ab schritt. Beim Anblick des baron liess er sie aber los, worauf sie augenblicklich ein paar Zoll höher schnellte, als er sie gewöhnlich zu tragen pflegte. – Der Präsident wollte hiedurch einigermassen sein Erstaunen, ja Befremden ausdrücken, sich so in einer wichtigen Stunde gestört zu sehen.
Doch war Herr von Brand der Mann nicht, der sich so leicht einschüchtern liess; er näherte sich dem Chef der Polizei mit einer tiefen Verbeugung, wobei er sagte: "Euer Excellenz wollen mir verzeihen, ich komme allerdings in Geschäften. Der Herr Präsident hatten neulich die ausserordentliche Gewogenheit, mir zu erlauben, einem der Rapporte beizuwohnen, und da ich mich unterstehe, heute von dieser erlaubnis Gebrauch zu machen, so wird mir zu gleicher Zeit das Glück zu teil, Ihnen meinen tiefgefühlten und herzlichsten Glückwunsch zu Füssen legen zu dürfen." Dabei hatte er die Hand des Präsidenten ergriffen, und drückte sie so herzlich und gerührt, dass der alte Herr augenblicklich anfing, seine Nase mit der einen noch freien Hand zu streicheln, was als ein Zeichen einer guten Laune bei ihm angesehen werden konnte.
Und so war es denn auch; er vergass, dass der Baron gegen seinen Willen eingedrungen, und erwiderte dessen Wunsch zum Beginn des neuen Jahres so verbindlich als möglich.
"Was aber den Rapport anbelangt," sagte er, "so kommen Sie diesmal etwas spät und auch zu einem ganz interesselosen Zeitpunkt; ich habe nur noch einen Bericht zu empfangen, und wenn Sie den mit anhören wollen, so habe ich nichts dagegen. Später aber hoffe ich, sollen Sie gelegenheit haben, einen besseren blick in die von mir organisirte Maschine des Polizeiwesens werfen zu können."
Bei diesen Worten fing er mit einem gewandten Griffe seine Nase wieder, die in der Luft umherschnüffelte, und indem er sie tief hinab zog, blickte er dem jungen Mann väterlich und wohlmeinend von unten herauf in die Augen.
Die tür öffnete sich und der erwartete Kommissär trat ein, nach einer tiefen Verbeugung brachte er dem hohen Chef seinen Glückwunsch dar, fing aber hierauf seinen Bericht nicht sogleich an, sondern blickte bald auf den Präsidenten, bald auf den Baron von Brand.
"Ich bin ja der geheime Sekretär Euer Excellenz," flüsterte der Baron dem Chef der Polizei zu.
Worauf dieser seine Nase heftig zwinkte, ihr einen leichten Klapps gab, so dass sie sich zugleich mit dem ganzen gesicht gegen den Beamten drehte. – "Sprechen Sie nur," sagte er alsdann, "dieser Herr ist einer meiner Vertrautesten, vor welchem ich keine Geheimnisse habe."
Nun war aber der Bericht des Polizei-Kommissärs für den Präsidenten in der Tat ziemlich unbedeutend, nicht so ganz aber für den Herrn von Brand. Er handelte nämlich von dem haus eines gewissen Meister Schwemmer, welches, so sagte der Beamte, zuweilen der Aufentaltsort allerlei Gesindels, das man gewöhnlich in dem berüchtigten Fuchsbau anzutreffen pflege, sei. "Mir ist gemeldet worden," berichtete er, "dass in den nächsten Tagen dort irgend eine Streitigkeit, ein Zank ausbrechen werde, wesshalb ich es für meine Pflicht halte, diesen ohnedies sehr abgelegenen Ort beobachten zu lassen."
Dagegen wusste der Polizei-Präsident durchaus nichts zu erinnern, und da der Andere nichts weiter vorzubringen hatte, so wurde er in Gnaden entlassen und zog sich rückwärts zur tür hinaus, nicht ohne sich vorher die Gestalt des baron – derselbe hatte sein Gesicht abgewandt – mit einem langen prüfenden blick in's Gedächtniss zu prägen.
Der Präsident hatte für heute Morgen seine Arbeitsstunden beendigt, und der Baron mehrere seiner Zwecke erreicht. Wir sagen mehrere, denn es geschah, was er vorhin der jungen Dame vorausgesagt: der Papa nahm ihn, ohne mit dem gang und dem Bedienten in Berührung zu kommen, durch eine Reihe der hintern Zimmer mit sich in den Salon, und dort verplauderte er mit den Damen des Hauses eine höchst angenehme Stunde.
Da aber bei dieser Unterredung nichts vorkam, was für unsere geschichte von Interesse wäre, so überlassen wir ihn seinem Schicksale, das heisst, der scharfen redseligen Zunge der Präsidentin und den sehr gefährlichen Augen ihrer Tochter. –––––––––––––––––––––––––––
Einige Tage später in demselben monat Januar, an einem frischen und klaren Nachmittage – es mochte an fünf Uhr sein – gingen zwei Männer neben einander nach der äusseren Stadt, wo die regelmässigen Strassen aufhörten und wo nur hie und da einzelne Häuser zwischen Gärten lagen.
Der eine dieser Männer, eine grosse kräftige Gestalt, schritt aufrechten Hauptes einher und hatte im Gehen die Gewohnheit, dass er etwas mit dem Oberkörper hin- und herwankte.
Der Andere, ein kleines, mageres Männchen, hatte die hände auf den rücken gelegt, und bei jedem Schritte, den er machte, folgte sein Kopf, wohl unwillkürlich, dieser Bewegung und war desshalb in einem unaufhörlichen Nicken begriffen.
Ersterer war der junge Hammer, Sohn des ersten Teatermaschinisten, der Andere Herr Schellinger, der Teaterschneider.
Beide gingen eine Zeitlang stillschweigend ihres Weges dahin; nur zuweilen räusperte sich Herr Hammer, indem er einen Seitenblick auf seinen kleinen gefährten warf, oder Herr Schellinger hob den Kopf in die Höhe, zog seine Nase empor, schnüffelte in der Luft und sagte mit seiner dünnen stimme: "Heute wird's malitiös kalt."
Bald liessen sie die letzten Häuser hinter sich und kamen in die Nähe der Stadtmauer, wo der Garten lag, durch welchen uns zu begleiten der geneigte Leser schon einmal so freundlich war, als