fort, "und fand bei meinem Bankier unter einer Menge anderer Schreiben wenigstens ein halbes Dutzend Briefe der Frau von Z., worin sie mich dringend, ja flehentlich bat, sie doch gleich nach meiner Ankunft zu besuchen. – Ich liess aber einige Tage vergehen, ehe ich zu ihr ging; und als ich darauf in die bekannte Strasse kam, schnürte mir ein unerklärlicher Schmerz das Herz zusammen, und meine Hand zitterte, als ich die Stubentüre öffnete.
Frau von Z. war wie damals allein zu haus und dankte mir, dass ich gekommen, obgleich sie sich über meine lange Abwesenheit beklagte, namentlich aber darüber, dass ich Elisen nicht ein einziges Mal geschrieben. Ich machte keinen Versuch, mich der Mutter gegenüber zu entschuldigen und fragte nach dem Mädchen. Sie sei ausgegangen, hiess es, werde aber in kurzer Zeit zurückkehren."
Hier tat Herr von Steinfeld einen tiefen Atemzug, heftete den blick auf den Boden und sagte mit seltsam bewegter stimme: "Sie sprach darauf zu mir; und was sie mir mitteilte, das hatte ich während der Zeit meiner Abwesenheit in schlaflosen Nächten oder in wilden Träumen schon vorhergesehen." – Es hatte sich ein Anderer gefunden, der sich bereit erklärt, die geforderte Summe zu bezahlen. Die Mutter hatte mit Elisen die fürchterlichsten Scenen gehabt, und erst nach langem verzweifeltem Kampf, und Gott weiss durch welche Mittel bezwungen, hatte das unglückliche Mädchen endlich eingewilligt, ihre Ehre zu verkaufen, um die Mutter vom Bettelstabe zu erretten. – Das Alles hörte ich wie im Traum, wie ein fernes Sausen, und ich weiss nur unbestimmt, dass ich mit den Zähnen knirschte und krampfhaft meine hände zusammen ballte. So viel allein ist mir genau erinnerlich, dass ich mich zu einem Lächeln zwang, um Madame zu ihrem guten Geschäft zu gratuliren. – Wann ist diese schreckliche geschichte vor sich gegangen? fragte ich endlich mit tonloser stimme. Und erst als sie darauf erwiderte: Die Sache ist nur projektirt und Elise stellte die einzige Bedingung, zuerst Ihre Ankunft abzuwarten, – da erwachte ich aus meinem Hinbrüten, sprang in voller Wut empor und schleuderte der Mutter Verwünschungen und Flüche entgegen.
Sie liess mich ruhig austoben, indem sie die hände in den Schooss legte, mich mit einer unbegreiflichen Ruhe ansah und nur zuweilen leicht die Achseln zuckte. Sie versuchte gar keine Widerrede, keine Entschuldigung; und erst, als ich wieder insoweit ruhig war, um mit zitternden Händen meinen Hut ergreifen zu können, fasste sie meinen Arm und sagte mit leicht bewegter stimme: "hören Sie mich noch einen Augenblick an, ehe Sie wieder davon eilen wie neulich. Was ich Ihnen jetzt sage, sage ich im Auftrag meiner Tochter Elise; es sind ihre Gedanken, aber die Worte konnte das Mädchen nicht selbst gegen Sie aussprechen; es ist eine Bedingung, die sie mir gestellt, unter welcher allein sie sich meinem Wunsche fügen wird." –
– "Und dann sagte sie mir, Elise sei freilich zu jenem Schritt entschlossen, aber vorher wolle sie mir, den sie unaussprechlich und innig liebe, angehören, – ganz angehören." –
"Ah! die Alte war nicht ihre Mutter," sagte kopfschüttelnd der Major. "Nicht wahr, Hugo, das war auch deine Meinung?"
Der Erzähler nickte mit dem kopf und entgegnete: "Ich bin davon überzeugt, obgleich ich nie darüber etwas Gewisses erfuhr. – Und hier ist eigentlich meine geschichte zu Ende."
"Aber Steinfeld!" bat der Herzog, "das wäre grausam und des guten Erzählers nicht würdig, wenn er so rücksichtslos im letzten Kapitel bei einem der interessantesten Momente abbrechen wollte."
Herr von Steinfeld verbeugte sich leicht vor dem Herzog und sagte: "Wenn es Sie interessirt, gnädigster Herr, so kann ich Ihnen also noch die Versicherung geben, dass ich auf das geständnis der sogenannten Frau von Z. ein paar fürchterliche Tage verlebte; ich wusste mir nicht zu raten und nicht zu helfen. Wenn ich auch meine sämmtlichen für den Augenblick disponibeln Mittel zusammen nahm, so erreichten sie doch bei Weitem nicht die geforderte Summe. – Ja, ich war schon im Begriff, mich an Euer Durchlaucht zu wenden, aber –" hier unterbrach er seine Worte durch ein trübes Lächeln.
"Sie trauten mir nicht, Steinfeld."
"Ich will das gerade nicht sagen; aber ich vergass vorhin in meiner Erzählung, dass ich der Frau von Z. mein Ehrenwort geben musste, über die Mitteilung, die sie mir zu machen hatte, vor Ablauf einiger Jahre nicht zu sprechen; also war ich gebunden und konnte selbst nicht einmal zu Ihnen sagen: verschaffen Sie mir zehntausend Gulden zu dem und dem Zweck. – Und dann auch," fuhr er nach einer Pause achselzukkend fort, "was konnte mich und Elisen ein solches Opfer nützen? Wie ich den Charakter ihrer angeblichen Mutter kannte, so war Elise doch nicht vor späterer Verfolgung geschützt. – Also –"
"Willigten Sie endlich in die Bedingung?" fragte der Herzog mit einem seltsamen Lächeln.
Und als hierauf Herr von Steinfeld einen Augenblick die Antwort schuldig blieb, bemerkte der Major: "Genire dich nicht, Hugo, und sage aus vollem Herzen Ja. Ich möchte von Einem unter uns wissen, der es anders gemacht hätte."
– "Es war das eine schaurig süsse Nacht," sprach Herr von Steinfeld mit gesenktem kopf, wie in tiefem Traume. "