Brust berührte. So blieb er vielleicht zehn Minuten lang in tiefes Nachsinnen verloren, sein Gesicht war bleich, seine Augen gerötet, als habe er vor dem Lager des Kindes geweint. – Jetzt verbarg er seine rechte Hand auf der Brust, sein ganzer Körper schüttelte sich wie im Fieberfrost, er seufzte tief, worauf er seinen Kopf langsam erhob und Herrn Beil, der ihn forschend betrachtete, mit einem erzwungenen Lächeln ansah.
"Jetzt habe auch ich geträumt," sagte er nach einer Pause, "fast ebenso finster wie Sie, wachend geträumt, und das ist viel schlimmer. Apropos! erinnern Sie sich auch noch zuweilen jener Nacht, von der Sie mir erzählt, wissen Sie, am Kanale, wo Ihnen das Gespenst erschienen?"
"Ich werde das nie vergessen," sagte plötzlich sehr ernst werdend Herr Beil.
"Sie waren damals in einer traurigen, gedrückten Stimmung und erzählten dem Phantom ihre Lebensgeschichte."
"Ach ja, und ich muss sagen, für ein Gespenst war die Gestalt von damals teilnehmend genug und sprach recht vernünftig."
"Und als Sie erzählt, fühlten Sie sich sehr erleichtert, und auch auf andere Gedanken gebracht? – – Nun wohlan, auch ich bin heute in einer solchen Stimmung wie Sie damals. Wollen Sie mein Gespenst vorstellen und mich eine halbe Stunde lang geduldig anhören, so hoffe ich, es soll auch mir eine Erleichterung sein."
"Ich werde mich dadurch geehrt fühlen," entgegnete Herr Beil, indem er die Hand auf's Herz legte.
"Aber Sie wissen, dass die Gespenster ein unverbrüchliches Stillschweigen bewahren über das, was man ihnen anvertraut, dass sie schweigsam sind wie das Grab."
"Aus welchem sie kommen," sagte schaudernd Herr Beil. "Ich höre und werde ebenso schweigsam sein, stumm wie das Grab, – ganz Gespenst."
Der Baron lehnte sich in seinen Sessel zurück, blickte an die Decke empor und drückte die Fingerspitzen beider hände fest gegen einander. "Sie haben noch nie Deutschland verlassen," sagte er, "Sie gingen noch nie südlich, überstiegen noch nie die schneebedeckten Alpen, um von ihnen herabsteigend Italien zu erreichen." Ah! das ist ein schönes, herrliches Land, ein angenehmer Himmel, prächtige Gegenden, schöne Menschen; glücklich, wer dort hindurch fliegen kann mit einem leichten, fröhlichen Herzen, sich bald hier aufhaltend, bald dort, wie es ihm gerade gefällt, bald in grossen, lebhaften Städten, bald in der malerischen Einsamkeit des Landes; jetzt an des Meeres prächtigen Felsgestaden, bewundernd dem Tosen der Wellen zulauschend, jetzt in die Berge hineinfliehend, wo man nichts mehr vernimmt als das Rauschen der Lorbeer- und Orangenzweige und den Gesang eines Vogels. –
"Wenn man einmal dort war und man ist zurückgekehrt nach dem kalten Norden, so zieht es Einen beständig wieder dortin, man vergisst, dass das schöne Land auch seine Plagen, seine Unannehmlichkeiten hat; man denkt nur an den blauen Himmel und den blitzenden Sonnenschein, der das reichste Gold auf die Landschaft ausgiesst, der hervorzaubert all' die göttlichen Tinten, die wir mit keinem Namen bezeichnen können. Man träumt nur von jenen wunderbar klaren, duftreichen Nächten, wo die Mondsichel in einer unbegreiflichen klarheit am Himmel steht, wo Leuchtwürmer hin- und herschwärmen, wo aus dem dunkeln Laub der Orangen die weissen Blüten sichtbar sind im geheimnissvollen und reizenden Schimmer. – Ah! eine solche Nacht ist herrlich; dazu das Leuchten des Meeres, wenn dein Boot nun vom Ruder zurückgehalten, an die Ballustrade des prächtigen Gartens rauscht, wo herüberhängende Lorbeerzweige eine sichere Bucht bilden, wo man auf die Gefahr hin, zu stranden, unaufhörlich nach den dunkeln Gebüschen blickt, unter denen ein flatterndes Gewand hervorleuchtet. – Ah! – Doch weiter! – Dem Süden zu, gleich den Zugvögeln! Vorbei an dem heitern Florenz, dem ernsten Rom, dem lustigen Neapel. Lasst hinter uns liegen den mächtigen Vesuv mit seiner ewigen Rauchwolke, die, einer riesigen Pinie gleich, in der klaren Luft fast unbeweglich über ihm steht; vorbei an dem tiefblauen Golfe, den die malerischen Gestade umgeben, aus dem die seltsam geformten Inseln hervortreten, der übersät ist mit weissen kleinen Segeln. – Vorbei an allem Dem, über das Meer hinüber, den Gestaden entlang, welche dir der Steuermann in der Dunkelheit zeigt und die sich fast grauenhaft bemerkbar machen in der Nacht auf dem finstern wasser. Funken und Flammen steigen donnernd aus ihnen empor, und wie glühend übergossen, zeigt sich blitzartig der Krater, um gleich darauf wieder zu verschwinden – Stromboli. Noch einige Stunden und Palermo liegt vor dir.
O Palermo, reizende Stadt! mit deinem prächtigen Hafen, mit dem Monte Pellegrino, deinem Wahrzeichen und riesenhaften Leuchtturme; denn glänzt er nicht weit in die See hinaus, namentlich Abends und Morgens in immer wechselnden, brennenden Farben! Ja, bis zum späten Abend, wo die violetten Schatten seiner Schluchten immer grösser und bedeutender werden, langsam die Glut seiner Lichter auslöschen, und ihn endlich mit dem nächtlichen Schleier überziehen. O Monte Pellegrino, wie oft hing mein Auge an deinen seltsamen, zackigen Formen, wie oft verfolgte es den Weg, der dich in den eigensinnigsten Wendungen erklimmt; – und ruhig blickst du auf Palermo, die prächtige glänzende Stadt mit ihren gelben Kuppeln und strahlenden Zinnen, rings umgeben von den zahllosen Orangen- und Citronengärten, die mit ihrem tiefdunkeln Laube einen Kranz