1854_Hacklnder_152_257.txt

der Ecke ein Geräte, welches die Frechheit hatte, sich für ein Bett auszugeben, in Wahrheit aber nichts war, als ein hölzerner Schragen mit einer alten Wollenmatratze, einem Kopfkissen, auf welchem als Decke ein Stück Teppich lag, sowie ein langgedienter Reitermantel. Leintücher hatte sich Herr Schellinger längst abgewöhnt; in Indien nämlich hatte er einen unüberwindlichen Abscheu dagegen gefasst wegen der vielen Tausendfüsse und Schlangen, die sich nach frischer Wäsche sehnen und desshalb zu einem in's Bett kriechen. – Was einen Ofen anbelangt, so war davon nirgend eine Spur zu sehen, Herr Schellinger behauptete auch, Frieren und Schwitzen seien Fehler, die man sich abgewöhnen könne, und er habe es darin sehr weit gebracht. Er behandelte dies Kapitel auch heute wieder, als nämlich Richard sagte: "Puh! Schellinger, bei dir ist es kalt!" und dabei in seine hände blies.

"Ich zehre immer noch an meinen Reise-Erinnerungen in Brasilien," versetzte er gleichmütig. "Wir haben da eine übermenschliche Hitze ausgestanden. Hier schwitzt man auch, aber das ist gar nicht der Rede wert. Ich habe einstmals in Rio bei einem Maler gearbeitet, das heisst, ich musste ihm Modell sitzen, denn er behauptete, mein Kopf sähe dem des Kaisers Napoleon auf eine wahrhaft erschreckliche Weise ähnlich. Da sass ich nun auf meinem Stuhl und hatte die Beine um die Füsse desselben herum geschlungen; es waren, glaube ich, an dem Tag hundertundvierzig Grad Hitze. – Nein, es waren hunderteinundvierzig, weil bei hundertundvierzig noch Schule gehalten wird, aber bei hunderteinundvierzig haben die Kinder Hitzvakanz. – Da sass ich also, und lief der Schweiss so an mir herunter, dass von den beiden Stuhlfüssen, wo Alles zusammen kam, ein paar ordentliche Bäche bis nach der Stubentüre hinliefen. – Auf Ehre! Richard, ich bekam für die Stunde Modellsitzen einen preussischen Taler."

"Ei Schellinger!" rief lachend der Zimmermann, "dabei hättest du die schiefen Häuser aus der Wallachei brauchen können. – Aber wenn es dir nun recht ist, so wollen wir ein bischen von unserer Angelegenheit reden."

Dabei hatte er sich einen Stuhl genommen, ihn vorher sorgfältig geprüft und sich dann darauf niedergelassen. Herr Schellinger machte es seufzend und mit empor gezogenen Augenbrauen ebenso, nur schlug er die hände über einander, die Jener fröstelnd in seine Hosentaschen gesteckt hatte.

"Du weisst also," begann Richard, "worum es sich eigentlich handelt; wir wollen, wenn es möglich ist, der Katarine, der armen Weibsperson, wieder zu ihrem kind verhelfen, das, wie du selber meinst, da drüben in dem haus ist."

"Der Beschreibung nach vermute ich das wohl," erwiderte der Schneider; "sie liessen mich freilich nur einen kleinen blick in den Affenstall hinein werfen, aber da sah ich so ein Ding, wie man es mir beschrieben, auch hatte es ein blaues wollenes Kleid an."

"Und es sah in dem Stalle so jämmerlich aus."

"O," erwiderte kopfschüttelnd Herr Schellinger, "über alle massen. Ich habe auch da hinten herum mancherlei Elend gesehen, namentlich bei den Frosch-Indianern; die wohnen nämlich in Sümpfen und quacken wie die Frösche. Beiläufig gesagt, behauptet man, von ihnen stammen die amerikanischen Quäcker her; ich habe aber hierüber nicht in's Klare kommen können. – Die Frosch-Indianer nun haben die sehr schlechte Gewohnheit, sich gegenseitig ihre Kinder aufzuessen, und da das doch die Regierung der Vereinigten Staaten, wo sie naturalisirt sind, nun einmal nicht leiden kann, so hat sie grosse Kleinindianerkinderbewahranstalten errichten lassen, wo es aber, unter uns gesagt, arg genug hergeht."

"Ich will dir das recht gern glauben," sagte einigermassen ungeduldig der Zimmermann. "Aber jetzt handelt es sich nicht von Frosch-Indianern, sondern von Meister Schwemmer und der Katarine ihrem Kind. – Du weisst also genau, was du bei der geschichte zu tun hast?"

"Ja, ich weiss es," antwortete der Garderobe-Gehilfe; worauf er in tiefem Nachsinnen seine hände auf den Knieen faltete und den Kopf auf die Brust sinken liess. "Ich weiss es ganz genau. – Aber da war dazumal bei den Frosch-Indianernnein, nein! ich irre mich: es war bei den Vögelnegern! – ein ganz verfluchter Kerl, eigentlich ein Verbrecher. – Richard, hast du je Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre gelesen?"

"Ich glaube wohl; aber bleibe bei der Sache, Schellinger?"

"Gleich, gleich, lieber Richard," erwiderte jener sanftmütig. – "Also dieser Kerlich glaube ein Preussewar also auch ein Verbrecher geworden, nicht aus verlorener Ehre, sondern weil es ihm unmöglich war, irgendwo eine Schraube festsitzen zu lassen."

"Ach dummes Zeug!"

"Nein, auf meine Ehre! Richard. Schon als ganz kleines Kind fing er damit an, wo es sich nur tun liess, eine Schraube heraus zu ziehen; ich sage dir, wenn er eine sah, so zitterte er ordentlich drauf hinein. Da halfen keine Schläge und gar nichts; und das ward immer ärger, je mehr er heran wuchs."

"Nun, so lass ihn in's Teufels Namen heranwachsen, und gib mir einmal eine vernünftige Antwort, denn wenn du so hartnäckig zerstreut bist und immerzu auf Reisen, da