1854_Hacklnder_152_270.txt

eine Lampe an und trug sie mit zögernden Schritten in die stube.

Dort stand der fremde Mann im Mantel und wandte langsam den Kopf herum, wodurch der volle Schein des Lichtes auf sein Gesicht fiel.

Wäre aber in diesem Augenblicke die ganze Polizei erschienen, ja das ganze Gerichtspersonal inklusive Kerkermeister, es hätte auf den Meister Schwemmer unmöglich einen schrecklicheren Eindruck hervorbringen können, als der Anblick des fremden Mannes, der so ruhig mitten in seiner stube stand. Er fühlte, dass ihm die Kniee den Dienst versagen wollten und hielt sich desshalb mit aller Kraft an einem Türpfosten.

"Verzeihen Sie," sagte er alsdann nach einem tiefen Atemzuge, "dass ich nicht vorkomme, um Sie bestens zu begrüssen; aber ich bin ein armer kranker Mann, den seine Füsse nicht mehr recht zu tragen vermögen."

"Der aber trotz seiner Schwachheit beständig die Hand zu Geschichten bietet, die doch am Ende notwendigerweise aufsehen erregen und ihm Strafe auf den Hals laden müssen. – Nicht wahr?"

"Wie so, Herr?" fragte Schwemmer erschrocken, während er scheu an dem Fremden hinaufblinzelte, sogleich aber die Augen wieder niederschlug, als er einem jener flammenden Blicke begegnete.

"Wenn Ihr Euch nur das fragen abgewöhnen könntet!" entgegnete der im Mantel ungeduldig. "Gebt mir lieber gute Antworten auf die meinigen, das ist besser!"

Meister Schwemmer fuhr nun wieder zusammen und blieb mit ziemlich gekrümmtem rücken stehen.

"Von wem habt Ihr dieses Kind?" fragte nun der Fremde nach einer Pause und zeigte auf das kleine Mädchen.

"Dies Kind ist uns von seiner Mutter anvertraut worden," entgegnete der Gefragte mit ganz leiser stimme.

"Nehmt Euch in Acht! – ich will die Wahrheitdie ich weissaus Eurem mund hören. – Wer brachte Euch das Kind?"

"Nun denndie Frau Bilz."

Der Mann im Mantel nickte mit dem kopf, dann warf er einen fragenden blick auf das Mädchen, das freudig ausrief:

"Ja, ja, Frau Bilzso hiess sie, der ich mein Kind anvertraute und die mir in Gegenwart der Madame Becker sagte, es sei gestorben, und mir auch den Todtenschein einhändigte."

Der Fremde zuckte verächtlich mit den Achseln und warf auf den Hausherrn einen blick, der diesen erbeben machte. Man sah deutlich, wie er zusammenschrak. Dann aber nickte der Andere mehrmals mit dem kopf und fuhr strenge fort: "Ja es wird schon so sein, ich kenne diese Geschichten. – Aber noch einmal dergleichen, Meister Schwemmer, und alle Schonung hört auf. – Ihr da," wandte er sich an Richard, "geht ruhig Eurer Wege, das Mädchen kann ihr Kind mitnehmen. – Doch bitte ich mir eins dafür aus," fügte er in ganz anderem, weit gefälligerem Tone hinzu, "sie soll diesem würdigen Mann da den Todtenschein gelegentlich zurückschicken und sich auch künftig besser vorsehen, ehe sie das arme Ding da einer Frau Bilz anvertraut."

Hätte Richard seinen Hut noch auf dem kopf gehabt, er würde ihn unfehlbar ehrfurchtsvoll abgenommen haben; denn die Art, wie der fremde Mann sprach, und besonders, wie er mit jenem Gauner, dem Meister Schwemmer, umzuspringen wusste, hatte ihn mit dem allergrössten Respekt erfüllt. – "Bedanke dich, Katarine," sagte er leise zu dem Mädchen.

Doch winkte der fremde Mann leicht mit der Hand, als diese einige Worte stammeln wollte.

Dann zogen sie sich rückwärts aus der stube und verliessen das Haus, gefolgt von den Kameraden und Schellinger, der die Blendlaterne trug.

Auf dem kleinen hof standen mehrere Männer beisammen, die aber augenblicklich auseinander waren, als die Anderen aus dem haus kamen.

Nur Einer von ihnen trat dicht an den Schneider heran, klopfte ihm leicht auf die Achseln und sagte: "Hättest gleich sagen können, was du da in dem haus wolltest; ich würde dir wahrhaftig geholfen haben, das Kind wegzuholen. Bist aber sehr unvorsichtig gewesen, denn wenn mein Stuhl einen halben Zoll mehr links gekommen wäre, dann machtest du keine Stiche mehr, – und auch keine Reisen, darauf kannst du dich verlassen. – Gute Nacht!"

"Gute Nacht!" erwiderte Herr Schellinger, indem er eilig den Anderen folgte, die schon in das baufällige Vorderhaus getreten waren.

Dort blieb Richard stehen, und als er bemerkte, dass ihm keiner seiner Getreuen fehle, stemmte er die arme in die Seite, schaute sich rings um und sprach: "Nun, was denket ihr davon? – Ist euch so was in eurem ganzen Leben vorgekommen? Hat Einer von euch die Figur oder das Gesicht schon gesehen? – Ich gewiss nichtsoll mich der Teufel holen! – Ihr auch wohl nicht? – Und du, Schellinger?"

Der Schneider war offenbar sehr nachdenkend geworden; man bemerkte das an seiner ganzen Haltung. Er stand etwas vorn übergebeugt und hatte sein spitzes Kind mit der linken Hand erfasst.

"Nun, Schellinger?"

"Habt ihr euch die Männer im hof genau betrachtet?" versetzte endlich der Garderobe-Gehilfe nach einer längeren Pause.

"Ja wohl, ziemlich genau."

"Hatten sie keine weiten Hosen an und kurze Jakken, oder Pelzmützen auf dem kopf?"

"Beim Henker! nein," lachte einer der Zimmerleute. "Dergleichen habe ich nicht gesehen, und auch du wohl nicht, Richard."

Dieser,