von freundlicher Hand aufgenommen. – Die weisse Sklavin erhielt für sich und ihr Kind kein warmes Zimmer, kein gutes Bett; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim; sie ist verschwunden und verschollen, kein Buch beschreibt ihre grössere Tat, keine Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes." –––––––––––––––––––––––––––
Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwörend gegen Himmel und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft er aber bei dem stuhl seiner Tochter vorüberkam, berührte diese leicht seine Hand, worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger, sein blick sanfter wurde. Endlich blieb er vor Clara stehen, fasste ihre Hand und sagte, nachdem er ihr eine Zeitlang in die dunklen Augen gesehen, mit lächelndem Ausdruck im Gesicht: "ja, ja, es ist leider wahr, mein Kind, wir Alle sind Sklaven; sieh' nur mich, deinen Vater, an, glaubst du nicht, dass ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten würde, wenn das meine Kräfte zuliessen, als diese geistigen Frohndienste zu versehen, die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen, das mir unangenehm, ja unheimlich ist! – – Aber ich weiss mich zu trösten, liebe Clara," fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sein Gesicht wieder den alten gemütlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, während seine Augen wieder sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene Lächeln erschien. "Ja, ja, ich weiss mich zu trösten," sagte er, "denn siehst du, mein Kind, wären wir, ich, du und vielleicht noch Tausende von Menschen der gleichen Klasse allein dazu berufen, die Sklaven aller anderen zu machen, es wäre entsetzlich, es könnte das nicht lange fortbestehen, und bald müssten sich die Niedergedrückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die usurpirte herrschaft ihrer Unterdrücker auflehnen. Aber es ist nicht so: Alle sind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche stolz auf uns herabblicken; und je höher sie stehen, desto herber fühlen sie ihre Sklaverei."
Das junge Mädchen sah ihren Vater fragend an, und sagte: "Aber, lieber Vater, die Reichen, die sich für ihr Geld alle Genüsse dieses Lebens verschaffen können –?"
"Sind die Sklaven eben dieses Geldes," versetzte rasch der alte Mann, "die Sklaven ihrer Leidenschaften, die Sklaven eines oft kranken und desshalb für viele Genüsse unbrauchbaren Körpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem, ruhigem blick, frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, erkundige dich, wer vollkommen glücklich und zufrieden sei; – du wirst Wenige finden, und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen Ständen. Dort drückt die unzerreissbare Sklavenkette des sogenannten guten Tons, des Herkommens am stärksten, wenn sie auch der oberflächliche Beschauer nicht sieht, da sie unter Gold und Blumen versteckt ist; dort verletzt ein Wort, ein blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüts; sie dienen nur dazu, Verdruss, Hass, Wut, Neid zu verdecken: ein Händedruck, ein freundliches Wort will dort nichts sagen, es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber knirschend in seine Kette beissen möchte, und den nur die Macht, das Ansehen des Anderen dazu zwingt, ein süsses Gesicht zu machen und den rücken zu krümmen. –"
"Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen, wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des Reichtums entfallen. – Es ist dies wahrlich in der Welt recht schön und klug eingerichtet," fuhr der alte Mann lächelnd fort; "Einer ist wie gesagt der Sklave des Andern, und so hängen alle Menschen an einer gewaltigen Kette, vom Bettler bis hinauf zum Könige."
"Aber der König ist frei," sagte lächelnd das Mädchen, "ihn kannst du nicht zu den Sklaven rechnen."
"Gewiss, mein Kind, ihn auch," antwortete der alte Mann und starrte nachdenkend, doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin. "Er ist auch Sklave der Verhältnisse, seines Schicksals, ja teilweise seiner Umgebung; sein Wille vermag nicht immer durchzudringen; und glaube mir, er in seiner Höhe fühlt es doppelt hart, wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenüberstellt, wenn sein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten, die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade weil er sonst herrscht und gebietet, fühlt er hier um so schmerzhafter, dass er gefesselt ist. – Ja, Alle, Alle sind Sklaven!"
Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen, liess sie einige Minuten auf dem schönen gesicht seiner Tochter ruhen, dann wandte er sie sinnend gegen die Mauer, welche das Gemach umgrenzte, die aber seinen blick nicht aufhielt; sie schien sich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen, in andere Verhältnisse, in fremdes Leben zu schauen. Seinen Mund umspielte ein freundliches Lächeln; er sah in Gestalten und Bildern vor sich, was er vorhin in Worten ausgesprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die nachfolgenden Kapitel dieses Buches.
Achtes Kapitel.
Artur.
Es mochte etwas über zehn Uhr an dem Abend gewesen sein, als der junge Mann, welcher der Tänzerin, Mamsell Clara, so unverhofft,