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gerne sah, wenn man eine Tasse Tee bei ihm nahm und eine Cigarre rauchte. Er entschied sich für das Letztere; er liess das Schloss rechts liegen, beging die weitläufigen Nebengebäude desselben und gelangte nach kurzer Zeit in jene lange Strasse, in welcher der geneigte Leser zu Anfang dieser wahrhaftigen geschichte bei Sonnenuntergang einen flüchtigen blick geworfen.

Da wir nun aber im Begriffe sind, dem in der breiten Strasse vor uns Wandelnden in eine kleine auserlesene Gesellschaft zu folgen, so halten wir es für unsere Schuldigkeit, dem geneigten Leser zu sagen, dass der junge Mann, dem wir heute Abend gefolgt, der Sohn eines reichen Banquiers der Residenz ist, dass er in einer Akademie zugleich mit den Söhnen der ersten Familien des Landes erzogen wurde, dass er durch sein gebildetes, feines und liebenswürdiges Betragen in allen Kreisen gern gesehen ward, dass er seines Zeichens ein Maler war und mit seinem Vornamen Artur hiess; – den hiezu gehörigen Familiennamen werden wir später noch kennen lernen.

Graf Fohrbach war der einzige Sohn seines Vaters, des alten Generals und jetzigen Kriegsministers, und wohnte, seit er mündig geworden, in einem kleinen reizenden Hinterhause des väterlichen Palastes. Der nachsichtige alte Herr hatte ihm in der Mauer, die Hof und Garten umgab, einen neuen Eingang herstellen lassen, an dem sich eine Klingel befand, die mit dem kleinen haus in Verbindung stand. eigentlich befanden sich hier zwei Schellenzüge, jede für die Dienerschaft des Grafen von besonderer Bedeutung. Die eine war für die Vertrauten und Freunde, und wenn sie erklang, so sprang die kleine tür in der Mauer wie von sich selbst auf, um dann hinter den Eingetretenen sogleich durch eine unsichtbare Macht wieder zugedrückt zu werden.

Auf diese Art trat auch Artur in den winterlichen Garten, dessen Bäume in weissem Reif prangten; die Blumenbeete waren mit Tannenreisern zugedeckt; Spaliere und Statuen unter starrenden Strohdecken gaben so recht das Bild des tiefen Winterschlafs, in den die natur versunken war. Aus dem Schornstein eines kleinen Gewächshauses zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke, und das war das einzige Zeichen von Leben, das man im Hof und Garten sah; ein Weg, der bei dem grossen haus vorbeiführte, war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in wenig Augenblicken in die tür des Pavillons, in welchem Graf Fohrbach residirte. Auch hier öffneten sich Haus- und Vortüre wie von selbst und erst, als man die letztere hinter sich hatte, trat man in ein hell erleuchtetes und sanft erwärmtes Vestibül. Ein Diener in Livrée hob schweigend einen schweren Teppichvorhang auf und liess den Ankommenden in ein Vorzimmer treten, Wo sich der Kammerdiener des Grafen befand.

Dieser war ein alter Mann mit weissen sorgfältig gebürsteten Haaren, und schien derselbe im schwarzen Frack und weisser Halsbinde auf die Welt gekommen zu sein; wenigstens erinnerte sich von der jetzigen Generation Niemand, ihn je anders als in diesem Anzuge gesehen zu haben. Er las gerade in einem buch, erhob sich aber aus seinem bequemen Fanteuil, als der Türvorhang rauschte und ging dem Eintretenden freundlich entgegen.

"Ah! Herr Artur kommen früh," sagte der alte Mann, der sich diesen vertraulichen Ton seit den zeiten der Schule, wohin er seinen Herrn begleitet, nicht mehr abgewöhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde desselben ausdehnte. Doch war es eine Auszeichnung, also von ihm angeredet zu werden; entfernteren Bekannten oder Leuten, über deren Charakter er nicht genau in's Klare kommen konnte, gab er ihre vollständigen Titel. – "Der Herr Graf ist vor einer halben Stunde aus dem Teater gekommen."

"Und ist schon Besuch da?" fragte der Maler.

"O ja," entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher stimme, "Herr Eduard, Herr Eugen sind da, sowie auch," setzte er mit plötzlich ernster werdendem Tone und feierlichem Wesen hinzu, "der Herr Baron von Brand." Darauf nahm er halbverstohlen eine Prisedie goldene Dose liess er fast nie aus der Handnickte ernstaft mit dem kopf, als wollte er ausdrücken: es ist gewiss so, wie ich gesagt, und ging sodann auf die tür des Nebenzimmers zu, diese zu öffnen.

"Ist der Herr Baron schon längere Zeit im Salon?" fragte Artur.

"Er kam vor einer kleinen Viertelstunde," entgegnete der Kammerdiener.

"Zu Wagen oder zu Fuss?"

"Zu Fuss, – wie die Lakaien sagen, von dem Hauptause her; er schien drüben einen Besuch gemacht zu haben."

"So, so," erwiderte nachdenkend und mit leiser

stimme der Maler, fuhr aber laut fort, als er den aufmerksamen blick sah, mit dem ihn der Kammerdiener betrachtete: "ja, das habe ich mir gedacht; ich glaubte schon, ich hätte ihn anderswo gesehen, aber ich habe mich geirrt." Nach diesen Worten grüsste er den alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon, der mit ein paar Lampen erhellt war, in dem sich aber Niemand befand. Dicke Teppiche, die den Boden bedeckten, dämpften seinen Schritt und so konnte er einzelne Worte einer Conversation im Nebenzimmer hören, ohne dass man dort seine Annäherung bemerkte.

Artur hob den Türvorhang auf und kam in ein

achteckiges Gemach, von welchem noch nach drei anderen Seiten Türen ausliefen: nach dem Esszimmer, dem Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorsaal, der an ein Glashaus stiess, durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Hauptauses in Verbindung