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er sich zu meiner Mutter und sagte: mein Vater, der uns hier empfangen wollte, wurde plötzlich unpässlich und musste in dem Städtchen C., einige Meilen von hier, die Nacht zubringen. Er wünscht mich aber sogleich zu sprechen, und du wirst einsehen, dass es meine Pflicht ist, zu ihm hinzueilen."

"Das sah meine Mutter allerdings ein, bat aber schüchtern, ihn begleiten zu dürfen. Es sei ihr ängstlich hier allein in dem fremden schloss, setzte sie mit leiser stimme hinzu. – Wo denkst du hin? entgegnete der Vater. Es ist dunkel und nach C. ein schlechter Weg. Und dann, liebes Kind, was fabelst du von einem fremden schloss, es ist ja dein eigenes; hier werden wir künftig wohnen. Morgen mit dem Frühesten bin ich wieder bei dir.

Nach diesen Worten traten wir in das grosse Gebäude und wurden von zahlreicher Dienerschaft empfangen. Lakaien mit silbernen Leuchtern trugen mich und die Schwester die breiten Steintreppen hinauf, zwei Kammerfrauen küssten ehrerbietig den Saum des Mantels meiner Mutter und folgten ihr, welche, vom Vater geführt, vor uns ging.

Die Gemächer oben waren wohl prächtig und schön, aber gross und ernst. Wände und Decke waren dunkel, mit Schnitzwerk bedeckt, und die Vergoldung an denselben blickte uns im Glanz der Lichter wie verstohlener Weise mit glühenden Augen an. Wir speisten zu Nacht, der Vater zeigte uns unsere Zimmer, dann drückte er, Abschied nehmend, die Mutter herzlich an sich, küsste mich und die Schwester und entfernte sich.

Die Mutter sank auf einen Fauteuil nieder und nahm meine Schwester in ihre arme. Ich schlich mich an das Fenster, schlüpfte hinter den schweren Vorhang, der es bedeckte, und blickte in die Nacht hinaus. Drunten im hof war es lebendig; ich sah den Qualm der fackeln, und zuweilen, wenn ihn ein Windstoss auf die Seite jagte, flackerten die dunkelroten Flammen hoch empor und erleuchteten das finstere Schloss mit seinen vielen Fenstern. Der Vater stieg zu Pferde und gleich darauf sah man ihn wegreiten; der alte Mann ihm zur Seite, die Reiter mit den fackeln vor und hinter ihm. Ich weiss nicht, wie sie so dahin galoppirten durch die grünen Gebüsche über den geschlungenen Weg, jetzt verschwanden, so dass man nichts mehr sah als die überhängenden Zweige von der roten Glut der fackeln angestrahlt, jetzt wieder zum Vorschein kamen, da schnürte eine unerklärliche Angst mein Herz zusammen. Sie sahen so unheimlich aus, die finstern Gestalten auf den dahinjagenden Pferden; mir war gerade so, als entführten sie gewaltsam meinen Vater, als gehe er einem Unglück entgegen und wisse es selbst nicht. Ich wollte ihn zurückhalten, – er musste gerade den Park verlassen haben; man sah nur noch einen unbestimmten Schein zwischen den Bäumen, der aber plötzlich erlosch. Ich klopfte an die Scheiben, ich wollte das schwere Fenster öffnen, indem ich ausrief: Vater! Vater! reite nicht hinweg, verlasse uns nicht, o du kommst nicht zu uns zurück!"

"Bei diesen letzten Worten war der Baron, von der Erinnerung überwältigt, empor gesprungen, streckte die hände von sich ab und hatte die Augen starr und weit geöffnet. – 'Ah!' sagte er nach einer Pause, während welcher sich seine Züge wieder belebt hatten, 'ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen, zu lebhaft zu denken. Ich bin ein schlechter Erzähler. Jetzt will ich mich aber zusammen nehmen.'

Es war das für uns alle drei ein trauriger Abend. Die Mutter sass in ihrem Lehnstuhle, hielt uns Beide in den Armen und starrte nachdenkend vor sich hin, fuhr aber bei dem geringsten Geräusch, das sich im schloss hören liess, erschreckt in die Höhe und drückte uns ängstlich an sich, als wolle sie uns vor irgend einer Gefahr beschützen. Endlich gingen wir zur Ruhe, – wir schliefen in zwei Zimmern neben einander, ich und meine Schwester in dem einen, die Mutter in dem anstossenden; die tür blieb natürlicherweise offen. Ich weiss nicht, um welche Stunde es war, als ich erwachte; ich glaubte Stimmen im Nebenzimmer zu vernehmen, und als ich mich in meinem Bette aufrichtete, hörte ich wohl, dass ich mich nicht getäuscht hatte.

Der Morgen dämmerte, aber da es spät im Herbst war, drang auch nur ein schwaches, trübes Licht durch die zugezogenen Fenstervorhänge. Ich blickte nach meiner Schwester, die ebenfalls aufrecht in ihrem Bette sass. – Was ist das? fragte ich sie. – Ich weiss nicht, gab sie mir zur Antwort. Die Mutter weint und bittet. – Ich will zu ihr! rief ich aus; ich will ihr helfen. – O ich war damals ein energisches Kind; Furcht kannte ich nicht. – Die Türen haben sie zugeschlossen, sagte meine Schwester. Und so war es in der Tat. Ich glitt von meinem Lager herab, um sie wieder zu öffnen; doch kaum hatte ich mich auf einige Schritte dem Nebenzimmer genähert, als eine starke Hand meinen Arm fasste. Ich zuckte zusammen, blickte empor und sah neben mir jenen alten Mann mit den finstern, unangenehmen Zügen, der uns am Ufer der See empfangen hatte und später mit meinem Vater fortgeritten war. –

Was willst du? fragte er mit strenger stimme. – Ich will zu meiner Mutter, sagte ich ihm; hörst du nicht, dass sie weint? Wer hat es gewagt, ihr etwas zu