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plazirt, die Damen setzten sich nieder, und liessen sich mit dem, was gerade nach ihrem Geschmacke war, bedienen, worauf man dann bald nichts mehr hörte, als das Klappern der Teller, Messer und Gabeln, oder das leise Klingen eines Glases.

Aber in der Art, wie die Leute ihr Souper einnahmen, lag eigentlich so gar nichts Behagliches. Die Herren verzehrten ihr Bischen meistens stehend, die Damen, indem sie abwechselnd einen blick auf den Teller und dann wieder einen auf die allerhöchsten Herrschaften warfen. Es war keine Ruhe bei diesem Essen: man konnte sich doch nicht am Ende der Gefahr aussetzen, einen gnädigen Wink oder ein freundliches Lächeln zu übersehen; desshalb die ewige Aufmerksamkeit auf den allerhöchsten Teller und den allerhöchsten Mund, und erst als man sicher war, dass Letzterer gerade selbst beschäftigt war, zwang man heftig und unnachsichtlich schluckend irgend einen tüchtigen Bissen hinab, um gleich darauf wieder kampfgerüstet zu sein.

Den Herren erging es zuweilen noch schlimmer, und eine unzeitige Frage Ihrer Majestät konnte im stand sein, sie in die furchtbarste Verlegenheit zu setzen. – Antworte einmal Einer korrekt und deutlich, wenn er vom Viertel eines ziemlich grossen Kapauns im mund hat; das schluckt sich nicht nur so augenblicklich hinunter. – Aber auf eine Antwort warten lassen! – Lieber riskirt man im Verschlingen das Unmögliche.

Der geneigte Leser wird hieraus ersehen, dass das Essen und Trinken bei hof auch seine grossen Unannehmlichkeiten hat und dass die Herren und Damen desselben darum gerade nicht zu beneiden sind. Man kann von ihnen in Wahrheit sagen, sie essen meistens ihr Brod im Schweisse ihres Angesichts; und es ist das oftmals ein hartes Brod, nicht gewürzt durch wahre Freude. Die Meisten von denen, welche der Spielpartie heute Abend anwohnen musstenwir sagen nicht ohne Absicht m u ss t e n – gingen fast mit den gleichen Gefühlen hin, wie der arme Graf Fohrbach. Sie schleppten am Fuss ihre unsichtbare Kette und fühlten sich wohl unglücklicher, wenigstens gelangweilter, als Tausende von anderen Menschen, die im mässig erwärmten Zimmer um eine Schüssel Kartoffeln sitzen, ein Stück Brod in der Hand und einen freien Willen im Herzen. – Hier betritt man den glänzenden und reich erleuchteten Salon, nachdem man vor der tür sich vielleicht heftig auf die Lippen gebissen und einen letzten tiefen Seufzer getan, da man an andere Freuden gedacht, die heute Abend zu geniessen wären. Darauf legt sich das Gesicht in freundliche Falten, das Auge glänzt schalkhaft und liebenswürdig, und diese Maske muss den ganzen Abend festgehalten werden, obgleich manche dieser scheinbar so glücklichen Damen sich lieber mit gerungenen Händen in eine Ecke setzen würde, um heisse, bittere Tränen zu weinen. Ja, der Ausdruck der Freude und des Glückes muss beibehalten werden, bis Ihre Majestät zweimal leicht den Mund verzieht und dann bemerkt: "Es ist sogleich elf Uhr," bis ihr eines der Ehrenfräuleins den weissen Burnus umhängt, bis sie die Frau Herzogin auf die Stirn geküsst hat und mit einem "adieu ma chère!" Abschied genommen. – Dann folgt noch ein tiefer Knix rings umher, ein zweiter, wenn sich endlich auch die Frau Herzogin zurückzieht; die Türen zu den Vorzimmern werden geöffnet, die Bedienten reichen Mäntel und Shawls, die Herren sagen flüchtig eine gute Nacht, die Damen suchen ihre Wagen oder eilen durch die nun sehr öden und halb dunkeln Gänge des Schlosses nach ihren Zimmern, – und dann erst fällt die Maske, dann erst trübt sich der bis jetzt so heitere blick, und Manche denkt an einen verlorenen Abend, Manche presst die Hand auf das Herz und schaudert leicht zusammen, wenn sie an so viele dergleichen Abende denkt, die schon hinter ihr liegen, und an unzählige, die wahrscheinlicherweise noch auf sie warten. – Und so ist das auch eine Art Sklavenleben, geliebter und sehr geneigter Leser.

In der beschriebenen Art ging auch die heutige Soirée zu Ende, und wenige Augenblicke, nachdem sich die Herrschaften zurückgezogen, war das kleine schöne Apartement gänzlich verlassen.

Was nun den Herrn Herzog anbelangte, so hatte er sich auch nicht beim Souper sehen lassen, wodurch sich der Graf veranlasst sah, mehrere tiefe Seufzer zu unterdrücken, zuweilen die rechte Hand krampfhaft zu ballen und auf seinem einmal gefassten Entschlüsse, den Bericht selbst anzuhören, fest zu beharren.

Nachdem er den Herren und Damen, die an ihm vorüber geeilt, eine gute Nacht gewünscht, liess er sich von seinem Jäger, der im Vorzimmer auf ihn wartete, den Mantel umhängen.

"Du hast den Herrn Erichsen getroffen?" fragte er ihn.

Worauf Franz erwiderte: "Ich habe den Brief Euer Erlaucht in seine hände gegeben."

"Er las ihn durch?"

"Herr Erichsen las ihn durch, lächelte und sagte: ich will es bestens besorgen."

"Schön; ich danke. Du kannst mit dem Wagen nach haus zurückkehren, ich brauche ihn nicht und komme vielleicht in einer Stunde zu Fuss. – Gehe aber vorher drunten in's Adjutantenzimmer und nimm die Schärpe mit, die dort liegen geblieben."

Achtundfünfzigstes Kapitel.

Ein Bericht.

Es war unterdessen elf Uhr geworden; Graf Fohrbach zog seinen Mantel fester um sich und schritt über das Vestibül und die grosse Treppe hinab, die nur noch spärlich erleuchtet war. Die blaue Gallerie lag im anderen Teile des Schlosses, und um dortin zu kommen, musste er über einen langen Korridor, der beinahe gänzlich dunkel war, denn nur an