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gesicht und redet sich ein, es sei doch lächerlich, eine solch' traurige, solch' schlimme Vorahnung zu haben. – –

"Und sie hat in ihrem geist die Wahrheit gesehen," fuhr der alte Mann erschüttert fort. Und dabei hatte er die hände gefaltet und blickte mit einem seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers. – "Aus der Tiefe auf stiegen nächtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks aufwärts gegen Himmel. Es waren viele, viele darunter, wie sie hier in dem buch beschrieben sind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die Türen des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannte T.F. an der Hand, das man im Notfall ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann, sondern ihnen war dasselbe auf die Stirne geschrieben, und an den zusammengebissenen Zähnen und auf den weissen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Dasein ohne Lust und Freude, dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen."

Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden, so heftig ausgestossenen Worten, ihres sonst gemütlichen und ruhigen Vaters gelauscht. Sie drückte ihre Hand auf seinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu besänftigen, und es gelang ihr auch; seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger, väterlicher Zärtlichkeit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war. Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Frisur, und warf sie leicht auseinander, dass ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den Boden rollten, die er verächtlich mit dem fuss von sich stiess, dann die junge Tänzerin auf die Stirne küsste, wobei ein paar Tränen aus seinen Augen auf die ihrigen herabträufelten.

"Ich verstehe dich wohl, mein Vater," sagte Clara nach einer Pause; "auch ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die Bösartigkeit der Menschen."

"Sei es, mein Kind," erwiderte ruhiger der alte Mann, "sei es wenigstens äusserlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewissen, dass du frei und stolz um dich blicken kannst, dass du das Auge Gottes nicht zu scheuen hast. Was kümmern dich dann die Reden der Menschen!" –

Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach, und der Vater blickte während der kleinen Pause mit ungetrübter Zärtlichkeit auf das junge Mädchen, dann aber drückte er sie sanft an sich, sein blick wurde wieder finsterer, und um seinen Mund spielte abermals ein hartes, ja verächtliches Lächeln. "Da haben sie," sagte er, "aus dem Buch ein Lied gemacht." Es behandelt den Moment, wo die Sklavin Elise mit ihrem kind über die auf- und abschwankenden Eisschollen des Ohio flieht; allerdings eine entschlossene und schöne Tat. Dieses Lied ist nun von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder dem Geklimper einer Guitarre, sich selbst und den Zuhörern zum unaussprechlichen Vergnügen, und es ist eine Heldentat, deren Vorbild man Tausende von Meilen weit herholen musste, weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben vaterland. – So glauben sie – –

"Ich habe aber eine Mutter gekannt," fuhr der alte Mann fort, indem er sich erhob und im Zimmer aufund abschritt, "die hat für ihr Kind noch unendlich mehr getan, und man hat sie nicht gepriesen in Büchern und Balladen. Dieses Weib war ein armes unglückliches Weib, und obgleich sie nicht von Sklavenhändlern gejagt wurde, so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde: Not und Hunger. Sie schrak nicht vor der Arbeit zurück, aber sie hatte in ihren guten Tagen nur gelernt, mit der Nadel kunstvolle arbeiten zu machen, und nun waren ihre Finger vor Kälte steif geworden, und da sie zurückgekommen und verarmt war, so wollte ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen, womit sie sich einen Verdienst machen und das Leben ihres Kindes fristen konnte. Dieses Weib war keine geborene Sklavin; sie war von einer guten ehrlichen Familie, und desshalb konnte es ihr in ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almosen zu betteln; auch hatte sie nicht das Geschick dazu: glücklichere und erfahrenere Almosensammler liessen sie nicht aufkommen. – Da irrte sie Abends herum, ihr Kind in ein ärmliches Tuch gewikkelt, – ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da tut es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor hellerleuchteten Fenstern stehen muss, um zuzusehen, wie andere glücklichere Kinder in der Fülle der Gesundheit jubelnd um den glänzenden Weihnachtsbaum springen; – das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder, sie wünschte nur ein kleines Brod für das ihrige, und als sie so an einem Bäckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der Gedanke, dort etwas für ihr Kind zu stehlen. – – – Anfangs schauderte sie zurück, denn sie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger leise wimmerte, als sie so gejagt war von Not und Verzweiflung, da streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, stand sie vor Schrecken festgebannt. – D i e Sklavin entging nicht ihren Verfolgern, sie wurde jenseits ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio's nicht