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Ob und welche Schritte nun während dieser Zeit mein Vater in Schottland getan, weiss ich nicht; genug aber, plötzlich kam die Nachricht, Lord K. wolle sich mit seinem Sohne aussöhnen, er sandte Gelder und Briefe, er schrieb, das Geschehene soll vergessen sein, nur stellte er die Bedingung, meine Eltern sollten Sicilien verlassen und nach der Heimat meines Vaters zurückkehren. So sehr meine Mutter auch ihre schöne Insel liebte, so hatte sie doch in der letzten Zeit so viele Kränkungen erfahren, dass sie ihre Vaterstadt, ihre Familie, nicht ungern verliess.

Wir schifften uns also ein; ich zählte damals zehn Jahre, meine Schwester vier. Unser Beider einziger Kummer war, dass wir die alte bekannte Dienerschaft unseres Hauses zurücklassen mussten; so hatte es Lord K. gewünscht. Die Abreise aus Sicilien schmerzte uns Kinder nicht besonders; uns freute das schöne Schiff, welches wir bestiegen, die bevorstehende Reise, – und als wir Neapel gesehen, Rom und die hohen schneebedeckten Berge der Schweiz, dachten wir nicht mehr an unsern Monte Pellegrino, nicht mehr an die schöne Bucht Palermo's und noch viel weniger an die tränenerfüllten Augen der alten Diener unseres Hauses.

Die Erinnerung an Sicilien trat auch nicht eher wieder lebendig vor uns, als bis wir uns der Küste Schottlands näherten. Es war ein frostiger und unheimlicher Herbstabend, das Meer bewegt, die grauen Wellen schwankten hin und her, und wo sie zusammen stiessen, bildeten sich weisse Schaumkronen auf dem schmutzigen wasser. Vor uns wurde das Land sichtbar, die hellen, zerklüfteten Felsen blickten unbestimmt und geisterhaft aus dichtem Nebel hervor. Schwer zerrissene Wolkenmassen hingen am Himmel, und dort am land hatten sie sich tief herabgesenkt, dass die aufsteigenden Dünste sichtbar mit ihnen in Verbindung traten. Weisse Möven mit ängstlich gellendem Schrei umflatterten in Schaaren unser Schiff, flohen vor den Windstössen dem land zu oder schaukelten einige Augenblicke vor und neben uns auf den Wellen. Mein Vater war unten in der Kajüte beschäftigt, die Mutter und wir auf dem Verdeck. Ich vergesse diesen Augenblick nie, in meinem ganzen Leben nicht: wie schon gesagt, wir dachten so lebhaft an unsere heimatliche Bucht, die namentlich Abends bei untergehender Sonne so prächtig glüht und glänztunser neues Vaterland wollte uns gar nicht gefallen. Die Mutter war traurig und bewegt, wie ich sie nie gesehen, sie hielt uns Beide in ihren Armen, sie drückte unsere Köpfchen an sich, und wenn sie sich zu uns herab beugte, um uns zu küssen, so fühlte ich deutlich, wie ihre heissen Tränen auf meine kalten Wangen fielen. Ich werde das nie vergessen.

Bald wurden die Segel eingezogen, die Matrosen eilten auf's Verdeck, das Schiff legte bei und wir schwammen langsam in das Innere einer kleinen Bucht, die rings von drohenden Felsen umgeben war. Es war schon so dunkel, dass wir auch diese nur in schwarzen Umrissen an dem helleren Nachtimmel bemerken konnten. Am Ufer sahen wir ein paar Lichter, welche einsam durch die Nacht leuchteten. Die Brandung toste, der Wind sauste, es war ein recht unheimlicher Abend. Bald darauf kamen Boote heran; wir wurden mit Vater und Mutter hinein gebracht, und in kurzer Zeit erreichten wir das Ufer. Dort standen Wagen bereit; sie waren mit Reitern umgeben, die fackeln trugen. Ein alter Mannich sehe sein widriges Gesicht heute noch vor mirhielt eine solche, stand neben seinem Pferde und grüsste meinen Vater ehrerbietig.

Wir stiegen ein und fort ging's im vollen Galopp, einen Berg hinauf, lange, lange über eine öde Haide. – Du findest wohl Schottland nicht so schön wie Italien, sagte mein Vater zur Mutter, die hinaus in das Dunkel starrte und ihre Hand auf die seinige gelegt hatte. – Ich weiss nicht, mein Herz friert, versetzte sie; es ist aber ein zu hässlicher Abend; auch die Kinder scheinen ängstlich. – Nur Geduld, entgegnete der Vater, morgen bei Sonnenlicht und an Ort und Stelle wird es euch schon gefallen. O Schottland ist berühmt wegen seiner prachtvollen Gegenden.

Wir fuhren vielleicht zwei Stunden beständig sehr schnell durch die Nacht dahin; endlich hielt der Wagen. Ein eisernes Tor knarrte und seufzte in seinen Riegeln; wir fuhren hindurch, die Räder rollten sanft auf einem Sandwege. Wir befanden uns in einem grossen und, wie es schien, sehr schön angelegten Parke. Gebüsche standen am Wege, und hohe Bäume, deren Zweige vom Wind hin und her gejagt wurden, hingen über unserm Wagen. Zuweilen öffnete sich auch die Aussicht auf Wiesengründe, und auf denselben sah man glänzende Linien und Punkte: kleine Bäche, Teiche und Seen. –"

"Verzeihen Sie mir, bester Beil," unterbrach hier der Baron lächelnd seine Erzählung, "dass ich etwas zu umständlich bin; ich könnte Ihnen das alles mit wenigen Worten berichten, aber es ist so wichtig für mich, dass ich meinen Zuhörer in eine passende Stimmung bringe."

"Was Ihnen gelungen ist," antwortete der Andere mit leiser stimme; "ich fühle mich bewegt und erwartungsvoll."

"Endlich hielt der Wagen," fuhr der Baron ruhig fort, "wir standen vor einem grossen schloss; der alte Mann, den ich schon drunten am Ufer bemerkt, näherte sich meinem Vater und überreichte ihm ein Schreiben. Dieser riss den Umschlag ab, durchflog den Inhalt und rief aus: Ah! das ist mir unangenehm. Darauf wandte