, Ihr bringt einen wahren Frost mit herein," versetzte Meister Schwemmer stark hustend. "Setzt Euch da auf die Bank und taut ein bischen auf."
Der Schneider tat wie ihm geheissen und liess sich auf einen Schemel an der Seite des Ofens nieder, wo sich die Stubentüre befand.
"Habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Freund Schellinger," sprach Herr Sträuber. "Ihr besucht Eure Freunde so selten."
"Wer zu oft kommt, der wird überlästig," sagte Schellinger lächelnd. Dann wandte er sich an den Hausherrn und meinte: "So ein warmer Ofen tut doch gut; Ihr solltet mir nächstens auch einen in die stube setzen lassen."
"Das erträgt's Gebälk nicht," warf lachend Herr Sträuber ein. "Ich fürchte immer, dass Ihr's einmal durchbrecht und dass ich Euch eines tages im untern Stock von der Decke herabhängend finde."
Der Schneider legte seine arme auf die Kniee, wie er gern zu tun pflegte, und liess den Kopf tief sinken, den er nur zuweilen seitwärts erhob, um alsdann Dem, mit welchem er gerade sprach, mit einem eigentümlichen Gesichtsausdrucke von unten herauf in die Augen zu blicken. – "Das wäre möglich," sagte er, "dass ich mich noch einmal selbst da aufhänge; aber vorher warte ich noch auf etwas."
"Und das wäre?" lachte Herr Sträuber.
"Dass Andere zuerst Euch aufhängen," entgegnete ruhig der Garderobe-Gehilfe. "Ich möchte sehen, wie sich dabei ein Mann von Lebensart und guter Erziehung wie Ihr ausnimmt."
"Pfui, Schellinger!" erwiderte der Andere. "Wer kann von so etwas nur reden!"
"Ja Ihr brachtet mich darauf," lächelte der Schneider. "Nicht wahr, Meister, ich fing nicht an?"
"Nein, Ihr fingt nicht an," antwortete der Hausherr, während er Herrn Schellinger seine Dose darbot.
"Danke schön. – Bin so frei. – Und wie geht's mit der Gesundheit?"
"Ich kann's gerade nicht rühmen," entgegnete Meister Schwemmer. "Der Winter greift mich an; das ist für Unsereins eine garstige Jahreszeit?"
"Ja, das Frühjahr ist besser," mischte sich Herr Sträuber in's Gespräch, und nickte dabei dem Schneider bedeutsam zu.
"Es ist etwas Seltsames," sprach dieser kopfschüttelnd nach einer Pause und sah starr vor sich auf den Boden, "um so einen starken Schnupfen, wie Ihr habt. Das kommt in der Geschwindigkeit angeflogen und geht langsam wieder."
"Aber bei mir ist es doch etwas mehr als Schnupfen," meinte trübe lächelnd der Hausherr.
"Nichts als Schnupfen," entgegnete Herr Schellinger in bestimmtem Tone. "Ich habe ihn einmal in Russland vier Jahre gehabt, unaufhörlich fort. Und da ich damals in sehr feine Gesellschaft ging, so brauchte ich täglich vierundzwanzig Schnupftücher, gerade zwei Dutzend; daran habe ich die Zahl behalten."
"Aber meinen Husten – den hattet Ihr nicht. Seht, das ist oft so arg, ich könnte wahrhaftig vom stuhl herunterfallen."
"Der meine war dazumal noch schlimmer;" fuhr der Schneider unerschütterlich fort; "ich musste mich oft durch sechs kosacken halten lassen, nur um nicht hinzustürzen."
"Und wie wurdet Ihr Euren Schnupfen los?" fragte Herr Sträuber.
"Allein durch Luftveränderung. In der Verzweiflung schloss ich mich an eine Gesellschaft an, die hinauf an den Nordpol reiste, um dort das grosse Loch zu untersuchen, welches die Erdaxe in's Eis gebohrt hat."
"Aber um einen solchen Husten und Schnupfen los zu werden, meine ich, man ginge nach dem Süden, dahin, wo es recht warm ist," sagte der Hausherr.
"Das hatte bei mir nicht geholfen," erwiderte Herr Schellinger. "Die ärzte zuckten bei meinem Anblick die Achseln und behaupteten, mir könne nur die Frierkur helfen."
"Und wie ist die?"
"Man reist also ganz einfach nach dem Nordpol hinauf, dort ist die Anstalt, wo man die Frierkur durchmacht; man kann auch da Molken trinken, aber sie schmecken von dem vielen Schneewasser ein bischen salzig. – Nun also werde ich in dicke Pelze eingehüllt, Alles: Körper, Gesicht, Mund und Nase. Dann bohrte man mir unter der Letzteren zwei Löcher, da hinein steckte man Röhren, durch welche der Frost auf mich einwirken sollte. Und so wurde ich vier Tage lang gerade mitten auf die Erdaxe gesetzt, bis der Schnupfen in meinem Kopf erfroren war, dann nahm man ihn heraus, setzte ihn in Spiritus, und ich habe ihn lange bei mir verwahrt, verkaufte ihn aber zuletzt auf vieles Zureden an die Universität nach Berlin für zwanzigtausend preussische Taler."
"Da wurdet Ihr ja auf einmal ein reicher Mann," sprach laut lachend Herr Sträuber.
"Hätte es sein können," entgegnete wehmütig der Schneider. "Aber ich erhielt mein Geld in lauter Papierscheinen zu jener Zeit, als es dort so ungeheuer viel falsche gab. Das war ein grosses Unglück, denn, als ich mir mit meinen zwanzigtausend Talern in der tasche ein Milchbrod kaufen wollte, so musste ich noch sechs Pfennige darauf legen."
"Das ist allerdings ein hartes Schicksal," meinte der Hausherr. "Und das hat Euch gewiss ein- für allemal Preussen