behaupteten, nicht länger mit Ehren darin fahren zu können.

An dem Nachmittage nun, wo unsere geschichte beginnt, fuhr der Teaterwagen abermals und ziemlich früh durch die Strassen. Es wurde an diesem Abend ein neues Ballet gegeben, und das ganze grosse tanzende Personal musste zusammengeholt werden. Der Wagen war schon ziemlich besetzt und Schwindelmann trat an den Schlag, um sich zu überzeugen, dass noch für Jemand Platz da sei, oder genugsam guter Wille, um zusammenzurücken.

"Wen holen wir noch?" fragte eine stimme aus dem Wagen.

"Mamsell Clara," antwortete der Teaterdiener.

"Ah! die Prinzessin!" lachte eine andere Tänzerin aus dem Wagen. "Die vornehmen Plätze sind besetzt; sie wird sich mit einem Rücksitz bequemen müssen."

Und eine Dritte fügte hinzu: "Ich fürchte, Mamsell Clara wird es übel nehmen, wenn wir sie einladen, als Sechste bei uns zu sitzen."

Schwindelmann konnte unter Umständen grob werden, bevor aber dies geschah, zupfte er sich selbst an einem seiner Ohren, als wenn er sagen wollte: "Mässige dich." Heute tat er auch also, mässigte sich aber nicht, sondern entgegnete mit ziemlich lauter stimme: "Spart doch euer Geschwätz; wenn Jede von euch auch nur halb so zufrieden wäre wie die Clara, so brauchte man in der Garderobe ein paar Ankleiderinnen weniger, und wir würden in der halben Zeit fertig. Pfui Teufel! so ein Aufheben zu machen! – Wollt ihr oder wollt ihr nicht?"