Sie sind freilich sehr teuer, aber das kommt mir bei dir nicht darauf an."
Während er das sprach, war er aufgestanden, hatte eine alte Kiste unter dem Bettschragen hervorgezogen, und fing nun an, sie auf den Boden auszuleeren, zu welchem Zwecke er ein nicht mehr ganz neues Hemd ausbreitete und darauf allerlei unbedeutende Gegenstände, als: Knochen, Glas, kleine Stücke Holz, vergilbte Papiere, Haarbüschel, auch abgerutschte Tressen, schmierige Rockaufschläge und Kragen und dergleichen mehr niederlegte.
"Ich hatte einmal solch einen wahnsinnigen Affen," sagte er währenddem, "und er war mir lange Jahre ein treuer und redlicher Bedienter. Er war ohne alle Unarten; nur konnte er es nicht ertragen, wenn man ihm von seinem früheren stand sprach. Da wurde er grob und sagte mir oft die bittersten Wahrheiten. – Siehst du, Richard," unterbrach er sich selbst, indem er ein kleines Papier hervorzog, es aufmachte und dem Zimmermann eine Wurstaut darreichte, "sieh, das kannst du mitnehmen, es ist ein Stück Brillenschlangenhaut, davon brauchst du dir nur ein klein wenig um die Finger zu wickeln, und alle Schlangen, die dir begegnen, ergreifen augenblicklich die Flucht. Es beisst dich alsdann keine; auf Ehre! du kannst es mir glauben. – Da nimm es und tu' mir nur den Gefallen, es gleich zu probiren. – Ich will ein Lügner sein und ein schlechter Mensch, wenn du mir morgen nach dem Teater sagen kannst, es habe dich eine einzige Klapperschlange oder dergleichen Zeug gebissen."
"Hilft es auch gegen die Flöhe!" fragte lachend der Zimmermann, während er die vertrocknete Wurstaut in die tasche steckte.
"Lass einmal sehen. – Gegen die Flöhe?" erwiderte Herr Schellinger, streichelte gedankenvoll sein spitzes Kinn und sah zum Fenster hinaus. "Lass doch einmal sehen," wiederholte er alsdann. – "Nein, gegen die Flöhe hilft es nicht; aber hier habe ich was Anderes für diesen Zweck, was mir in Arabien gute Dienste geleistet."
Bei diesen Worten griff er in den Kasten und händigte seinem Freunde etwas ein, was dieser laut lachend betrachtete.
"Das ist ja ein Stiefelzieher," sagte er.
"Nein, nein, gewiss nicht! Man braucht das in Arabien, um den Flöhen die Zähne auszubrechen."
"Da müssen sie ungeheuer gross sein, Schellinger."
"O, es geht so an," entgegnete der Schneider. "Die grössten, die ich gesehen habe, waren wie hier zu land ein kleiner Pudel. Doch soll's hinter Palmyra, wie glaubwürdige Reisebeschreibungen versichern, noch viel grössere geben. Ich kam aber nicht dahin, sie wollten mir in Damaskus meinen Pass nicht weiter visiren, indem der dortige Oberamtmann behauptete, ich sei von meiner Regierung als militärpflichtig reklamirt worden."
Unter diesen Erzählungen hatte der Schneider sein Bündel gepackt und übergab es Richard, der ebenfalls aufgestanden war und es unter den Arm nahm. –
Die Sonne war untergegangen, klar und rein, wie sie den ganzen Tag geschienen, und hinterliess noch lange nachher eine Röte am Horizont im Westen, so tief und glühend, dass die Nebel, welche sich im nächsten Augenblick über die Stadt lagerten, sie nicht zu bewältigen vermochten, sondern von ihr dunkelrot gefärbt wurden.
Der Zimmermann trat an's Fenster und sagte, während er hinausblickte: "Das wird eine kalte Nacht werden; ich bin froh, dass ich mich warm angezogen habe; denn wir werden doch eine Zeit lang draussen auf dich warten müssen."
"Ja, kalt wird es werden," meinte auch der Schneider. "Schau, wie blutig der Nebel aussieht. Wenn man an Vorbedeutungen glauben wollte, so könnte man vielleicht denken, unser Unternehmen möchte nicht ganz gut ablaufen."
"Denkst du etwas dergleichen?" fragte Richard. "Schellinger! Schellinger! du hast dich so bereitwillig zu deinem Posten angeboten; noch ist es Zeit, zurückzutreten, wenn du etwa Furcht haben solltest. – Aber das will ich nicht glauben, du hast dich immer als mutig bewährt."
"Furcht?" sprach geringschätzend der GarderobeGehilfe. "Ich meine, ich hätte in meinem Leben Mut genug gezeigt; von meinen Reisen will ich diesmal nichts reden, denn sie sind weltbekannt. Aber du wirst dich wohl erinnern, dass ich ein ganzes Jahr lang Teaterdiener war, als der alte Stütz gestorben."
"Das weiss ich freilich. – Aber zu dem Geschäft gehört doch kein besonderer Mut."
"Mut und Entschlossenheit. Geh' du einmal zu einer ersten Sängerin hinein, wenn sie ohnehin schlechter Laune ist, wenn sie sich einbildet, heiser zu sein, weil sie nicht singen mag. Tritt du vor sie hin und fordere ihr irgend eine Rolle ab. – Lieber Freund, ich habe mancher Löwin ihre Jungen weggenommen – das taten wir in Indien zur Bewegung vor dem Frühstück – und habe nie dabei gezittert. – Aber hier! – Oder bring' einem ersten Künstler den Befehl der Intendanz, eine, wie er glaubt, untergeordnete Rolle zu spielen, oder auch die Verweigerung eines neuen Kostüms! – Da heisst es Courage haben und fest hinstehen. Aber da drüben der Schwemmer, das ist mir ein Kinderspiel."
"Es ist aber nicht nur der Schwemmer allein," erwiderte der Zimmermann, "sondern die Kneipe hinten im hof soll eine Auflage alles möglichen Gesindels