trat hinein, um sich vor dem heftigen und kalten Winde zu schützen, der durch die Strassen fegte, denn jetzt, wo er aus dem dumpfen Hinbrüten erwacht war, und wieder anfing nachzudenken und zu überlegen, fühlte er wohl, wie frostig es sei.
"Da bekam ich auch, ehe ich zu dieser verfluchten Soirée fuhr, einen Zettel, den ich noch flüchtig lesen konnte. Lasst mich ihn doch noch einmal schauen!" Er griff in die Brusttasche seines Frackes und zog ein Papier hervor. Auf demselben stand: "Nach dem kind wurden Nachforschungen gehalten, die mir verdächtig erschienen; man wusste bestimmt, dass es dort gewesen sei, und man versprach eine grosse Belohnung, wenn man seinen jetzigen Aufentalt erfahren könne, eine noch grössere, wenn es möglich sei, den Buben nur ein einziges Mal und auch nur ein paar Augenblicke zu sehen." –
"Schön, schön!" murmelte der Baron mit einem bittern Lächeln; "wir wollen sorge tragen, dass das vorderhand nicht geschieht. – Armes Kind. – Ja, ja, ich will zu ihm, das wird meine Nerven beruhigen, und wenn ich seinen festen, ungestörten Schlaf sehe, seine regelmässigen Atemzüge höre, so werden meine Gedanken stiller, geordneter und klarer werden. – Pfui! wie kann man sich überhaupt so leicht aus der Bahn werfen lassen."
Er nahm seinen Hut ab, fuhr mit der Hand über die Stirne und durch das dichte Haar, trat, nachdem er sich wieder bedeckt, auf die Strasse zurück und ging mit eiligen Schritten dem obern Teile der Stadt zu.
In einer der bessern Strassen hielt er vor einem kleinen, aber ziemlich ansehnlichen haus und blickte in die Höhe, ob sich nicht irgendwo Licht sehen lasse. Aber es war erst vier Uhr, ein Wintermorgen, wer sollte da schon aus dem Bette sein! Das dachte auch der Baron; er zog einen zierlichen kleinen Schlüssel aus der tasche und öffnete mit demselben das grosse, aber, wie es schien, äusserst kunstreich gemachte Schloss. Geräuschlos drückte er die tür hinter sich zu und stieg mit leisen Schritten die Treppen hinauf.
Das Haus hatte nur zwei Stockwerke; auf dem ersten hielt er, öffnete eine hier befindliche Glastüre, und zwar abermals vermittelst seines Schlüssels, ging hindurch und trat in ein Zimmer, wo er, ohne lange umherzutappen, einen Feuerzeug fand und ein Licht anzündete.
Bis hieher hätte man glauben können, das Haus sei unbewohnt; doch kaum erfüllte sich das Gemach mit dem hellen Schein des Lichtes und drang durch eine halbgeöffnete tür in das Nebenzimmer, als von dort einige Töne gehört wurden, wie von Jemanden ausgehend, der aus tiefem und festem Schlafe geweckt wird.
"Oho!" sagte eine kräftige stimme; "beim Blasser! sind wir schon so spät daran? – Sind Sie es, Frau Fischer? – Nach meiner idee könnte es höchstens drei oder Vier sein; ich habe darin einen merkwürdigen Treff und irre mich selten. – A – a ah! – Nun, Frau?"
Der Baron nahm aber, ohne zu antworten, das Licht von dem Tische, schritt an das Nebenzimmer und leuchtete hinein.
"Alle Teufel!" rief nun plötzlich die stimme; zu gleicher Zeit krachte das Bett und man hörte, wie Jemand eilfertig heraussprang. – "Sie sind es, gnädiger Herr? Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Bitte nur um zwei Sekunden Zeit, damit ich im stand bin, meinen äusseren Menschen mit meinen Gefühlen von Hochachtung und Ergebenheit in Einklang zu bringen."
"Tun Sie das, lieber Beil!" erwiderte der Baron lachend, indem er das Licht auf den Tisch zurücktrug und sich in die Ecke des Sopha's setzte.
"Unverhofft kommt oft," sagte die stimme im Nebenzimmer, "aber diesmal hat das Sprüchwort nicht recht, denn Sie kommen mir gar nicht unverhofft, gnädiger Herr."
"Wie so?"
"Nun, ich träumte vorhin von Ihnen, aber – bei Blaffer und Compagnie! – es war ein garstiger Traum."
"So, so, Herr Beil. Lassen Sie hören."
"Ein böser Traum; ich kann ihn wahrhaftig nicht erzählen: es wäre wider den Respekt."
"Wir sind ja unter uns. Nur heraus damit!"
"Nein, bei allen Blaffern der ganzen Welt! er ist unästetisch."
"Jetzt haben Sie meine Neugierde rege gemacht, und die müssen Sie nun auch befriedigen."
"Aber es war ein zu garstiger Traum. Das heisst, wie man es nimmt; für mich war er unangenehm, weil ich ihn mit ansehen musste. Da aber die Träume immer das Umgekehrte bedeuten, Steine: Geld, Tränen: Freude, so wird er auch Ihnen ein Glück prophezeien. Mir träumte nämlich, Sie wären aufgehenkt worden. Ist das nicht eine grosse Lächerlichkeit?"
"Allerdings," meinte der Baron. Obgleich aber dabei der Ton seiner stimme ein heiterer war, so zog er doch die Augenbrauen düster zusammen und sein Mund zuckte ein klein wenig. "Seien Sie ganz ruhig," sagte er nach einer Pause, "der Traum bedeutet auf jeden Fall etwas Anderes, denn gehenkt werde ich niemals, darauf können Sie sich verlassen."
In diesem Augenblicke erschien Herr Beil unter der tür des Nebenzimmers, sein Nachtlicht in der Hand. Ehe er aber heraustrat, sprach er mit komischem Ernste