wenn auch vielleicht nicht unerwartet, einen guten Abend gewünscht, das Haus verliess, nachdem sie die tür sanft hinter ihm zugemacht. Als er hierauf durch die Strasse ging, konnte er sich nicht entalten, noch öfters nach dem haus mit dem hohen Giebeldache zurückzuschauen, und da bemerkte er nur noch ein einziges kleines Fenster erhellt; das übrige Haus lag schon in tiefer nächtlicher Ruhe und Dunkelheit. An dem Lichte aber, das noch so freundlich hinaus schien, sass sie wahrscheinlich; sie blickte vielleicht in die Flamme, die auch er jetzt von Weitem sah – sie mochte vielleicht sogar an ihn denken.
Unter diesen angenehmen Träumereien setzte der junge Mann seinen Weg fort wie Jemand, der durchaus keine Eile hat. Er befand sich, wie wir bereits wissen, in einem entlegenen Stadtteile, wo die Strassen krumm und winkelig liefen, bald mit Häusern besetzt waren, bald nur mit einfachen Gartenmauern, hinter denen Bäume ihre nackten Aeste emporstreckten, und die seltsam angestrahlt waren von dem Schein einer Gaslaterne, die auf der Höhe der Mauer brannte und sowohl diesseits als jenseits das Terrain beleuchtete.
Zuweilen wurde in dieser Gegend der Stadt die Strasse von Kanälen durchschnitten, und dann passirte man kleine hölzerne Brücken, auf denen der Fusstritt in der nächtlichen Stille so seltsam klang. Allerlei unregelmässige Gebäude, Kirchen, grosse Fruchtspeicher, alte Türme stellten sich dem Wanderer trotzig und verziert mit weissen Schneekappen in den Weg und man musste genau seine Richtung kennen, um sich in diesem Labyrinte nicht zu verirren. Es gab auch freilich noch einen andern Weg, um von dem erwähnten haus mit dem Giebeldach in die besseren und vornehmeren Stadtviertel zu gelangen, doch suchte der junge Mann, den wir eben begleiten, desshalb diese andere Strasse zwischen den alten Häusern hindurch, weil ihn die seltsamen Formen dieser Gebäude anzogen und er sich ergötzte an dem sonderbaren Lichteffekt, der dadurch hervorgebracht wurde, dass die Strassen immerfort in einer Schlangenlinie liefen, wesshalb oft jener teil grell beleuchtet ward, während die vorspringende Ecke im tiefsten Schatten lag.
Bald befand sich der einsame Spaziergänger in der Nähe des grossen Fruchtmarktes, dem ältesten Teile der Stadt, wo es noch mehrere Häuser gab, die durch ihren Aus- und Eingang ein paar Strassen mit einander in Verbindung setzten. Einer dieser Passagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen, weder bei Tage noch bei Nacht, und er erfreute sich jedesmal an der förmlichen Tunnelgestalt, welche der Hauptdurchgang zwischen den Gebäuden bildete.
Das waren zwei alte, massive Häuser mit grossen Toren und mehreren Höfen; zwischen jenen lag die Passage, von der wir oben gesprochen. Es war das eine Art gewölbter gang, der unter dem einen haus durchlief und mit der Strasse in Verbindung stand. In diesem Gange selbst befand sich eine einzige tür, welche durch ein eisernes Gitter verschlossen wurde und vermittelst einer steinernen Treppe in den ersten Stock des grossen Gebäudes führte, wo sich eine sonderbare Restauration und Gastwirtschaft befand. Hier war nämlich der Aufentalt sämmtlicher Bänkelsänger, Orgelmänner, Besitzer von Raritätenkasten, Poeten, welche den Leuten Mordgeschichten erklärten, Harfenmädchen und ähnlichem Volk. Alle fanden hier für billiges Geld ein Unterkommen; man nahm es hier mit den Pässen und Papieren nicht sehr genau, und der Wirt dieser mildtätigen Anstalt, Herr Scharffer, galt nicht bloss als sehr entschlossen, wenn es darauf ankam, eine unschuldige Harfenistin vor den Krallen der Polizei zu beschützen, sondern man munkelte auch, er habe schon zum öfteren Male sehr gefährliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft längere Zeit vor den Augen der Justiz zu verbergen gewusst.
Dem sei nun wie ihm wolle, dieser Gastof – er hiess der Fuchsbau – war, wie gesagt, sehr malerisch gelegen, und schon zum Oefteren von armen Künstlern benützt worden, um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem interessanten Gegenstand zu bereichern. Man fand hier Kloster- und andere Höfe, Teile irgend einer Burg, und wenn man dazu eins der Harfenmädchen nahm, die man zuweilen am Fenster sah, so war ein artiges Bildchen fertig.
Der junge Mann, dem wir folgen, durchschritt träumend den äusseren finsteren Hof und blieb, als er jenen Durchgang erreicht, still betrachtend vor dem herrlichen Lichteffekt stehen, der sich seinem Auge darbot. Der ganze Schein einer Laterne war förmlich in diesen Durchgang gepresst und strahlte nur in einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus, hier die schönen Sculpturen eines Torbogens erleuchtend, dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fensters abstrahlend. Nachdem er sich dies einige Augenblicke betrachtet, wollte er seinen Weg fortsetzen, als er hörte, wie das eiserne Tor in dem Durchgange geöffnet wurde; er vernahm deutlich das Klirren der Schlüssel und hörte Fusstritte, welche die Treppe herab kamen. Da man nicht wissen konnte, mit welcher Gesellschaft man hier zusammentraf, so blieb der junge Mann noch einen Augenblick stehen, um die Anderen vorangehen zu lassen und ihnen alsdann zu folgen. Doch musste er sich eine Weile gedulden, denn zwei Männer, welche aus dem haus traten, blieben vor der Gittertüre plaudernd stehen. Der Eine war der Wirt, Herr Scharffer selbst, ein grosser Mann in einer grauen Jacke, einer einfachen Hausmütze, unter der ein sehr entschlossenes und markirtes Gesicht hervorschaute; es war eine Physiognomie, die man, wenn man sie einmal gesehen, nicht so bald wieder vergisst und die man mit ein paar Bleistiftstrichen treffend hinzeichnen kann. Er hatte eine grosse und lange Nase, einen breiten, stets lächelnden Mund und einen kohlschwarzen, struppig abstechenden Backenbart