obgleich er ihn recht wohl kannte, genau anzusehen.
Er schlenderte desshalb langsam über den Kastellplatz und kam jenseits desselben in die engen und winkeligen Strassen, welche nach der unteren Stadt führten. Rings war Niemand zu sehen noch zu hören; die Schildwachen hielten sich in ihren Häusern; von den Nachtwächtern bemerkte man nirgendwo eine Spur. Dazu war, wie wir wissen, der Mond nicht am Himmel, und die Nacht hüllte Alles in dichte Finsterniss.
Wie er so langsam dahin schritt, liess er in seinem geist nochmals die Erlebnisse des heutigen Abends vorüber gehen und schüttelte nachdenkend den Kopf, als er wieder an die Erzählung des Mädchens kam. – "Sollte es denn möglich sein," dachte er, "dass der Baron wirklich hier im Spiele ist, dass das anscheinend so harmlose, leichtfertige, ja beschränkte Wesen desselben nur eine Maske wäre, hinter welcher sich eine so rätselhafte, ja unheimliche Gestalt verbärge, wie mir das Mädchen geschildert! – Wenn dem so wäre, welche Zwecke verfolgt er? Aus welchem grund belauscht er die Schritte Eugeniens? – Ah! das liesse sich am Ende erklären; er ist mit dem Herzoge sehr liirt und macht vielleicht einen angenehmen Zwischenträger. – Aber nein! – Worauf gründet sich meine Vermutung, dass der Baron hier im Zusammenhange? Auf jenen Odeur, von dem das Mädchen sprach, den scharfen Rosenduft? – Bah! das ist am Ende ein wenig zu weit gegangen. Die seinen Unterschiede Zwischen Coeur de rose und gewöhnlichem Rosenöl wäre ja wohl allein der Baron zu machen im stand. – Und doch," fuhr er in seinen Betrachtungen fort, indem er noch langsamer ging, "es gibt da so viele Menschen, die in dem Wesen des baron etwas Rätselhaftes finden wollen. So heute noch der Hofmarschall. – Und dann erinnere ich mich auch noch einer geschichte, die man mir einst erzählen wollte. Ich weiss nicht, war es der Major oder der Assessor, – nein, nein! ich glaube Artur war es, – richtig! der sprach mir von einem höchst sonderbaren Vorfalle, worin er den Herrn von Brand verflochten glaube. Aber ich war damals eilig und hatte keine Zeit, es mir erzählen zu lassen. Das wollen wir gleich morgen nachholen. – Ist aber dieses so natürlich scheinende Wesen des baron in der Tat nur eine vortrefflich durchgeführte Maske, so muss man sich mit ihm in Acht nehmen, und er wird schwer zu fassen sein."
Unter diesen Gedanken war der junge Mann in die Nähe des uns bekannten Gebäudes gekommen, das wie eine dunkle Masse etwas von den übrigen Häusern abgesondert mit finsterer, geheimnissvoller Miene, ja wir möchten sagen, trotzig da lag. Von den spärlichen schmalen Fenstern, die nach aussen gingen, war keines erhellt, und die riesenhaften Mauern schienen eine einzige breite Fläche zu bilden, vom grund hinauf bis in die Höhe der spitzen Dächer, die aber von den breiten und hohen Schornsteinen so deutlich überragt wurden. Nur ein einziger Lichtschein machte sich im Fuchsbau bemerklich, und der kam von der Gaslaterne in dem uns bekannten Durchgänge, wo die eiserne tür mündete, die zur Wirtschaft hinauf führte.
Diesem Durchgange gegenüber auf der anderen Seite der Strasse blieb der Graf einen Augenblick stehen und betrachtete sinnend diese Passage. Dort war das Mädchen, wie sie erzählt, eingetreten und von da über eine steinerne Wendeltreppe in die Schenkstube gelangt. Was aber hinter derselben läge, sei ein solches Labyrint von Treppen, Gängen, Zimmern und Höfen, dass sie nicht angeben konnte, nach welcher Richtung man sie ungefähr geführt, und wo jenes Zimmer gelegen, in dem sie ihn, den Namenlosen, gesehen. –
"Halt!" unterbrach Graf Fohrbach mit einem fast hörbaren Ausruf seine Gedanken, "es kommt Jemand. Drücken wir uns fester an die Mauer; wer weiss, in wiefern mir heute Abend das Glück günstig ist."
Richtig! von seiner linken Seite her klangen Schritte, und die vernahm er so plötzlich auf dem Pflaster und in der Nähe, dass der, von dem sie herrührten, soeben aus einem der anliegenden Häuser herausgetreten sein musste. – Vielleicht aus dem Fuchsbau selbst.
Graf Fohrbach warf leicht den Mantelkragen über seine Feldmütze, damit das Silber derselben nicht durch die Dunkelheit glänze und blieb darauf regungslos stehen, in höchster Spannung, ja Aufregung.
Jetzt näherte sich ihm in der Tat von der linken Seite ein Mann, und er bemerkte anfänglich nur eine dunkle Gestalt, dann aber sah er, dass es Jemand sei, der in einen sogenannten Radmantel gehüllt war, dessen eines Ende er über die rechte Schulter geworfen hatte. Seine Figur war hoch und schlank; auf dem kopf trug er einen ganz gewöhnlichen Hut.
Dieser Mann trat fest und klingend auf. Ja, es waren Sporen, die auf dem Pflaster klirrten, und als der Graf seine Blicke herabsenkte – der Fremde war unterdessen zwischen ihm und dem Durchgange angekommen – so bemerkte er vielleicht eine Sekunde lang, wie sich der Strahl der Laterne auf etwas Blankem abspiegelte – glänzende Reitstiefel.
Der Unbekannte schien aber gar keine Ahnung zu haben, dass er belauscht werde, denn er ging ruhig mit gleichförmigen Schritten dahin, sogar ohne rechts oder links zu schauen. Bald war er im Dunkel der Nacht verschwunden.
"Was soll ich tun?" sprach der Graf zu sich selber, während er in die Strasse hinaus trat. – "Ihm folgen, um zu sehen, wo er bleibt