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so grosser Angst, dass ich nur auf das Gesicht blickte."

"Ja, das haben Sie behalten, wie mir scheint," versetzte lächelnd der Graf. "Sie haben mir es wenigstens zum Malen beschrieben. Dunkle Gesichtsfarbe, schwarzes Haar und Bart und dazu blaue Augendas Bild eines schönen Zigeuners."

"Eines noch fällt mir ein," sagte das Mädchen. "Ich war an dem Tage von Kummer, Elend und Müdigkeit so erschöpft, dass ich vor ihm ohnmächtig wurde. Er fing mich in seinen Armen auf, vorher aber glitt ich auf den Boden nieder, und da berührten meine Wangen etwas Kaltes und Glänzendes an ihm."

"Vielleicht ein Säbel?"

"Nein, nein! Ich bemerkte nachher, dass es hohe Stiefel waren, die ihm bis an die Kniee reichten."

"Hatte er überhaupt keine Waffen?" fragte der Graf. "Sahen Sie keine an ihm?"

"O doch; ich erinnere mich, etwas wie eine Art Dolch gesehen zu haben, mit weissem Griff, das er an seinem Gürtel trug; er hatte es mit der linken Hand erfasst."

"Das klingt ja ganz romantisch," meinte Graf Fohrbach, nachdem er einen Augenblick sinnend vor sich niedergeschaut. "Wenn man mir das von Rom oder Neapel erzählte, so würde ich es unbedingt glauben und begreiflich finden."

"O, glauben Sie mir, Herr Graf!" bat das Mädchen. "Glauben Sie meinen Worten: ich habe Ihnen die reinste Wahrheit gesagt."

"Gewiss glaube ich Ihnen; aber Sie müssen mir noch einige fragen ebenso wahr beantworten. – Als er Sie entliess, was geschah da weiter mit Ihnen?"

"Ich wurde in ein anständiges Zimmer gebracht, und am andern Tage gab man mir gute Kleider, einen Pass und eine Instruktion, die ich auswendig lernen musste. Darin stand, wie ich mich fortan zu nennen, sowie Vorschriften in Betreff der Berichte, die ich über meine Herrin zu erstatten habe."

"Und wem mussten Sie anfänglich diese Berichte machen?"

"Das weiss ich nicht; an einer mir bezeichneten Strassenecke fand ich einen dicht verschlossenen Wagen, der mich in ein Haus brachte, wo man mich in eine dunkle stube führte, und wo Jemand aus dem Nebenzimmer mit mir sprach."

"Keine schlechten Vorsichtsmassregeln! – Und dort erhielten Sie auch den Befehl, hier in diesem Zimmer den Herzog zu erwarten?"

"Ja, Herr Graf."

"Aber ich vergass das Wichtigste zu fragen. Wie wurden Sie in Ihren jetzigen Dienst eingeführt? – Der war doch, wenn ich mich recht erinnere, einer Anderen zugedacht. Ich selbst empfahl ja den Schützling eines Freundes."

"Das geschah auf eine eigene Art," entgegnete das Mädchen; "ich fand bei der Instruktion einen versiegelten Empfehlungsbrief an einen vornehmen Herrn, den ich persönlich abgeben musste, worauf ich ein anderes Schreiben erhielt, das mich nachher zu fräulein Eugenie von S. wies, die mich in ihren Dienst genommen."

"Und wer war jener vornehme Herr?" fragte der Graf in grosser Spannung. "kennen Sie ihn vielleicht?"

"O ja, sehr gut; ich sehe ihn öfters. Er besucht auch zuweilen das gnädige fräulein."

"Sein Name?"

"Es ist der Herr Baron von Brand. In seinem haus erhielt ich, wie gesagt, einen Empfehlungsbrief an meine Herrin."

"Das ist seltsam!" rief einigermassen bestürzt Graf Fohrbach. "Ganz richtig, der Baron bat mich, Ihnen eine Stelle zu verschaffen, und ich sprach für Sie, – auch er. – Das ist eine ganz sonderbare geschichte. – Und von wem der Brief war, den Sie dem Baron brachten, wissen Sie nicht?"

"Nein; aber soviel erinnere ich mich, dass er mit einem grossen Wappen gesiegelt war."

Der Graf dachte längere Zeit nach, wobei er, wie in grosser Unruhe, im Zimmer auf und ab schritt. Endlich aber wandte er sich wieder zum Fenster hin und stellte sich abermals dicht vor das Mädchen. – "Die Sache ist sehr ernst und wichtig," sagte er zu ihr; "tun Sie mir den einzigen Gefallen und nehmen Sie die ganze Kraft Ihres Gedächtnisses zusammen, gehen Sie in Gedanken nochmals jenen Abend durch, den Sie im sogenannten Fuchsbau verlebten, namentlich aber jene Augenblicke, wo Sie vor i h m im Zimmer standen. – Ueberlegen Sie sich genau, ob Sie nicht irgend einen kleinen Umstand vergessen, zum Beispiel irgend ein Wort, das er sagte, irgend eine Bewegung, die er machte. – Ueberhaupt haben Sie mir noch nicht erzählt, wie er zu sprechen pflegte, ob er laut oder leise, ob kräftig und energisch, oder was man bei uns geziert nennt. Es ist mir das sehr wichtig."

"Nein, er sprach nicht geziert," entgegnete sie, "sondern laut und deutlich, dabei kräftig wie Jemand, der gewohnt ist, zu befehlen."

"Und sonst fällt Ihnen nichts mehr bei?"

"Warten Sie einmal," erwiderte das Mädchen, indem sie die Augen mit der Hand bedeckte und dann hinauf an die Decke schaute. "Ich besinne mich da auf etwas, aber es ist zu unbedeutend."

"Bei diesem Vorfall ist nichts unbedeutend."

"Ich habe Ihnen schon gesagt, wie ich glaube