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kann ja kein Mensch ein vernünftiges Wort mit dir reden."

"Ja, du hast Recht, lieber Richard," sagte melancholisch der Schneider, indem er sich mit der Hand über die Stirne fuhr und tief aufseufzte; "es ist das allerdings eine schlechte Angewohnheit und plagt mich sehr. Es ist ein Unglück, dass ich diese weiten Reisen gemacht habe und es nun einmal nicht lassen kann, die Menschen aus meiner Erinnerung zu belehren. – Was habe ich davon? – Nichts als Undank! Ich weiss ja wohl, was die Leute sagen, wenn ich weggegangen bin. – Wie der Schellinger gelogen hat! lachen sie. Und siehst du, Richard, die Reputation eines Lügners zu haben, ich, der nur die Wahrheit spricht, das bringt mich noch unter den Boden."

"Das sagt ja auch kein Mensch," entgegnete begütigend der Zimmermann; "ich am allerwenigsten. Nur meinte ich eben, du solltest deine Phantasie ein bischen bemeistern und auch hie und da einmal von anderen Dingen sprechen, als von deinen schönen Reisen."

"Ach, die Phantasie!" versetzte traurig Herr Schellinger, "die ist stärker als unser Wille; ich habe davon die schrecklichsten Beispiele. Glaubst du wohl, Richard, dass ich neulich des Nachts mich so in meinen Phantasieen verlor, dass ich deutlich die brücke in Hinterindien vor mir sah, wo ich auf meinem Zebra in den Fluss hinabsprang, als mich der Oberst der leichten Braminen-Kavallerie verfolgte. Es war eigentlich ein Halbtraum, aber so schrecklich und deutlich, dass ich, als ich aufwachte, nachdem ich geträumt, ich sei im wasser gelegen, nun über und über nass war. – Glaubst du das, Richard?"

"Ja, ja, ich glaube es dir, Schellinger. Aber jetzt ruf' deine Phantasieen zurück und lass uns einmal ein anderes Gespräch anfangen. – Du wirst also beim Dunkelwerden hinübergehen?"

"In einer halben Stunde."

"Bei Meister Schwemmer setzst du dich wie oft an den Ofen und erzählst deine Geschichten, musst aber solche Dinge vortragen, das sie dir nicht glauben."

"Das wird schwer angehen," meinte Herr Schellinger.

"Na, versuch' es nur. – Wenn sie dir also nicht glauben wollen, und das sagen, so ereiferst du dich und machst ihnen einige Grobheiten. – Das kannst du doch? – So gibt denn ein Wort das andere; am Ende bedrohen sie dich vielleicht, du lässt dir nichts gefallen, ihr kommt aneinander, und dann machst du von deiner Waffe Gebrauch. – Du hast doch deine Pistole bei dir?"

"Hier ist sie," entgegnete der Schneider und zog ein rostiges Teater-Terzerol aus der tasche. "Der Inspizient hat es mir geliehen und auch mit einem schwachen Schusse geladen."

"Es ist aber doch kein Schrot darin?"

"Gott bewahre! nur ein leichter Pfropfen. Auch werde ich damit an die Decke hinauf halten."

"So ist's recht. – Zu gleicher Zeit schreist du um Hilfe, und dann sind wir wie ein Donnerwetter bei der Hand."

"Was meinst du, Richard," sagte Herr Schellinger nach einer Pause, "wenn sie mir zu hart auf den Leib gehen, soll ich nicht vielleicht den Einen oder Anderen zu Boden schlagen?"

"Nein!" entgegnete der Zimmermann, indem er lächelnd die miserable Figur des Schneiders betrachtete. "Lass das nur bleiben."

"Das ist eigentlich schade," fuhr dieser fort; "ich könnte dabei so gut den Handgriff anbringen, den mich die Tscherkessen gelehrt. Man bewegt nur die Faust ein wenig, lässt sie ganz sanft niederfallen, und wenn man dabei die richtige Stelle trifft, so stürzt dir ein Ochs zusammen. – Aber wenn du meinst, so tue ich es nicht."

"Ich meine wirklich, es werde besser sein, wenn du es bleiben lässt, Schellinger; du hast überhaupt in dem Augenblick viel zu beobachten. Wenn du um Hilfe schreist, so musst du im gleichen Augenblicke das Fenster oder die tür aufreissen. – Jetzt aber noch Eins. Was du hier an Habseligkeiten hast, das packen wir gleich zusammen, denn dableiben kannst du begreiflicherweise nach der geschichte nicht mehr; wir wollen schon ein Quartier für dich besorgen. Vorderhand kannst du zu mir ziehen, wir haben eine kammer und ein Bett, besser als dieses hier. Es wäre gut, wenn du mit dem Einpacken gleich anfingest; ich lege dann die Geschichten irgendwo hin, von wo wir sie nachher mitnehmen können."

"Das Zusammenpacken ist schnell besorgt," erwiderte trübe lächelnd der Garderobe-Gehilfe. "Wenn ich bedenke, wo all' die schönen Sachen hingekommen sindich kam damals aus Indien zurück mit vierundsechzig Kistenwo sind sie geblieben? – Gott weiss es! Aber das machte mir keinen Kummer, ich habe mir vorgenommen, nächstens einmal wieder eine Tour zu machen, und da werde ich schon wieder was Besonderes finden. – Wenn es dir Spass macht, Richard, so bringe ich dir einen wahnsinnigen Affen in Lebensgrösse mit."

"Und warum gerade einen wahnsinnigen, Schellinger?"

"Ja siehst du, Richard, die gewöhnlichen sind zu toll und unanständig und man kann nichts mit ihnen anfangen. Haben sie aber einmal ihren Affenverstand verloren, so werden sie gelehrig und vernünftig wie ein Mensch.