. Doch wurde mir nicht bloss dies Lächeln zu teil, sondern sie verzog gleich darauf ihr Gesicht wieder in ernste Falten, als sie mich versicherte, sie müsse mir offenherzig gestehen, dass sie nur mein dringendes Schreiben veranlasst habe, mir die erlaubnis zu diesem Besuche zu erteilen. Sie sei eine witwe mit wenigem Vermögen, fuhr sie fort, der Alles daran gelegen sein müsse, sich ohne aufsehen, namentlich aber ohne irgend welche schlimme Nachreden durch die Welt zu schlagen, weil sie nur so im stand sei, für das Glück ihrer einzigen geliebten Tochter dauernd sorgen zu können."
"Und diese einzige und geliebte Tochter sahen Sie nicht alsogleich?" fragte der Herzog.
"Auf mein dringendes Bitten wurde mir später die erlaubnis zu teil, auch deren Verzeihung für meinen unüberlegten Schritt erbitten zu dürfen. – Und auch in Betreff dieses Mädchens hatte Baptist vollkommen Recht," fuhr der Erzähler mit einem Seufzer fort. "Wir wollen darüber nicht viele Worte machen, es würde das lächerlich vorkommen; aber sie war wirklich in jeder Beziehung ein Engel, ein vollkommenes geschöpf: schön, unschuldig, rein. – Ja, unschuldig und rein," wiederholte er, als er die spöttische Miene des Herzogs bemerkte. "Ich versichere Sie, gnädigster Herr, die Seele dieses Mädchens hatte noch kein Hauch irgend einer leidenschaft, irgend eines Lasters getrübt; es war das ein fleckenloser, glänzender Spiegel, der ungetrübt alle äusseren Eindrücke heiter und lustig empfing und sie ebenso zurückstrahlte."
"Das muss etwas Ausserordentliches gewesen sein!" sagte spöttisch der Herzog. "Bedenken Sie doch, meine Herren, noch nach sechs Jahren diese feurige Schilderung!"
"Und die würde ich mit demselben Feuer ebenso noch nach sechzig machen, wenn das möglich wäre," versetzte sehr ernst Herr von Steinfeld. "Doch wenn das Innere dieses Mädchens ausserordentlich war, so war es ihr Aeusseres nicht minder; ich habe nie mehr eine so vollkommen schön gewachsene Gestalt gesehen, so kleine hände und Füsse, solche elastische und edle Bewegungen. Mir war übrigens die ganze Erscheinung von Anfang an ein Rätsel; wenn Frau von Z. ihre Mutter war, so musste der Vater etwas Vorzügliches gewesen sein; denn von der Mutter konnte sie weder die Schönheit, weder die Frische des Geistes, noch diese Erziehung haben. Elise sprach Französisch mit sehr gutem Accent, und Englisch wie eine geborene Engländerin, überhaupt hatte sie in ihrem gesicht viel von dem Typus dieser Nation, namentlich ihren klaren, durchsichtigen weissen Teint, das schöne blonde Haar und die frischen Zähne und Lippen."
In diesem Augenblick wandte sich der Herzog heftig auf die Seite, blickte hinter seinen Stuhl und sagte: "Ah! Sie sind's, Baron Brand? Zum Teufel! ich hatte Sie ganz vergessen, und als ich da auf einmal Ihren tiefen Seufzer hörte, so war mir das ganz unheimlich. – Fehlt Ihnen etwas?"
Der Baron Brand hatte wirklich vorhin aus tiefster Brust geseufzt; doch als er jetzt gefragt wurde, nahm er sich zusammen und entgegnete mit etwas erzwungenem Lächeln: "Euer Durchlaucht wissen, dass ich ein gefühlvolles Herz habe, und da Herr von Steinfeld so ausserordentlich lebendig und schön erzählt, so hat mich seine Schilderung in der Tat etwas angegriffen."
"Sie sehen wirklich blass aus," nahm Graf Fohrbach, der sich jetzt erst zu erinnern schien, dass Herr von Brand ebenfalls in der Gesellschaft sei, erstaunt das Wort. Er hätte gern seinem Freund ein Zeichen gegeben, die Erzählung zu unterbrechen, doch war dies, ohne aufsehen zu erregen, nicht möglich.
"Schon die erste Unterredung, die ich an jenem Tage mit dem Mädchen hatte," fuhr Herr von Steinfeld fort, "entschied über mich und ich fühlte, dass ich eine wirkliche Liebe für sie zu fassen im Begriffe sei. Es war das mehr denn eine vorübergehende leidenschaft; und als ich sie nach einer höchst angenehmen Stunde verlassen und zu haus angekommen war, ging ich lange mit mir zu Rat, ob es nicht besser sei, jenes Haus nie mehr zu betreten, ja Elisen weder dort noch anderswo in ihre schönen, gefährlichen Augen zu schauen. Mein Verstand pflichtete diesem Entschlusse bei, aber mein Herz überredete mich leicht, von der erlaubnis der Frau von Z., zuweilen ihr Haus besuchen zu dürfen, den umfassendsten Gebrauch zu machen.
Ich ging also häufig hin, blieb so lange wie nur möglich, und Elise wurde mir mit jedem Tage teurer. Ohne mir zu schmeicheln, kann ich auch wohl sagen, dass sie mich gerne kommen sah, ja, dass ich ihr nicht gleichgiltig war. Wenn man wirklich liebt, so merkt man das ja so leicht an einem Worte, einem Blicke, einer scheinbar vollkommen bedeutungslosen Berührung der Hand und dergleichen. Es sind das nur Kleinigkeiten, aber mit ihnen durchlebt man die süssesten Stunden. Ich genoss das Alles wie im Traume; oft sah ich sie in Gesellschaft ihrer Mutter, öfter allein. Frau von Z. schien uns vollkommene Freiheit lassen zu wollen. Und wir benutzten diese Freiheit auf's Beste, denn schon nach vierzehn Tagen wusste ich, dass mich Elise eben so innig liebe wie ich sie."
"Und weiter – wie Oktavio in Don Juan sagt!" lachte der Herzog.
"Weiter nichts, gnädiger Herr," sprach Herr von Steinfeld sehr, ernst. "Ich versichere Sie wiederholt: es war das ein