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Fohrbach mit Artur ein Rendezvous in dem Kaffeehause auf dem Kastellplatze. Beide Freunde hatten sich schon mehreremal in ihren Wohnungen verfehlt und sich schriftlich diese Zusammenkunft gegeben. Sie waren längere Zeit in einem hinteren Zimmer allein gewesen und hatten eifrig mit einander gesprochen.

Der Gegenstand dieser Unterredung, den der geneigte Leser wohl erraten wird, war für den Grafen so wichtig, dass er es sogar vergessen hatte, Artur zu fragen, wie er am Neujahrsabend in jener uns ebenfalls bekannten Angelegenheit für ihn gehandelt und welches Resultat seine Unterredung mit der jungen Dame gehabt habe.

Die Beiden verliessen nun das Kaffeehaus und schritten in fortgesetztem Gespräch über den Kastellplatz dahin.

"Also sein Gesicht konnten Sie damals nicht sehen?" fragte der Graf.

"Nein, das war unmöglich, wie ich Ihnen schon sagte," erwiderte Artur, "denn er hatte den Mantel dicht um den unteren teil des Gesichts geschlungen."

"Aber die stimme glaubten Sie wirklich zu erkennen?"

"Ich glaube nicht, dass ich mich darin täusche: es war die des baron. Nur sprach er die Worte anders aus, als es sonst seine Art ist; er redete kräftig, energisch, ja befehlend."

"Es ist kein Zweifel," entgegnete Graf Fohrbach nach einer längeren Pause; "es musste dieselbe person sein. – Aber haben Sie je eine so furchtbare geschichte erlebt? – Was kann und wird Alles daraus entstehen? Denken Sie sich den Skandal, wenn dieser Mann, der in der Gesellschaft nach allen Richtungen seine Verbindungen angeknüpft hat, plötzlich von der Hand des Gerichtes erfasst wird! – Das muss in unseren Kreisen Verletzungen zurücklassen, die schwer zu heilen oder zu verwischen sind. Aber vor allen Dingen, lieber Artur, denken Sie ja daran, was Sie mir vorhin versprochendie tiefste Verschwiegenheit über Alles, was ich Ihnen mitgeteilt. Wenn wir je zu einem Ziele gelangen können, so ist das nur möglich, wenn wir mit der grössten Behutsamkeit vorgehen. Man darf darüber nicht atmen."

"Gewiss nicht, Graf Fohrbach; und Sie werden das von mir überzeugt sein."

"Das wissen Sie ja, lieber Artur; sonst hätte ich Ihnen nicht das Ganze so ohne allen Rückhalt anvertraut. – Sie gehen nach haus?"

"Ja, ich muss. – Und Sie?"

"Ich werde noch einen Besuch machen. – Aber lassen Sie sich ja bald bei mir sehen."

"Schon morgen. Wie Sie wissen, hatte Seine Excellenz der Herr Kriegsminister die Gnade, mich zu Spiel und Tee einladen zu lassen."

"Richtig! da sehen wir uns ja. – Also, gute Nacht!"

"Gute Nacht!"

Damit trennten sich die beiden Freunde; Artur ging links, der Graf nach rechts gegen die Polizeidirektion hin, in deren Nähe er seinen Wagen warten liess.

Wie wir wissen, war es bereits vollkommen dunkel geworden, doch brannten überall die Gaslaternen; und namentlich hier, wo es viele Laden und Magazine gab, war die Strasse fast taghell beleuchtet.

Graf Fohrbach ging gedankenvoll seines Weges und sah nur zuweilen in die Höhe, um einen blick in die hellerleuchteten Gewölbe zu werfen oder um hie und da Jemand auszuweichen. So kam er in die Nähe der Polizeidirektion, als zu seiner Rechten aus einer engen Gasse, die an der Seite dieses grossen Hauses bei den Hintergebäuden und Gärten desselben vorbeilief und in eine andere Strasse mündete, zwei Männer hervortraten, bei deren Anblick er plötzlich seinen raschen Schritt mässigte, ja in der nächsten Sekunde wie angefesselt stehen blieb. – Der Eine dieser beiden Männer war der Baron Brand. Ja, er konnte sich nicht täuschen: es war sein gang, seine Haltung, seine ganze Figur. – Und auch die stimme; denn jetzt sprach er einige Worte zu dem Anderen, der neben ihm ging. Dieser war aber ein Polizei-Kommissär in voller Uniform.

Der Graf war so überzeugt, den Baron zu erkennen, dass er ihn zu jeder anderen Zeit angerufen hätte. Und jetztnein, da war keine Täuschung möglichjetzt war er sicher, dass dies auch derselbe Mann sei, den er in jener Nacht aus dem Fuchsbau hatte heraus kommen sehen.

Die Beiden gingen unterdessen im gewöhnlichen Schritte dahin und hatten bald die tür der Polizeidirektion erreicht. Dort blieben sie stehen; der Mann im Mantel reichte dem Anderen die Hand, worauf der Kommissär eine tiefe Verbeugung machte und dann an der Treppe stehen blieb, jenem nachblickend, welcher in eine Seitenstrasse einbog und verschwand.

"Heute wäre es eine günstige gelegenheit, ihm zu folgen," dachte Graf Fohrbach, indem er rasch vorwärts eilte. "Es ist noch eine ziemlich frühe Stunde; ich rufe seinen Namen, und da wollen wir sehen, ob er anhält und mir Rede steht." – Doch kam ihm im nächsten Augenblicke ein anderer und, wie er glaubte, besserer Gedanke. Er hatte mit zwei Schritten die Treppe der Polizeidirektion erreicht, welche der Kommissär soeben langsam hinauf stieg.

Graf Fohrbach bot ihm laut einen guten Abend.

Der Beamte wandte sich plötzlich um, und als er beim hellen Lichte der Gaslaterne den Adjutanten Seiner Majestät erkannte, machte er schon auf der obersten Stufe eine tiefe Verbeugung und stieg eilig und mit grosser Höflichkeit die Treppen herab, da er wohl bemerkte, dass ihn der Graf erwartete.

"Euer Erlaucht haben irgend einen Befehl für mich?" fragte er verbindlich.

"Das