1854_Hacklnder_152_265.txt

entleidet?"

"Ich will das nicht geradezu behaupten," antwortete Herr Schellinger. "Allerdings schmerzte mich der Verlust dieses Geldes; doch Gold lässt sich nicht erwerben. Aber ich verliess dazumal Berlin, – es war im monat August und es wimmelte auf den Strassen von tollen Hunden –"

"Und das machte Euch Angst?"

"Es war mir wenigstens nicht besonders angenehm; und da mir die Welt offen stand, so reiste ich direkt nach Persien. – Aber da fällt mir noch eine schauerliche geschichte ein, die damals mit solch' einem wütenden Hunde in Berlin passirte. Dieser Hundich glaube, er hiess Sultanwurde, Gott weiss, aus welcher Ursache, rasend, er biss ein Pferd, das nach gehöriger Zeit ebenfalls wütend wurde, und zwar gerade, als man im Begriff war, es einzuspannen. Dieser Gaul schlägt wie toll um sich und endlich beisst er zu wiederholten Malen in die Deichsel. – Das hat nun weiter nichts zu sagen, meint ihr; aber ich gebe euch mein Ehrenwort, dass die Sache einen fürchterlichen Verlauf nahm. Diese Deichsel nämlich, ja der ganze Wagen war am anderen Tage angesteckt, und rannte wie toll durch alle Strassen, und in einer Geschwindigkeit, dass zwölf Mann Gensdarmerie zu Pferde kaum im stand waren ihn einzuholen."

"Aber er hat doch Niemand gebissen?" fragte pfiffig blinzelnd Herr Sträuber.

"Das gerade nicht; aber ich habe Leute gekannt, die bei diesem Anblick in Ohnmacht fielen, und die, als sie wieder zu sich kamen, ihr ganzes Leben hindurch behaupteten, sie hätten ein herumlaufendes Rad im kopf. – Und das ist keine Kleinigkeit."

"Schellinger ist immer noch der Alte," sagte der Hausherr, nachdem er zuerst gelacht, dann gehustet und sich darauf in einem wahren Erstickungsanfall die Seiten zusammengepresst hatte.

"Ja, ja, wir bleiben die Alten," entgegnete kopfnikkend der Schneider, – "bis an unser seliges Ende."

Herr Sträuber verzog bei diesen Worten auf unangenehme Art den Mund und schnalzte mit der Zunge, als koste er etwas sehr Scharfes und Bitteres. – "Sprechen wir nicht davon," sagte er; "ich mag das nicht leiden; es kommt früh genug."

"So solltet Ihr nicht sprechen," erwiderte der Garderobe-Gehilfe und sah den Anderen fest an. "Unsereins hat bei seinem tod nichts zu erwarten; wir gehen abwärts, sieben bis acht Schuh abwärts, und liegen da ruhig, bis uns die Graswurzeln in's Gesicht wachsen. Aber Ihr, Sträuber, Ihr geht bei Eurem seligen Ende ein paar Klafter aufwärts, darauf möchte ich schwören, und erhaltet da vornehme Gesellschaft, die Euch laut schwätzend umkreisen und sehr vielen Geschmack an Euch finden wird."

Wir können nicht verschweigen, dass Herr Sträuber bei diesen Worten leicht zusammenschauerte und sich einigermassen entfärbte.

Auch Meister Schwemmer bewegte sich unmutig auf seinem stuhl, während er sagte: "Lasst doch diese scheusslichen Reden; das greift mir wahrhaftig die Nerven an."

"Man muss immer an sein Ende denken," versetzte unerschütterlich der Schneider. "Und Ihr werdet doch keine Angst vor dem tod haben? das ist Euch ja ein alter lieber Gast, der oft genug hier im haus einkehrt."

Der Hausherr war bei diesen Worten erschreckt zusammen gefahren, dann aber raffte er sich empor und blickte den Schneider mit seinen weit aufgerissenen, unheimlich glänzenden Augen an, wobei er den Mund öffnete, so dass seine dünnen Backen tief einsanken. Doch versuchte er es gleich darauf wieder, zu lächeln, während er hüstelnd sagte: "Alter Spassvogel, der Schellinger! – Gott sei es gedankt, mit uns ist der Tod bis jetzt recht säuberlich verfahren."

Der Schneider tat gar nicht, als habe er nur das Geringste von der Aufregung der Andern gesehen; er klopfte sich mit den Händen auf seine dünnen Schenkel und schaute an die Decke, als er sprach: "Wisst Ihr, Meister, die Leute sagen so; mir kann es ja im grund gleichgiltig sein."

"Was sagen die Leute?"

"Nun, was werden sie sagen! Dass Ihr hinten in Eurem haus einen Stall habet, wo die armen kleinen Kinder, die von Gott und den Menschen verlassen sind und desshalb in Eure hände fallen, zu tod gefüttert werden."

"Ah!"

"Ja, das sagen sie. Und sie halten das Ganze hier nur für eine Seelenverkäuferei; und desshalb bin ich auch eigentlich gekommen, um mein Quartier bei Euch aufzukündigen, denn wenn ich noch ferner wohnen bliebe, so könnte meine Reputation darunter leiden."

Herr Sträuber hatte sich bei diesen seltsamen Worten zoll- und ruckweise von seinem stuhl erhoben und den Schneider mit einem wahrhaft gläsernen Blikke betrachtet. Seine rechte Hand tappte dabei hinter sich an die Stuhllehne, als glaube er dort irgend ein Instrument zum Dreinschlagen finden oder fassen zu können. Zu gleicher Zeit blickte er aber auch auf die Stubentüre und schien in Erwägung zu ziehen, ob es nicht besser wäre, dies Haus, von dem man so schreckliche Dinge sagte, zu verlassen.

"Ich begreife übrigens gar nicht," fuhr der Schneider mit grosser Kaltblütigkeit fort, "wie Ihr mich so verwundert anstaunen mögt? Habt Ihr denn nicht gewusst, dass die Leute so was sagen?"

"Nein, nein!" stiess der Hausherr mühsam hervor. "Das sagt auch