: "Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern, wenn ich eine gewählte Toilette mache, wie es sich gehört, so muss ich Sie warten lassen, lasse ich Sie aber nicht warten, so muss ich erscheinen wie ich eben bin."
"Vortrefflich!" entgegnete lachend der Baron. "Setzen Sie sich dahin, wenn es Ihnen nämlich nicht zu kühl ist; sonst können Sie auch auf- und abspazieren."
"Ich werde mich setzen," erwiderte Herr Beil. Darauf zog er seinen Schlafrock vorn so züchtig als möglich über einander, und liess sich mit einer ziemlich steifen Kopfneigung nieder, was in der Tat so komisch aussah, dass der Baron laut lachte.
"Ich war heute Abend recht verdriesslich," sagte dieser darauf. "Sie müssen mir verzeihen, lieber Beil, wenn ich dachte, eine kleine Unterredung mit Ihnen würde mich freundlicher stimmen. Und ich bin überzeugt, dass ich Recht hatte, ich fühle mich schon viel leichter und angenehmer. Wenn Sie mir ferner eine gute Auskunft über den Kleinen geben, so werde ich Ihre wohnung heiter verlassen."
"Der Kleine befindet sich vollkommen wohl," gab Herr Beil zur Antwort. "Das ist ein merkwürdiger und gescheidter Bube, etwas eigensinnig, etwas gewalttätig, aber ich liebe das und hasse die Duckmäuser."
"Er schläft?"
"Ob? Seine zehn Stunden, dass es kracht."
"Und waren Sie gestern mit ihm aus?"
"Versteht sich; wie alle Tage, Ihrem Befehle gemäss."
"Aber mit der gehörigen Vorsicht?"
"Wir fahren vor die Stadt, jeden Tag anderswohin, dort spazieren wir umher, bis es dunkelt. Es kommt Niemand Unberufenes in unsere Nähe; ich würde es aber auch Keinem raten."
"Das freut mich," sagte der Baron. "Also Sie bemerkten bis jetzt Niemand, der sich Ihnen zudringlich genähert hätte?"
"Ein einziges Mal etwas der Art vor ein paar Tagen. Ein schäbig gekleideter Kerl, – er trug trotz des kalten Wetters einen dünnen schwarzen Frack, – begegnete uns, wie es schien, ganz zufällig."
"Er war lang und mager?" fragte aufmerksam der Baron.
"Ganz recht, und grüsste uns, als er vorbei ging. Aber der Kleine benahm sich musterhaft; obgleich er jenen Gruss sah, tat er doch nicht dergleichen, und erst, als wir weit von einander entfernt waren, zupfte er mich am arme und sprach: Den habe ich gekannt. Er war es, der mich aus dem garstigen haus fort brachte zu dir und der lieben Frau Fischer."
"Und jener Mensch – wo ging er hin?"
"Er schlenderte eine Zeit lang hinter uns drein, ich aber nahm auf dem nächsten Fiakerstand einen Wagen und liess mich an's entgegengesetzte Ende der Stadt bringen, von wo ich mich vollends zu Fuss nach haus begab."
"Bravo, Herr Beil!" lächelte der Baron. "O, ich verstehe mich auf das menschliche Gesicht, ich wusste, dass ich in Ihnen den rechten Mann fand; wahrhaftig den rechten," setzte er nach einer Pause wie zerstreut hinzu, und wiederholte mit halblauter stimme: "ja, den rechten, – Jemand, der Vertrauen verdient, vollkommenes Vertrauen; und den zu finden war schon lange mein sehnlichster Wunsch."
"Sie sind zu freundlich gegen mich," erwiderte Herr Beil. "Aber was kann Ihnen meine unbedeutende Persönlichkeit sein, Ihnen mit Ihren grossen und mächtigen Verbindungen. Ich bin ein Nichts, dessen Sie sich gnädigst annahmen, und um nur Ihre Wohltaten noch mehr zu versüssen, wiederholen Sie mir beständig, sie seien mit meinen geringen Diensten zufrieden, Sie setzen Ihr Vertrauen in mich."
Wir wissen nicht, ob der Baron diese schöne Rede seines Gegenübers gehört; er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und als er jetzt nach einem tiefen Seufzer empor fuhr und aufstand, sagte er: "Ich will einen Augenblick den Kleinen sehen; wenn es Sie nicht friert, bleiben Sie hier, ich komme gleich wieder." –
"Wenn es mich nicht friert," dachte Herr Beil, als Jener das Zimmer verlassen; "allerdings ist es nicht überflüssig warm, aber dem mann kann geholfen werden; die gute alte Frau wird den Ofen schon geladen haben, wie sie es immer des Abends zu machen pflegt; ich will das Licht darunter halten, und da werden wir bald im Warmen sitzen." Er tat so, zündete das Feuer an, und bald krachte und prasselte es in dem Ofen; und als der Baron nach einer Viertelstunde zurück kam, entströmte demselben schon eine behagliche Wärme.
"Es ist doch besser so," meinte lächelnd Herr Beil; "namentlich für Sie, gnädiger Herr," setzte er forschend hinzu, "denn Ihr Anzug kann den kalten Morgen nicht so gut ertragen als ich. Warum haben Sie Ihren Paletot draussen gelassen? – Soll ich ihn holen?"
"Sie werden ihn nicht finden," entgegnete der Baron; "ich brachte ihn nicht mit, sondern schickte ihn in meinem Wagen nach haus."
"A–a–h! – So!"
Baron Brand hatte sich in einen Lehnstuhl nahe beim Ofen niedergelassen, er legte seine arme auf die Lehne desselben, so dass seine hände schlaff herabfielen, ebenso der Kopf, der so tief niedersank bis sein Kinn die