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um elf Uhr. Vierte tür neben der blauen Gallerie," – welche er sich fest in's Gedächtniss einprägte.

"Nicht wahr, es ist ein Fehler darin?" fragte die Excellenz. "Sehen Sie, hier plus zwanzig und dort minus fünfzehn."

"Lassen Sie mich rechnen," erwiderte der Adjutant, der jetzt erst das andere Papier betrachtete. – "Ach ja! hier steckt der Irrtum; die fünf Points minus gehören dortin. Sehen Sie, so gleicht sich die Rechnung völlig aus."

"Ja, Sie haben Recht," sagte die Excellenz, "es macht freilich fünf Points mehr Verlust für mich, aber man muss auch in kleinen Dingen ehrlich sein."

Es war ein Glück, dass es dem Grafen so schnell gelungen war, das Papier ohne aufsehen zu lesen und ebenso in die Marke zurückzustecken, denn Ihre Majestät schienen jetzt schon alle Lust am Spiele verloren zu haben, liessen Ihre Schulden durch Ihren Kammerherrn berichtigen und erhoben sich darauf mit der Frau Herzogin vom Tische.

Der Hofmarschall und der Adjutant machten eine tiefe Verbeugung; Ersterer ging in das Bibliotekzimmer, der Andere schritt langsam nach dem grauen Kabinete, doch blieb er unter der tür desselben hinter dem Vorhange einen Augenblick stehen.

Kaum waren die Herrschaften vom Spieltische aufgestanden, so erschien alsbald der Kammerdiener und packte die vier Marken seines Herrn zusammen, warf einen schnellen blick auf jede einzelne, dann einen andern durch das Zimmer, um sich zu überzeugen, ob Niemand die Hast bemerkt habe, mit welcher er die Marken in Sicherheit gebracht.

Doch hatte ihn der Graf wohl beobachtet, und nachdem dieser das Zimmer verlassen und notgedrungen mit einigen Herren und Damen, die ihm gerade in den Weg traten, ein paar gleichgiltige Worte gewechselt hatte, zog er sich hinter eine grosse Epheuwand zurück und liess sich dort auf ein Sopha nieder.

"Vor allen Dingen muss ich mir klar machen," dachte er, "für wen der Zettel bestimmt ist. – Ohne Zweifel für den Herzog. – Aber warum alsdann diese Heimlichkeiten mit den Marken? Hätte ihm der Kammerdiener nicht ebenso gut dieses Papier in die Hand geben können? – Halt! da gibt's was zu überlegen. Dieser Zettel kam vielleicht während der Tafel und wurde an den bewussten Ort gelegt, damit ihn Seine Durchlaucht ohne aufsehen an sich nehmen könne. – Der Herzog will es wahrscheinlich vermeiden, dass man ihn geheimnissvolle Worte mit dem Kammerdiener seiner Mutter wechseln sieht. – Odernein, nein! – So muss es sein! – Der Kammerdiener selbst ist nicht eingeweiht, wie man diese Marken öffnet, er weiss nur, dass sie für den Herzog kostbar sind, desshalb wollte er sie zu sich nehmen. – Ein Anderer aber, ja ein Anderer, der nicht in diesen Kreis kommt, kennt das geheimnis der Marke und legte den Zettel hinein, um Seine Durchlaucht zu benachrichtigen. – – Bericht wie gewöhnlich," murmelte er vor sich hin, "um elf Uhr. – Das ist sehr unbestimmt, wird aber um elf Uhr heute Abend heissen sollen, denn sonst hätte jener Andere ja Zeit gehabt, dem Herzog zu schreiben. – Die vierte tür neben der blauen Gallerie. – Das klingt schon begreiflicher: die blaue Gallerie kenne ich sehr genau, und die vierte tür wird nicht schwer zu finden sein. – Aber was an dieser vierten tür tun? – Soll der, welcher hinkommt, einen Bericht erhalten oder einen geben? – Das Letztere wäre für mich sehr unangenehm. – Bah! wie kann ich da zweifeln? Man kann einen Herzog nicht nur so zum Bericht auffordern. – Nein, nein! man will ihm irgend etwas Interessantes anvertrauen. – Und da das Ganze auf hundert Meilen nach einer Liebesgeschichte riecht, und da Seine Durchlaucht der Herr Herzog die ausserordentliche Gnade haben, Seine leichtfertige Cour einer jungen Dame zu machen, die ich unbeschreiblich und aufrichtig liebe, – da er ferner heute Abend meinen Platz eingenommen, so werde ich mir auch wahrhaftig kein Gewissen daraus machen, als Revanche ein wenig für ihn zu gelten. – Ja, ich werde hingehen, denn es ist mir gerade, als müsste dort etwas verhandelt werden, was für mich am Ende noch von grösserem Interesse ist als für ihn."

Damit war sein Enschluss gefasst; er erhob sich beruhigt aus seiner Ecke und mischte sich wieder unter die Gesellschaft.

Die kleine Soirée nahm übrigens recht langweilig ihren Fortgang, wie es wohl meistens bei einer höchsten Spielpartie der Fall ist, wo nicht gespielt wird. Die Herrschaften hatten sich am Kamine niedergelassen und zogen nur hie und da eine der alten Excellenzen in den Bereich ihrer Unterhaltung, wobei übrigens Ihre Majestät häufig auf die Uhr blickte und sich entweder nach dem Fortgehen oder dem Souper zu sehnen schienen.

Das Letztere kam nun gegen halb Elf, und brachte wieder einiges Leben in die Gesellschaft. Die Damen und Herren in den Ecken des Zimmers hörten auf, verstohlener Weise gähnen, die Fächer wurden nicht mehr unaufhörlich auf- und zugeklappt, die Hüte nicht mehr in den weissen Handschuhen hin und her gedreht. Es war, als fliege ein allgemeines Ah! durch das Zimmer, und nicht bloss die Bedienten rannten geschäftig hin und her, um die gedeckten Tische im Spielzimmer mit einer Menge Platten voll kalter Küche, mit Früchten und allerlei Weinen zu bedekken, auch die Herren bewiesen sich liebenswürdig gegen die Damen. Die Hüte wurden in einem Winkel