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den hintern Zimmern ist Niemand; da es aber auffallen könnte, wenn man uns dort allein träfe, so will ich hier stehen bleiben, wo ich den ganzen Wintergarten und die Zimmer bis in den Tanzsaal übersehen kann. Tritt etwas näher zu mir und setze dich hier auf den kleinen Fauteuil, wo du unbefangen auf Jemand warten kannst, während es mir sehr leicht möglich ist, dort hinaus zu verschwinden."

Die schöne Frau tat, wie ihr der Baron gesagt, und als sie sich auf den kleinen Stuhl niedergelassen hatte, beugte er sich zu ihr hinab und sprach: "Ich habe dir viel zu sagen."

"Ich dir ebenfalls," entgegnete sie. "Ich habe heute einen fürchterlichen Tag verlebt."

Er nickte mit dem kopf.

"Ah! wie Recht hattest du," rief sie mit gefalteten Händen, "als du mir damals schon anbotest, die Angelegenheit des Kleinen in deine hände zu nehmen."

"Es wäre in der Tat besser gewesen."

"Aber ich fürchtete mich. Du hättest das freilich Alles vorsichtiger behandelt; aber man muss sich doch irgend Jemand anvertrauen, und das Schlimmste, was für uns Beide geschehen könnte, würde doch wohl sein, wenn man auf einmal ein Einverständniss zwischen uns ahnete."

"natürlich wäre das jetzt unbegreiflich für die Welt und müsste zu den tollsten Vermutungen Anlass geben," versetzte er mit trübem Blicke. "Und damals ging es nicht an; du wusstest ja nichts von mir, wusstest nicht, welche Stellung in der Gesellschaft ich einnehme, ob es mir wohl ergehe oder ob ich nicht vielleicht langsam in Jammer und Elend verkomme. Wir sind nicht schuld daran, meine arme Lucie: das Schicksal, welches uns so früh aus einander riss, hat es nicht anders gewollt. – Doch schweigen wir über die Vergangenheit, schweigen wir darüber, wie man dies oder das hätte anders machen können; die Zeit ist ja hinter uns gerollt, und mit allen Schätzen der Welt, wenn wir sie hätten, würden wir doch nicht im stand sein, eine Sekunde zurück zu erkaufen, geschweige denn einen Tag, einen monat, ein Jahr. – Also zur Sache!"

"Ja, zur Sache!" wiederholte die schöne Frau und legte sich weit in den Fauteuil zurück, nachdem sie zuerst einen forschenden blick durch den Pflanzengarten geworfen.

"Es kommt Niemand," sagte er und bückte sich so tief hinter den Camelienbusch hinab, dass er das leiseste Flüstern ihres Mundes verstehen konnte.

"Du weisst," sprach sie, "dass ich das Kind vor einem Jahre hieher kommen liess."

"Leider!"

"Ich konnte es nicht ertragen, dass es so weit entfernt von mir war: ich musste es zuweilen an mein Herz drücken, zuweilen seine lieben Augen küssen. – Du kennst ja mein freudeloses Leben und wirst mir im Ernst nicht darüber zürnen, dass ich mir unter die vielen Dornen meiner Tage diese einzige Rose flocht. – Ah! es waren glückselige Stunden, wenn ich das Kind sah."

"arme Schwester! – Ich kann mir denken, dass dies Glück von kurzer Dauer war. – Aber weiter! – weiter!"

"Ich hatte Alles auf's Beste eingerichtet; der Kleine war bei einer sehr braven und verschwiegenen Frau, deren wohnung in dem haus einer Freundin lag, die ich ohne alles aufsehen häufig besuchen konnte; und wie ich dir schon sagte, genoss ich auch die Seligkeit, mein Kind hie und da zu sehen, fast ein ganzes Jahr. – Eines Tages teilte mir aber die Wärterin mit, sie sei verschiedenen ihr unerklärlichen Nachforschungen ausgesetzt, bei Spaziergängen mit dem kind dränge sich oft ein Mann an sie, knüpfe eine Unterredung über gleichgiltige Dinge an, frage auch nach dem Knaben und dessen Eltern, kurz, benehme sich auffallend und ungeschickt."

"Und diese Wärterin ist eine alte Frau?"

"Versteht sich," erwiderte die Baronin. – "Das Interesse, welches jener Mann an ihr zu nehmen schien, galt also nur dem Knaben. Schon mehrere Male wünschte er unter verschiedenen Vorwänden, sie nach haus zu begleiten; sie verbat es sich begreiflicherweise, doch musste er ihr neulich gefolgt sein, obgleich sie auf grossen Umwegen und in einem Wagen heimkehrte. – Genug, er fand ihre wohnung, erklärte ihr das selbst lachend und ging eines Tages so weit, dass er ihr geradezu sagte, hinter dem Knaben stecke ein geheimnis, das er wohl ergründen möchte. Er bot ihr eine bedeutende Summe, wenn sie ihm einige Mitteilungen machen wollte."

"Das war ein recht dummer Teufel!" sagte höhnisch der Baron.

"So standen die Sachen. Da bemerkte ich auf einmal mit dem grössten Schrecken, dass das Benehmen meines Mannes zu Haus gegen mich härter und tyrannischer wurde als je. Zuweilen liess er sich, anscheinend ohne alle Absicht, von mir etwas von meinem früheren Leben erzählen, und konnte dabei oft eine laute, hässliche Lache aufschlagen, oder er verliess mich scheinbar ruhig, aber mit zitternden Händen und funkelnden Augen."

"Ja, ja, ich kann mir wohl denken, dass diese Nachforschungen von ihm ausgingen."

"Ich weiss es gewiss; und da ich seinen heftigen, gewalt tätigen Charakter kenne und überzeugt war, er werde das Kind mit List oder durch Gewalt in seine hände zu bekommen suchen, um gegen mich einen Anknüpfungspunkt zu erhalten