. Der andere Mann, der neben ihm stand, hatte einen grossen Radmantel über die Schultern geschlagen, der ihm bis über die Nase reichte und so sein Gesicht schwer erkennen liess. Er trug einen gewöhnlichen runden Hut und in der Hand unter dem Mantel ein Spazierstöckchen, mit dem er heftig auf seine Stiefel schlug.
Dem Zuschauer im hof waren diese beiden Männer vollkommen gleichgiltig, ja er hatte schon die Absicht, bei ihnen vorbei zu gehen, als der Unbekannte mit dem Mantel einige Worte lauter sprach, worauf der Klang dieser stimme den jungen Mann plötzlich aufmerksam machte.
"Aber sie soll von hier fort," sagte er mit klarem und bestimmtem Tone. "Sie soll unter allen Umständen und schon morgen fort. Teufel auch! Man hat ihr noch vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und sie mobil gemacht. Ich kann mich nicht so überlaufen lassen."
"Sie hat so fest darauf gerechnet," entgegnete der Wirt, "Sie werden ihr nochmals helfen. Desshalb erlaubte ich mir auch, Sie hieher zu bitten; übrigens ist sie nicht unbrauchbar; es ist ein Teufelsmädchen."
"Ja, ja," meinte der Andere nachsinnend, setzte aber mit lauterer stimme hinzu: "aber zu bekannt, hier viel zu bekannt."
"Bah!" versetzte der Wirt, "dafür haben wir Mittel, und die ist mit allen Hunden gehetzt. Was gilt die Wette, sie stellt sich Ihnen irgendwo als französische Gouvernante vor, und Sie sollen sie nicht wieder erkennen. Mein Rat wäre wahrhaftig, sie da zu behalten; seit die Lisette verschwunden ist, fehlt uns Jemand derartiges. Du lieber Gott! bei dem ersten grösseren Unternehmen befinden wir uns in Verlegenheit."
"Aber es kann nicht sein, es kann wahrhaftig nicht sein!" erwiderte der Andere, wie es schien, ärgerlich; "wir wollen ihr Empfehlungen geben, sie soll nach B. gehen, aber hier kann ich sie nicht gebrauchen; das wäre compromittirend."
"Nur ein paar Tage," bat der Wirt, "sprechen Sie ein kluges Wort mit ihm."
"Mit wem?"
"Nun, mit ihm," sagte der Wirt mit leiserer stimme, indem er sich scheu umblickte.
"Ah! mit ihm ist schlecht Kirschen essen," entgegnete der Andere. "Und so Kleinigkeiten! Ich habe wichtigere Sachen für ihn!"
"Aber ich bitte herzlich darum," fuhr der Wirt dringender fort. "Man kann ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweisen."
"Ihr seid wahrhaftig ein eigensinniger Kerl, Scharffer," sprach der im Mantel, indem er ungeduldig mit den Achseln zuckte. "Lasst sie laufen; glaubt mir, es ist besser."
"Ich habe es ihr so gut wie versprochen."
"Nun denn, in's Teufels Namen! Ich will ihn darum fragen; aber wenn er befiehlt, sie solle abreisen, dann macht mir keine Geschichten, und versteckt sie nicht heimlich bei euch."
"Gegen seinen Befehl? – Gott soll mich in Gnaden bewahren!" sagte der Wirt, indem er erschreckt zurücktrat. "Nein, nein, durch Schaden wird man klug, und ich verlange in meinem Leben nicht mehr, mit ihm auf unfreundliche Art zusammenzukommen."
"Ja, er kann hart sein," erwiderte der Andere lachend, während er seinen Mantel, der herabgerutscht war, wieder über die Schultern warf. – "Nun, gute Nacht! Vergesst mir nicht Zeichen und Adresse für die nächste Woche; sichtbar bin ich für keinen Menschen."
"Will's schon behalten!" versetzte der Wirt. "Schneegässchen Nummer vierundachtzig."
"Schön," sprach der Unbekannte im Mantel, und ging mit hallenden Tritten den Durchgang hinab.
Der junge Mann, der dieser Unterredung, ohne es zu wollen, gelauscht, wäre gerne gefolgt. – Diese stimme war ihm nicht unbekannt; doch wenn er daran dachte, der, dem diese stimme gehörte, solle hier eine solch' vertrauliche Conversation mit dem verrufenen Wirt zum Fuchsbau halten, so musste er lächeln. Das war ja gar nicht möglich! Und doch – wie gern hätte er sich überzeugt! Aber es war unmöglich, denn Meister Scharffer blieb, sobald der Andere fortgegangen war, aufmerksam lauschend stehen und schaute bald auf die Strasse, bald auf den Hof. Erst als die Tritte des Mannes im Mantel gänzlich verklungen waren, trat der Wirt in das Haus zurück, schloss die Gittertüre hinter sich und stieg langsam die schmale, steinerne Treppe hinaus.
So schnell als möglich eilte jetzt der junge Mann auf die Strasse und bis zur nächsten Ecke, wo er horchend stehen blieb. Doch war es für dies Viertel schon Schlafenszeit, und man hörte nirgendwo auf der Strasse ein Geräusch; Alles war todtenstill, so sehr er sich auch anstrengte, vernahm er doch keinen Ton von Fusstritten. Kopfschüttelnd schritt er durch mehrere enge Strassen über den grossen Fruchtmarkt und kam nach einer Viertelstunde in einen belebteren Stadtteil und in die Nähe des Schlosses. Dort blieb er vor dem hohen steinernen Portal einen Augenblick stehen, denn hier schieden sich drei Wege, die er alle drei verfolgen konnte, den ersten nach Haus, den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den dritten zu einem Bekannten, dem jungen Grafen Fohrbach, der vielleicht schon in seiner wohnung anzutreffen war, und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach Mitternacht