; aber man will nicht an uns, wie es scheint, nur an die Kinder."
"Wem mag es gelten?" fragte das Weib, das nun vollkommen nüchtern geworden war.
"Vielleicht dem Buben. Ich habe dir immer gesagt, der bringt uns noch in Ungelegenheiten."
"Horch!" rief die Frau. "Das ist keines Mannes stimme. – Auch habe ich ein Weib mit ihnen kommen sehen; gib du nur achtung: von dem Buben will Niemand was; es wird die verrückte Nähterin sein, deren Kind die Bilz gebracht."
"Und wofür wir den Todtenschein des andern gaben," versetzte Meister Schwemmer, dessen Gesicht sich etwas verlängerte.
Die Frau nickte stumm mit dem kopf. "Hörst du," sagte sie nach einer Pause, während welcher sie aufmerksam nach dem Nebenzimmer gehorcht, "das ist der Sträuber, der spricht."
"Der feige Schuft! – Gott soll ihn verdammen! Er ist zuerst ausgerissen."
"Nun, von dem wundert's mich doch nicht," flüsterte giftig das Weib. – "Aber der Matias! Von dem hätte ich nimmer gedacht, dass er sich fürchtete und seine Freunde im Stich lasse."
"Der fürchtet sich auch nicht; der hat seine Ursachen gehabt. Sprach er nicht von der Polizei, die das Haus umstellt habe? – Was kann man da machen?"
"Und wir sollen sie also ruhig ziehen lassen?"
"Soll ich sie vielleicht aufhalten?" fragte Meister Schwemmer mit einem jammervollen blick auf seine wankende Gestalt. – "Ja, vor zwanzig Jahren," setzte er zähneknirschend hinzu, "mit einer gesunden Faust und keinen trüben Erinnerungen, da hätte mir Einer so kommen sollen. – Aber jetzt! – Doch ruhig, Weib; komm' vor in die Wohnstube, da ist's dunkel und wir können unbeachtet zum Fenster hinaus schauen, um zu sehen, wer geht und was sie mitnehmen. – Merk' dir die Figuren so genau du kannst – das kann später von grossem Nutzen sein. – Der verfluchte Husten!" –
Bei diesen Worten schlich er aus der Küche in die Wohnstube und näherte sich leise der tür, die in den gang hinaus führte. Dabei machte er dem weib mit der Hand ein Zeichen, sie solle geräuschlos die Fenster schliessen, denn die kalte Nachtluft sei ihm im Atmen beschwerlich.
Die draussen hatten nun das Kinderzimmer verlassen, Katarine drückte ihr Mädchen fest an die Brust, der Bube schlich hinter den Zimmerleuten drein, ohne von ihnen gesehen zu werden, und die zurückgebliebenen beiden kleinen Kinder auf dem Schragen schrieen jämmerlich, da man sie aus ihrem Schlafe geweckt.
Richard war voran und hatte fast die Haustüre erreicht, als er plötzlich stehen blieb, denn er bemerkte, dass diese weit offen stand und von mehreren Gestalten besetzt war.
Eine löste sich rasch aus dem Haufen los, trat in den gang und rief den Ankommenden ein "Halt!" entgegen. Diese stimme klang nicht gerade übermässig stark, aber der Ton, mit welchem sie ihr "Halt!" rief, brachte auf den Zimmermann, der seine Axt schon erhoben hatte, eine eigentümliche wirkung hervor. Es war ihm gerade, als gäbe ihm ein Vorgesetzter einen Befehl.
"Schliesst die tür!" fuhr die stimme fort. "Ich meine, man hätte von dem verfluchten Lärm draussen genug gehört."
Herr Schellinger, der zuletzt kam, trug die Blendlaterne, welche einer der Zimmerleute mitgebracht hatte. Bei dieser unerwarteten Störung hob er sie hoch empor, um das Hinderniss, welches sich ihnen entgegengestellt, zu beleuchten, wodurch es Richard möglich wurde, den Mann zu betrachten, der ihn so unerwartet und befehlend angesprochen.
Es war das eine ziemlich hohe Figur, in einen weiten Mantel gewickelt, dessen eines Ende so hoch um Hals und Schultern geschlungen war, dass es das Kinn bedeckte und man so von dem dunkeln gesicht nichts sah als den langen schwarzen Bart und die glänzenden Augen, die unter einem gewöhnlichen runden hut hervorblitzten.
"Ihr macht da ein sauberes Stück Arbeit," fuhr die Gestalt mit grosser Ruhe fort, "brecht in anderer Leute Häuser ein und geht auf den Kinderraub aus. – He!"
Richard, der genug persönlichen Mut besass, versicherte später oftmals, es sei ihm in diesem Augenblick nicht möglich gewesen, ein unheimliches Gefühl zu unterdrücken. Die Ruhe und Kälte, mit der dieser einzelne Mann – denn die Haustüre hatte man sogleich hinter ihm geschlossen – nun in dem engen Gange ihnen gegenüber getreten, habe ihm mächtig imponirt; wesshalb es denn auch erklärlich war, dass der Zimmermann Schritt vor Schritt zurückwich, während Jener langsam vorwärts schritt.
An der Stubentüre blieb er stehen, öffnete sie und sprach: "Trete Einer von euch da hinein, auch das Weib mit dem kind; die Uebrigen mögen draussen bleiben."
Diesem Befehle leistete Richard Folge, indem er Katarine am arme nach sich zog.
Meister Schwemmer war zurückgetreten, als sich die tür geöffnet hatte, und zog sich langsam nach der Küche hin, um dort zu erwarten, wie sich dieser neue Vorfall entwickeln werde.
"He! ein Licht!" sagte die stimme von vorhin.
"Soll ich eines bringen?" flüsterte das Weib ihrem mann zu. – Und als dieser versetzte: "Gegen die Gewalt ist nichts zu machen," ging sie an den Herd, zündete