."
"Es hätte mich damals keine Macht der Erde bewegen können, eine Silbe über diese geschichte zu sprechen," entgegnete der Andere sehr ernst. – Doch jetzt ist ja Alles vorüber!" setzte er mit einem leisen Seufzer hinzu.
"Also die Begebenheit!" rief munter Graf Fohrbach. – "Wir sind ja unter lauter guten Freunden," fuhr er fort und betrachtete die vor dem Kamine Sitzenden der Reihe nach. – Den Baron Brand hatte er in diesem Augenblicke vergessen, denn dieser entging seinen Blicken, da er sich wenige Sekunden vorher auf einen ganz niedrigen Sessel hinter den Herzog gesetzt hatte, und so durch Seine Durchlaucht vollkommen gedeckt wurde.
"Es mögen also jetzt sechs Jahre sein, da waren wir zusammen in W., Seine Durchlaucht der Herr Herzog in Begleitung anderer höchster Personen, und ich wiederum in Begleitung des Herrn Herzogs."
"Aber ohne offiziellen Charakter," sagte dieser lachend.
"Ganz richtig," fuhr der Erzähler fort. "Ich hatte das unschätzbare Glück, Seine Durchlaucht unterhalten zu dürfen, wenn Niemand Besseres da war, mit ihr dejeuniren und diniren zu müssen, Sie auf Spaziergängen, Fahrten und Ritten zu begleiten; wobei es mir aber nie erlaubt war, meine wunderbare DragonerUniform anzuziehen."
"Pfui, Steinfeld!" rief der Herzog. "Wie sind Sie bei den Tscherkssen verwildert!"
"Aber damals war ich es noch nicht, gnädiger Herr, das müssen Sie mir zugestehen; denn wenn Sie mir auch nicht gern etwas Erfreuliches nachsagen, so können Sie doch nicht leugnen, dass ich überall gut gelitten war."
"Er war damals ein vollkommener Beau; aber sonst nichts."
"Und desshalb passten wir trefflich zu einander: Euer Durchlaucht hatten den Verstand, das innere Departement, und ich beschäftigte mich stark mit dem äusseren. – Darf ich nun fortfahren?" –
"Eines Tages nun wurde auf den Wunsch hoher Personen," erzählte Herr von Steinfeld weiter, "in einem der Teater ein längst vergessenes Lustspiel wieder aufgeführt, in welchem eins der Hauptmitglieder von jeher excellirt hatte. Seine Durchlaucht nahmen wie gewöhnlich eine Loge und ich hatte die Ehre, Sie begleiten zu dürfen. – Doch damit ich bei der Wahrheit bleibe, so muss ich sagen, dass der Herr Herzog an dem Tage bei Hof speiste und wir uns also in der Loge treffen sollten. Natürlicherweise war mein Diner bälder beendigt als das seinige, und obgleich ich sehr langsam zu Fuss dem Schauspielhause zuschlenderte – es war im heissen Sommer – so kam ich doch wohl eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung hin, fand aber das Haus schon dicht besetzt; nur die Logen des halben ersten Ranges waren noch leer, denn ausser der des Herrn Herzogs waren die anderen ebenfalls für hohe Personen reservirt worden.
"Ich stieg, durchaus an nichts Arges denkend, langsam die Treppen hinauf, trat in unsere Loge und ging an die Brüstung vor, um mich im haus umzuschauen. Hier aber – Gott weiss, für wen man mich gehalten – ward ich augenblicklich das Ziel der Aufmerksamkeit des sämmtlichen Publikums. Alle Augen richteten sich zu mir empor; ja ich kann wohl sagen, alle Teatergläser und Lorgnetten nahmen die Richtung nach meiner Loge; von unten im Parterre vernahm man – ich kann es nicht leugnen – ein höchst beifälliges Gemurmel, und wenn ich mich nicht schleunigst zurückgezogen hätte, so würde ich einem allgemeinen Vivat nicht entgangen sein."
"Da ward es ihm bange in seiner Löwenhaut und er warf sie ab," sagte einigermassen hämisch der Herzog.
"Natürlicherweise," fuhr ruhig der Erzähler fort, "denn ich wusste, dass Sie, gnädiger Herr, dieselbe später mit viel grösserem Anstande tragen würden. – Im nächsten Augenblick füllten sich denn auch die Logen; die Akklamation des Publikums ward einem Würdigeren zu teil; endlich kam auch der Herzog. Der Vorhang flog auf und das Stück begann."
"Gleich da bemerkte ich schon, wie unaufhörlich und hartnäckig Sie in das Parterre hinab kokettirten, konnte aber nicht entdecken, wem es galt, denn für mich waren drunten lauter alltägliche Gesichter."
"Ich leugne es nicht, dass ich häufig hinab sah, doch anfänglich nur aus einem reinen Gefühle der Dankbarkeit, denn von all' den tausend Gesichtern, die mich vorhin so neugierig angestarrt, blieb mir nur ein einziges insofern treu, als es mir hie und da noch einen blick schenkte, während sich alle anderen den aufgegangenen glänzenderen Sonnen neben mir zuwandten. – Aber die beiden Augen, die mich zuweilen ansahen, wogen tausend andere auf; sie gehörten einem Mädchen, das drunten in einem Sperrsitz neben einer älteren Frau sass, einem Mädchen von so unbegreiflicher und wunderbarer Schönheit, dass ich mir mit Erstaunen gestand, lange, ja noch nie so etwas gesehen zu haben. Eine Beschreibung ist eigentlich überflüssig; ich kann nur sagen, dass es ein blasses, aber sehr edles Gesicht war, von sanftem würdevollem Ausdruck, mit glänzenden blauen Augen und dem üppigsten blonden Haar, welches ich in meinem ganzen Leben gesehen. – Ich muss Euer Durchlaucht hiebei zum Zeugen aufrufen, denn Sie werden sich erinnern, dass Sie später diesem Mädchen einmal durch Zufall begegneten. – Habe ich übertrieben oder sprach ich die Wahrheit?"
"Ja, ja," erwiderte der Herzog nachdenkend; "es war das eine auffallend reizende Erscheinung."
"Ah himmlisch! unvergesslich!" fuhr der Andere