sein."
"Das ist schon wahr," fuhr der Schneider nachdenkend fort. "Aber ich kenne sie Alle; wie schon gesagt, der Schwemmer kann kaum von seinem stuhl aufstehen, sonst bringt ihn der Husten um. Da ist nun ferner ein Monsieur Sträuber, ein hochnasiger Schuft, der aber nicht für einen Pfennig Mut im leib hat. Der einzige tüchtige Kerl, der da sein könnte, ist ein gewisser Matias. – Doch," setzte er mit ungewohnter Aufrichtigkeit hinzu, "tut er einem armen Schneider, wie ich bin, nichts zu Leide."
"Für alle Fälle," versetzte Richard nach einer Pause, "haben wir auch gute Freunde, die uns unterstützen werden." – Er lehnte sich bei diesen Worten abermals an das Fenster und blickte auf die langsam dunkler werdende Stadt, wo sich schon hie und da einzelne Lichter zeigten. "Die Katarina war neulich bei einem Doktor, dem hat sie ihre Sache anvertraut und erzählt, dass sie hauptsächlich durch deine Hilfe ihr Kind wieder zu erlangen hofft. Es soll das ein braver Herr sein, und er hat mit dem Polizei-Kommissär dieses Viertels gesprochen, damit irgend Jemand in der Nähe ist, wenn wir allenfalls Hilfe brauchten."
"Ich habe mit der Polizei nicht gerne zu tun," sagte Herr Schellinger; "es ist das für anständige Leute immer eine unangenehme geschichte. Das tappt nur so zu, namentlich im Dunkeln, und wenn sie selbst einmal den Unrechten beim Kragen nehmen, so lassen sie ihn so bald nicht wieder fahren." – Er schlug die arme über einander und blickte, wie es schien, mit allerlei Gedanken beschäftigt, in's Freie hinaus, an den Himmel empor, wo sich trotz des Nebels einige Sterne mit blassem Lichte zeigten. – "Und wo ist die Katarine?" fragte er nach einer Pause.
"Ganz in der Nähe," entgegnete Richard; "in der Verwirrung, wo wir dir zu Hilfe springen, wird sie in das Haus eilen, nach dem Affenstall, wie du die Kinderstube nennst, und dort ihr Mädchen holen."
"Schön, schön; das ist nicht schlecht arrangirt. So wollen wir denn jetzt an die Ausführung gehen."
"Ist es nicht noch zu früh."
"Nein, später lassen sie mich gar nicht mehr in's Haus."
"Und wie lange glaubst du, dass es dauern wird, bis wir zu tun bekommen?"
"Ich denke, so eine halbe Stunde bis drei Viertel; wenn sie nicht gar zu sanftmütig gelaunt sind, so ist es Zeit genug, um einen Streit mit ihnen anzufangen."
"So geh' denn hinunter, Schellinger," sagte der Zimmermann, während er ihm mit komischem Ernste beide hände auf die Schultern legte. "denke, du seiest in Hinterindien oder in Vorderasien und gehest zur Attaque auf irgend einen wilden Indianerstamm. Halte dich tapfer und schreie zur gehörigen Zeit und recht laut um Hilfe."
"Daran soll's nicht fehlen," erwiderte der Schneider, der noch einen blick rings durch die stube laufen liess, während er sich anschickte, sie zu verlassen. Plötzlich blieb er stehen, schlug sich vor die Stirne und sagte: "Wie kann man auch so vergesslich sein! Hätte ich doch bald etwas ganz Notwendiges übersehen! – Richard, du musst mir die Liebe tun, da ich selbst keine Zeit mehr dazu habe, an meine Stubentüre ein Papier zu kleben und darauf zu schreiben: Schellinger wohnt nicht mehr hier, ist aber zu erfragen auf einem hochpreislichen Hofteater-IntendanzBureau. – Es ist das für mich von grosser Wichtigkeit, denn von Tag zu Tag erwarte ich den Besuch eines meiner besten Freunde, eines russischen Fürsten, mit dem ich in Kairo beim Vizekönig zu Gast war. Er versprach mir, mich in Deutschland zu besuchen, und sagte noch beim Abschied mit Tränen in den Augen zu mir: Paschol Durak – Schellinger! was so viel heissen will, als: Schellinger, ich werde dich niemals vergessen. – Nicht wahr, Richard, das besorgst du mir? – Es war ein guter Kerl, dieser Russe, und er würde mir niemals vergeben, wenn er hier vor meine verschlossene Stubentüre käme."
Der Schneider reichte hierauf seinem Freunde die Hand, bezeichnete auf der Stubentüre die Stelle, wo er das Plakat angebracht zu haben wünschte, und stieg hierauf vorsichtig die Treppe hinab. Als er aber unten angekommen war, blieb er stehen und rief einige Male Richards Namen.
"Was soll's?" antwortete dieser in das dunkle Haus hinab, wo er die Gestalt des Schneiders nicht mehr erkennen konnte.
"Nur noch eine Kleinigkeit," versetzte der Garderobe-Gehilfe. "Du musst auf das Plakat über die Notiz, wo ich zu finden bin, statt meines einfachen Namens schreiben: der berühmte Reisende von Schellinger, denn nur so kennt mich mein Freund, der russische Fürst. – Jetzt aber gehab' dich wohl und fall' mir nicht die Treppen hinunter."
Richard hörte nun für den Augenblick nichts weiter, als die tappenden Schritte, mit welchen Herr Schellinger sich entfernte, sowie das Knarren der tür, als derselbe das Haus verliess.
Sechzigstes Kapitel.
Er!
Meister Schwemmer sass, wie fast immer, so auch am heutigen Abend auf seinem gewöhnlichen Platz am Ofen, die angeschwollenen Füsse in Filzschuhen, auf den