1854_Hacklnder_152_249.txt

Ehrlichkeit in die Augen schaute. – "Ich weiss nicht, wer es ist, ich kenne seinen Namen nicht, ich erinnere mich nur noch jenes schrecklichen Orts, wo ich ihn sah, ihn, der mir den Befehl erteilte, also zu tun wie ich getan."

"Und wo ist dieser Ort?"

"Er ist," sprach das Mädchendoch hielt sie plötzlich inne, öffnete starr die Augen und lauschte nach dem Gange hin, wobei sie wie beschwörend ihre hände aufhob.

Auch der Graf wandte leicht den Kopf herum und vernahm, obgleich sehr gedämpft, feste männliche Schritte, die sich von der blauen Gallerie her zu nähern schienen.

"Der Herzog!" flüsterte das Mädchen mit fast lautloser stimme.

"Ja, er wird es sein," sagte der Graf ruhig, aber gleichfalls sehr leise. "Verhalten Sie sich ganz stille; nur stellen Sie das Licht zur doppelten Vorsicht noch in die Fensternische; durch die Vorhänge wird sein Schein nicht durchdringen."

Sie erhob sich vorsichtig von ihren Knieen und tat

wie ihr geheissen; dann blickte sie angstvoll auf den Grafen, dem ein leichtes Lächeln um den Mund spielte.

Die Schritte kamen näherganz nahe; jetzt hielt

Jemand vor der tür. Zuerst hustete es draussen leise, dann wurde sachte an die tür geklopft, und da auf alle diese Zeichen keine Antwort erfolgte, so vernahm man deutlich, dass eine Hand die Klinke ergriff und die tür zu öffnen versuchte, was ihr aber natürlicherweise nicht gelang. Dasselbe Manöver wurde von draussen mehrere Male probirt, und als es immer gleich erfolglos blieb, vernahm man einige leicht gemurmelte Worte, worauf sich die person wieder langsam entfernte. Einmal schien dieselbe umkehren zu wollen; man vernahm ein Anhalten, dann eine halbe Wendung auf dem Steinboden des Ganges, doch besann sie sich eines Bessern: gleich darauf klangen die Schritte wieder regelmässig und fest und verloren sich in der tiefen Stille, die über dem ganzen schloss lag.

"Der gute Herzog sucht, obgleich spät, doch noch

zu seinem Rendezvous zu kommen," dachte der Graf. – Und dann wandte er sich wieder an das Mädchen, das, ein Bild der Angst, bleich und zitternd an dem Fenstervorhange stand.

"Beruhigen Sie sich," sagte er, "diese Gefahr ist gänzlich vorüber, denn wie ich den Herzog kenne, wird er heute Nacht nicht mehr zurückkehren. – Sie können ihm dann vielleicht morgen Ihren Bericht machen."

Diese letzten Worte sprach er in einem schneidenden Tone.

Das Mädchen seufzte tief auf und entgegnete: "Wie Gott will!"

"O nein," erwiderte er heftig, "nicht wie Gott will, vielleicht wie der Teufel will! Denn nur der hat eine Macht über Menschen, wie die sind, von welchen Sie soeben gesprochen."

"O, Sie glauben mir nicht, Herr Graf!" sagte sie tief bekümmert. – "Und es wäre doch für Alles gut, wenn Sie mir glauben wollten."

"So bringen Sie was Glaubwürdiges vor und ich will mir Mühe geben, Ihren Worten zu vertrauen."

Sie blickte sich scheu um, als fürchte sie, belauscht zu werden, namentlich nach dem Fenstervorhang hin, als sei es möglich, dass plötzlich Jemand vortrete. – "Ich musste einen fürchterlichen Schwur nachsprechen," sagte sie zitternd.

"Einen Schwur, nichts von dem Orte zu verraten, von dem Sie vorhin sprachen, und von dem, was man Ihnen dort gesagt?"

"Warten Sie einen Augenblick," entgegnete sie nach einer Pause nachdenkend, indem sie die Hand an ihre Stirne legte. – "Nein, nein, das liess er mich gerade nicht schwören, denn, dass das je geschehen könnte, mochte er sich wohl nicht denken, da er mir Gutes erzeigt. – Aber ich musste schwören, meine neue Herrin zu beobachten, um, so oft es von mir verlangt würde, einen Bericht zu machen, wenn sie ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt, was sie zu haus macht, an wen sie schreibt, – ja, das musste ich schwören bei dem allmächtigen Gott, der mich strafen sollte, wenn ich je meinen Schwur bräche." – Nachdem sie das gesagt, schauerte sie leicht zusammen.

In allem dem, was das Mädchen sprach, war trotz des Rätselhaften so viel Glaubwürdiges, auch trugen ihre Worte so den Stempel des wahren und Aufrichtigen, dass sie der junge Mann mehr und mehr mit Interesse betrachtete und sein Zorn vor ihrem sanften und klaren blick zu verschwinden begann.

"Das ist äusserst seltsam," sagte er, "und ich will Ihren Worten trauen. Wenn Sie aber wollen, dass ich Ihnen vollkommen glauben, mich Ihrer vielleicht annehmen soll, so lösen Sie mir die Rätsel, die in dieser geschichte liegen, und erzählen mir die Wahrheit, meinetwegen, so weit es Ihnen der geleistete Schwur erlaubt."

"Ja, das will ich!" versetzte sie eifrig. "Ihnen will ich alles das sagen, Herr Graf, – denn ich weiss ja," fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort, "wie sehr Sie meiner Herrin zugetan sind, und wie Sie gewiss Alles, was ich Ihnen anvertraue, nur zu deren Besten anwenden werden. Ah! und ich wünsche ja meiner Herrin alles Gute, alles Glück und alles Heil."

"Und das wären Sie vom Herrn