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mit dumpfem Tone unter das gewölbte Tor, der Schlag wurde geöffnet, der Tritt fiel herab; es musste Jemand eingestiegen sein, – jetzt dasselbe Geräusch beim Schliessen des Wagens. Worauf die stimme von vorhin abermals rief: "Nach dem haus des Herrn Major v. S." –

Im gleichen Augenblicke öffnete einer der Kammerdiener die tür zum Adjutantenzimmer und sagte mit leisem angenehmem Flüstern: "Euer Erlaucht werden verzeihenes schlagt soeben acht Uhr; die allerhöchsten Herrschaften begeben sich in's Spielzimmer."

Siebenundfünfzigstes Kapitel.

Die Spielmarken des Herzogs.

Man spielte in den Apartements der Frau Herzogin. Das waren zierliche, elegant eingerichtete Gemächer, nicht von den übergrossen Dimensionen derer Ihrer Majestät, und desshalb für eine kleine Gesellschaft angenehmer und behaglicher.

Die Frau Herzogin liebte den Komfort und eine freundliche Umgebung. Desshalb hatte sie aus ihren Zimmern die unvermeidlichen steifen Sopha's mit den dazu gehörigen zwölf Sesseln, ein gewöhnliches Ameublement der Schlösser, das an einer furchtbaren Familienähnlichkeit leidet, sowie die zopfigen Vasen, die allzu derben Tabourets und die Tische von Holz, Messing und Marmor entfernen lassen und dagegen ihre Einrichtung mehr dem heutigen Geschmacke angepasst.

Der junge Herzog hatte viel dazu beigetragen, denn er liebte die dicken Teppiche, welche den Schritt so unhörbar machen, sowie die weichen Fauteuils und die tiefen Fensternischen mit Blumenpartien, Sitzgelegenheiten mit den dies Alles verdeckenden Vorhängen.

Dieses Apartement der Frau Herzogin, worin sie ihre kleinen Gesellschaften empfing, bestand aus drei Gemächern, das Vorzimmer natürlicherweise nicht mit eingerechnet.

Im ersten, mit grauseidener Tapete sowie Fenstervorhängen und Portièren von Rosa mit Weiss, wurde geplaudert; man konnte nicht leicht in der ganzen Welt heimlichere, lauschigere Winkel finden als hier. Da war Alles benutzt: die Ecken und Winkel des Zimmers, die Fensternischen, grosse Epheuwände, um es der Gesellschaft möglich zu machen, sich in kleinen Partien zu zersplittern und frei von allen lästigen Fesseln zu drei oder auch zu Zwei ein animirtes Gespräch führen zu können. über diesen Gruppen von leise Plaudernden hing ein Kronleuchter, dessen Lampen durch kunstreiche Porzellanschirme bedeckt und das Licht so gedämpft wurde, dass, wenn man von einem vollkommen hellen Gemach hier herein trat, einem die Beleuchtung nicht anders erschien, wie das sanfte Licht des Vollmondes. Die Frau Herzogin litt zuweilen an den Augen, und dann liebte sie es, sich hier in dieses Halbdunkel zurückziehen zu können.

Das zweite Zimmer, in welchem gespielt wurde, war dagegen glänzend und strahlend. Seine Wände, mit gelber Seide bedeckt, warfen jeden Lichtstrahl hell zurück, die Vorhänge waren blau, und das Ameublement sehr einfach; das heisst, es bestand aus zwei Spieltischen, an denen je vier Sessel standen, einige Fauteuils daneben für die Zuschauer, und zwei Eckdivans, vor welchen sich runde Tische befanden.

Das dritte Zimmer endlich, das letzte der ganzen Reihe, welches heute Abend geöffnet war, hatte grüne Wände, dunkelbraune Vorhänge, und hier befanden sich grosse, reich incrustirte Tische, auf welchen die prachtvollsten Albums lagen. An einer Wand war eine riesenhafte Etagère von geschnitztem Palissanderholz in der angenehmen dunklen Farbe, fast ganz gleich mit der der Sammetvorhänge, welche man davor hinziehen konnte. Auf dieser Etagère lagen in den kostbarsten Einbänden die seltensten illustrirten Werke fast aller Nationendie Bibliotek der Frau Herzogin.

So sah dieses kleine Apartement aus, und wenn es, wie heute Abend, durch den hellen Schein der Kerzen und Lampen freundlich beleuchtet war, so angenehm und sanft durchwärmt, so durchduftet von Blumen und anderen Wohlgerüchen, wenn der Fuss des Eingetretenen so weich auf die dicken Teppiche trat, ja fast hinein sank, so musste dieser sich gestehen, es sei das eine höchst behagliche, ja entzückende wohnung; namentlich aber, wenn er dann zufällig an ein Fenster trat und den Vorhang aufhob, um in die dunkle Nacht hinaus zu blicken, in die Strassen, durch welche ein eisiger Wind fegte.

Es hatte eben acht Uhr geschlagen, als Graf Fohrbach, nachdem er drunten auf die Ermahnung des Kammerdieners hastig seine Schärpe abgeworfen, die Treppe hinauf eilte und in das graue Vorzimmer trat. Es waren, wie der Hofmarschall gesagt hatte, nur wenige Personen da: der Oberstofmeister, die Oberstofmeisterin, ein paar ältere Kammerherren, zwei Damen vom Dienst und einige pensionirte Excellenzen, deren leidenschaft es war, dem Spiel Ihrer Majestät zuzuschauen und leise dafür oder dagegen zu wetten.

Der diensttuende Adjutant kam in der Tat schon etwas spät, denn Ihre Majestät war bereits eingetreten und die Frau Herzogin hatte bereits die Anwesenden begrüsst und sich darauf zu ihrer Schwester in's Spielzimmer zurückgezogen, wohin sich denn auch Graf Fohrbach auf einen bedeutungsvollen blick des Hofmarschalls augenblicklich begab, um mit einer sehr tiefen Verbeugung gehorsamst einen guten Abend zu sagen und um Entschuldigung zu bitten, dass er so spät komme.

Die Frau Herzogin geruhten aber gnädigst zu bemerken, der Graf habe heute den Dienst gehabt, und es habe ihn nur dieser einige wenige Augenblicke zurückgehalten. – "Denn," fügte sie lächelnd bei, "Sie sind ja sonst ein wahres Muster von Pünktlichkeit."

Ihre Majestät begaben sich hierauf an den Spieltisch und bezeichneten den Hofmarschall als ihren Partner.

Graf Fohrbach spielte also mit der Frau Herzogin.

In dem Augenblicke, wo er sich auf seinen Stuhl niederlassen wollte, glitt der Kammerdiener Ihrer Hoheit wie ein Aal an seine Seite, tat, als rücke er etwas an dem silbernen Leuchter des Spieltisches zurecht, und flüsterte mit einer tiefen Verbeugung