, so war es notwendig, dass ich es verschwinden liess. – Hatte ich nicht Recht?"
"Doch; ich will das nicht leugnen. Aber in dem Moment hättest du dich an mich wenden sollen."
"Nein," entgegnete sie eifrig, "da gerade konnte ich das nicht tun; ich wusste genau, dass ich von Spähern umgeben war, dass er von allen meinen Schritten Kenntniss hatte, ja, dass die Briefe, die ich schrieb, in seine hände gelangten. Ich konnte nur noch mit jener alten Frau verkehren, die mir unbedingt ergeben ist."
"Mit der Frau Fischer," sagte er, wie in tiefen Gedanken.
"Du kennst sie?" fragte erstaunt die Baronin.
"Ich glaube, du sprachst mir einmal darüber," versetzte er ruhig und gefasst. "Ja, es muss so sein. – Aber erzähle weiter!"
"Die Frau also sagte mir von einer Bekannten, durch deren Vermittlung mein armes Kind für eine Zeitlang bei guten, braven Leuten untergebracht werden könne."
"Hahaha!" lachte der Baron.
"Worüber lachst du? – Ich bitte dich, sei ernstaft."
"O das bin ich auch im höchsten Grade. Dies lachen ist eine Art Krampf, der mich zuweilen befällt."
"Ich willigte also ein, dass sie das Kind zu jenen Leuten brachte."
"Tat sie das selbst?" forschte er emsig.
"Nein, das wäre zu gefährlich gewesen. Sie brachte es zu ihrer Bekannten, von der ich dir sprach, und diese übergab es einer dritten Hand, welche es zu jenen Leuten tat. – O mein Gott, wer hätte ahnen können, dass er trotz dieser Vorsichtsmassregeln auf des Kindes Spur komme!" – Die Baronin sprach das mit dem Tone des tiefsten Schmerzes und drückte ihre hände einen Augenblick vor das Gesicht. Darauf fasste sie sich wieder mit gewaltiger Kraft, presste eine Sekunde ihre Lippe fest auf einander und fuhr fort: "Ich erhielt häufig Nachrichten von dem kind, gute und befriedigende."
"Immer durch die dritte Hand?"
Sie nickte mit dem kopf und entgegnete: "Vorgestern die letzte: denn heute morgen berichtete mir die alte Frau das Entsetzliche, mein Kind sei geraubt, mit Gewalt jenen guten Leuten entführt worden, bei denen es sich befand. – O Henry," sprach sie nach einer Pause mit gefalteten Händen, während Tränen in ihren Augen glänzten, "ist das möglich? – Kann so Etwas geschehen? – O mein Gott! ich martere meinen Kopf den ganzen Tag auf's Fürchterlichste ab, ich komme von einer Vermutung auf die andere. – Hat mich nicht am Ende jene Frau verraten? – Ist es denn wahrscheinlich, dass das Kind geraubt werden konnte?"
"O ja, das ist wahrscheinlich und möglich."
"Jetzt bin ich am Ende," fuhr sie mit leiser und klagender stimme fort, indem ihre hände auseinander zuckten und sich ihre Finger krampfhaft schlossen. "Jetzt kann ich weiter nichts tun als klagen und verzweifeln, und auch das ja nur, wenn ich allein bin. – O Henry! er beobachtet jede meiner Mienen. Wenn du wüsstest, welch' unaussprechliche Qualen ich leide, da ich heiter und zufrieden aussehen soll, während mein Herz zerrissen ist."
Der Baron hatte bei diesen Worten, die sie heftig und leidenschaftlich herausgestossen, sanft ihre Hand erfasst und drückte sie leise. – "Beruhige dich," sagte er, "Fassung! Fassung! Schwester. – Denke daran, wo wir uns befinden! Wie würden von Hunderten, wenn sie dich hier sehen würden, Tränenspuren in deinen Augen oder auf deinen Wangen gedeutet werden! – Ja, fasse dich und – lächle!"
"Ich lächeln?" erwiderte sie mit einem trostlosen blick.
"Ah! bei eurem Leben solltest du daran gewöhnt sein," sprach er in bitterem Tone. – "Aber," setzte er mit weicher stimme hinzu, "ich, dein Bruder, verlange nicht so Entsetzliches von dir: du sollst lächeln, weil ich dir eine angenehmere Fortsetzung deiner geschichte erzählen will."
"Du?" rief sie fast laut hinaus und erhob sich rasch von ihrem stuhl. – "O Henry, spotte meiner nicht!"
"Ich spotte nie," sagte er ruhig. "Aber fasse dich und lächle; dort sehe ich einige Personen kommen, unter Anderem Seine Excellenz den Kriegsminister, der dich wahrscheinlich aufsucht. – Lächle also!"
"Ich kann das nicht ohne ein Wort des Trostes. O sage mir: was weisst du von der fürchterlichen geschichte?"
"Dass dein Kind wieder gefunden ist," versetzte er leise – "das Wie und Wo kann ich dir hier nicht erzählen – aber dass es nicht von ihm geraubt wurde, sondern dass es in meinen Händen ist."
"Ah!" seufzte sie aus tiefer Brust und presste ihre linke Hand auf das Herz. – "Ah, Gott, dir danke ich! Jetzt will ich lächeln, möchte aber lieber laut hinaus rufen und jubeln."
Der Baron war verschwunden, und Seine Excellenz der Kriegsminister bot der schönen Frau, die er hier so ganz allein fand, seinen Arm und führte sie durch den Wintergarten, wobei er ihr all die vielen seltsamen Pflanzen und Blumen zeigte. Sie freute sich ausserordentlich darüber, lachte in einem