1854_Hacklnder_152_261.txt

Knieen das unvermeidliche rotkarrirte Tuch, dessen eigentliche Bestimmung es war, den vielen von den Fingern herabfallenden Schnupftabak wieder aufzufangen. Hierauf hielt die Frau, und sie vergass nie, dieses Tuch mehrmals des tages in ein Papier auszuschütteln.

Vor dem Hausherrn sass rittlings auf einem stuhl Herr Sträuber; er hatte die hände auf die Lehne desselben gelegt und rieb sein spitzes Kinn auf ihnen hin und her. Madame Schwemmer befand sich in einer Ecke des Zimmers und schälte Kartoffeln, ging aber häufig in die Küche hinaus, um, wie sie sagte, nach dem Kindsbrei zu sehen, der auf dem Herde schmorte, in Wahrheit aber, um regelmässig eine kleine Herzstärkung zu sich zu nehmen.

Herr Sträuber musste etwas erzählt haben, was den Anderen einigermassen überrascht, denn dieser schüttelte mit dem kopf, machte grosse Augen und ein schiefes Maul und meinte alsdann: "So, so! – Ei, ei! – und spurlos verschwunden?"

"Spurlos!" entgegnete Herr Sträuber, indem er seinen Kragen in die Höhe zog; "das heisst, wohlverstanden, spurlos als Lebender. Freilich tot genug zog man ihn am andern Morgen aus dem Kanal hervor."

"Ah! das ist doch was Anderes! da wusste man also doch, wo er geblieben war! – Und wer besorgt dergleichen Geschichten?"

"Bssst! Meister Schwemmer! darüber spricht man nicht gern; es weiss es auch eigentlich Niemand genau, wer da den Scharfrichter spielt. Genug, es ist schon einige Male vorgekommen, so viel ich weiss."

"Und da spricht er ganz einfach einen Urteilsspruch?"

"Nachdem er drei, vier der Andern gehört hat, und sie seiner Meinung sind."

"Na, da ist doch eigentlich eine Art von Gericht, und dagegen kann man nichts haben."

"Ganz richtig: dabei wäre am Ende auch nichts zu erinnern. Aber er übt auch sonstunter uns gesagteine zu wahnsinnige Tyrannei aus. Kann Einer von uns wohl tun, was er mag? – Hat irgend Einer einen freien Willen? – Nein! nein! beim Teufel! nein! Ich versichere Euch, Meister Schwemmer, ich gehe stark mit der Absicht um, wieder ehrlich zu werden und mein Brod auf anständige Weise zu verdienen. Ich absonderlich tauge nicht in diese Gesellschaft; man hat eine Erziehung genossen, man hat eine Vergangenheit, und danngibt es ein paar zu schöne Augen, die mich oftmals mit heissen Tränen bitten, aus dem Dunkel hervorzutreten, in das mich unsere Lebensweise hüllt. – Schöne Augen!"

"Nun, wenn die schönen Augen Geld haben, so heiratet sie in Gottes Namen und lebt Eurer Erziehung und Eurem stand gemäss."

"Findet Ihr das nicht auch, Meister: ich bin zu nobel, zu vornehm für dies Gewerbe?"

"Das wollte ich gerade nicht sagen," meinte hustend der Hausherr. "Wisst Ihr, Sträuber, Euch fehlt der rechte Mut zu unserem Geschäft, Ihr habt Angst vor einem Handgemenge, Ihr seid zu weich."

"Richtig, richtig, Meister Schwemmer!" erwiderte schwärmerisch der Andere, wobei er den Hut, den er auf dem Kopf hatte, fest in die Augen drückte. "Das sagt meine Gräfin mit den schönen Augen auch. Was mich dieses Weib liebt, davon habt Ihr gar keine Vorstellung. – Es frisst mir das Herz ab, wenn ich sie so vornehm und stolz vorüber fahren sehe, und dabei bedenke, was ich für ein miserabler Sklave bin. – Und Sklaven sind wir, das ist nicht zu leugnen."

Als Herr Sträuber von der schönen Gräfin sprach, nahm der Hausherr eine gewaltige Prise und kniff sein linkes Auge zu gegen das Weib hin, das darauf verächtlich lächelnd die Achseln zuckte.

"Glaubt Ihr nicht, dass wir Sklaven sind?" fuhr Herr Sträuber fort, da er diese Grimasse, welche seiner angeblich vornehmen Bekanntschaft galt, missverstanden.

"O ja doch," entgegnete Meister Schwemmer; "namentlich Ihr vom Fuchsbau. Mich hier lässt er so ziemlich im Frieden."

"Wartet nur; ich sehe es auch noch kommen, dass er Euch irgend was am Zeuge flickt. Er soll neulich zu Matias gesagt haben: was wisst Ihr von der Wirtschaft bei dem Schwemmer? Da sollen zuweilen saubere Geschichten vor sich gehen; sagt ihm mein Kompliment und er soll sich in Acht nehmen."

"Hat er das wirklich gesagt?" fragte der Meister, der einen plötzlichen Schrecken mühsam hinter einem leichten Hüsteln zu verbergen suchte, wogegen das Weib Kartoffeln und Messer in den Schooss fallen liess und mit weit offenem mund drein schaute.

"Ja, das hat er gesagt?" fuhr Herr Sträuber fort, offenbar sehr befriedigt durch die wirkung, welche diese Worte hervorgebracht. – "Von mir sprach er ebenfalls, und nicht gerade besonders schmeichelhaft; er nennt mein unschuldiges Vergnügen, den kleinen Kindern die Ohrringe wegzunehmen, ein gemeines Verbrechen, eine Schande; er wolle ein Wort mit mir reden, wenn er sich einmal von der Wahrheit überzeugt. – Nun, ist das keine Sklaverei? Müssen wir uns eine solche herrschaft gefallen lassen?"

Der Andere winkte mit der Hand, als wollte er sagen: stille, stille! Und dann fragte er mit leiser stimme: "Woher erfährt er denn alle diese Geschichten?"

"Das weiss der Teufel!" sagte Herr Sträuber; "aber ihm