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bleibst heute Nacht bei mir?" fragte Graf Fohrbach.

"Ja, heute Nacht, und wenn du erlaubst, noch ein paar Tage, bis ich mir eine passende wohnung gesucht. – Aber nun komm' in dein Schlafzimmer; es ist mir in meinem Anzuge viel zu warm; ich muss ein bischen andere Toilette machen."

Diese war bald beendigt, und wenige Minuten nachher sass der eben Angekommene mit in der Reihe am Kaminfeuer, während Graf Fohrbach seinem Kammerdiener einige Befehle erteilte in Betreff eines Zimmers, das eingerichtet werden musste, sowie auch des Reisewagens des Fremden, den man in einer der Remisen unterbrachte.

"Ich hätte schon vor zwei Stunden hier sein können," sagte Herr von Steinfeld, "doch erfuhr ich zufällig auf der letzten Station von einer grossen Soirée. Da ich nun begreiflicherweise keine Lust hatte, mich heute Abend noch anzuziehen, so wartete ich und komme nun gerade rechtzeitig zur angenehmen Nachlese. – Darf ich mich jetzt wohl unterstehen," wandte er sich gegen den Herzog, "Euer Durchlaucht die feierliche Versicherung zu geben, wie ausserordentlich glücklich ich bin, Hochdieselben alsogleich begrüssen zu können? – Doch hatte ich nicht geglaubt, Sie im schwarzen Frack wiederzusehen."

"O schweigen wir davon!" erwiderte der Herzog mit einer Handbewegung. "Man glaubt höheren Orts, ich könnte dem staat besser mit Geist und Feder als mit Faust und Schwert dienen."

"Woran man höheren Orts wohl nicht Unrecht hat," meinte sich verbeugend der Andere, "denn Euer Durchlaucht grosser Verstand wurde mir von allen schönen Frauen gerühmt, mit denen ich das Glück hatte über Sie sprechen zu dürfen."

"Gehen Sie zum Henker mit Ihrem Verstand! Es ist traurig, wenn die schönen Frauen nichts Anderes an mir zu rühmen wussten. – Doch wo kommen Sie eigentlich her? Nur eine hübsche Erzählung Ihrer Fahrten und Abenteuer kann Sie wieder einigermassen in meiner Gunst herstellen."

"Ich stehe gleich zu Befehl. Aber Sie werden mir erlauben, gnädiger Herr, dass ich mich vorher nach dem Befinden meines lieben Freundes hier erkundige. – Von dir," wandte er sich an den Grafen, "hatte ich die letzten Nachrichten, als du in die Reihe der Adjutanten aufgenommen wurdest. – Und du bist auch avancirt," sagte er zum Major v. S. "Ich sehe das natürlicherweise an deinen Epauletten und gratulire bestens. – Wie steht's aber mit unserm teuren Assessor?"

"Vortragender Rat, wenn ich bitten darf!" erwiderte Eduard v. B. mit grosser Wichtigkeit.

"Alle Teufel!" versetzte der Andere laut lachend. "Ihr könnt euch nicht beklagen; ihr seid von der Sonne königlicher Gnade ausgebrütet worden, während ich zurückkomme als taubes Ei Gott weiss welchen Departements."

"Und ganz nach Verdienst," schaltete der Herzog ein. "Weiss der Himmel, lieber Steinfeld, dass Sie des Herumschwärmens niemals satt werden. Soll auch diesmal Ihr Aufentalt wie gewöhnlich nur einige Wochen dauern, oder gedenken Sie uns auf längere Zeit zu beglücken?"

Der Andere zuckte die Achseln und entgegnete: "Das hängt von vielerlei Umständen ab; vorderhand habe ich hier Anker geworfen und will abwarten, ob ich liegen bleiben muss auf stürmischer Rhede oder ob ich hinein bugsirt werde in den sicheren Hafen."

"Und jetzt kommen Sie von Russland?"

"Ja, gnädigster Herr. – Oder auch nein; denn ich war zuletzt im Kaukasus."

"Horreur!" rief der Herzog. "Doch nicht am Ende gar bei den Tscherkessen?"

"eigentlich focht ich gegen sie," erwiderte Herr von Steinfeld. "Doch unter uns gesagt, liess ich mich eines schönen tages gefangen nehmen und verbrachte darauf bei den wilden Söhnen des Gebirges ein angenehmes Jahr."

"Davon musst du erzählen," sagte der Hausherr.

"Halt!" rief der Herzog. "Ich habe auf seine Mitteilungen ein näheres Recht; er ist mir in W. desertirt, und das in Folge einer rätselhaften geschichte; – ja, meine Herren, in Folge einer Begebenheit, bei der, vielleicht zum ersten Male, sein Herz mächtig ergriffen war."

"Ist das möglich?" sprach erstaunt der Major. "Du Umherschweifender, Wankelmütiger, hättest dir wirklich Fesseln anlegen lassen? – Unglaublich! – Ja, wenn das erzählbar ist, so stimme ich auch dafür, denn das ist gewiss noch interessanter als deine Tscherkessen-Abenteuer."

"Lasst mich lieber von den letzteren erzählen," bat Herr von Steinfeld mit viel ernsterer stimme, nachdem er einen Augenblick träumend in das Kaminfeuer geschaut. "Der Herzog übertreibt: die Sache ist nicht so interessant; ihr Alle habt dergleichen schon erlebt."

"Lieber Freund, dein Weigern ist uns verdächtig," bemerkte Graf Fohrbach. "Jetzt trete ich auf Seite der Anderen und verlange die geschichte aus W."

"Eine geschichte, meine Herren," fuhr der Herzog fort, "über die ich Einiges habe munkeln hören, und in die auch ich halb verwickelt sein soll. Ich wollte sie damals schon erfahren, doch wich er mir anfänglich aus, und wenige Tage nachher war er verschwunden. – Das sind jetzt sechs Jahre; urteilen Sie selbst, ob ich lange genug gewartet habe. Sehen Sie, lieber Steinfeld, hätten Sie damals mir allein gebeichtet, so wäre Ihnen das heute vor einer grösseren Versammlung erspart geblieben