"Bin ich nicht gerade so, als hätten sie mir eine Kette an den Fuss geschlossen oder ein Gitter vor mir herabgelassen, und zeigten mir prächtige, entzückende Gegenden, die ich nicht zu erreichen vermag, weil ich hier eingesperrt bin wie ein wildes Tier oder wie ein elender Sklave! – Ja, Sklaverei ist das rechte Wort; und wenn die Ketten auch von Gold oder Silber sind, Ketten sind und bleiben sie doch einmal. – Und Sklaverei und Ketten in der schlimmsten Art! Darf ich denn wohl daran rütteln? – Darf ich wohl den Versuch machen, sie zu brechen? – Darf ich auch nur eine betrübte Miene zeigen, dass ich diese Fesseln wirklich für Fesseln halte? – Nein! nein! nein! und zehntausendmal nein! Ich muss ja lächeln unter diesem Hieb, den mir das harte Schicksal versetzt. – Ja, das ist ein grimmiger Hieb, und in meiner Lage habe ich wohl das Recht, vom harten Schicksal zu sprechen: dort ein geliebtes Mädchen, die – o Gott! ich mag nicht daran denken! – mit ihren schönen Augen vielleicht oftmals nach der tür blickt, durch welche ich nicht herein treten werde, dabei ein angefangenes, so süsses Gespräch im Herzen, das ich heute nicht fortsetzen kann. – Und die Frage, ob sie wirklich nach mir gesehen, ob sie mich gegrüsst! Heute hätte ich um eine Antwort in sie dringen können. – Ach! und es ist so süss, von der Geliebten eine Antwort zu erstehen, ihr eine Bejahung zu erschmeicheln. – Wenn ich aber morgen oder in einigen Tagen davon wieder anfangen will, so kann ich mich lächerlich machen. – Das Alles steht für mich auf dem Spiel. – Ah! und noch viel mehr! – Vielleicht das ganze Glück meines Lebens, denn wer weiss, ob ich sobald wieder eine ähnliche günstige gelegenheit finde, mich gegen sie aussprechen zu können. – Verdammt! – Nein, sage noch Jemand, irgend ein Mensch auf dieser Erde habe seinen freien Willen! Das ist eine Lüge, kein Mensch ist frei! Der Wille von Niemanden reicht über die nächste Minute hinaus, Jeder hat die Kette am Fuss, er fühlt sie nur zuweilen weniger, wenn nämlich das Schicksal nicht gerade Lust hat, dieselbe schärfer anzuziehen." –
Unter diesen anmutigen Betrachtungen war der Graf an das uns bekannte Fenster getreten, stützte sich mit der Hand auf die Stuhllehne und starrte in den kleinen Hof hinaus. Dieser war jetzt bei Nacht wo möglich noch trostloser als bei Tage; ein paar einsame Gaslaternen in den Ecken warfen einen zitternden und ungewissen Schein in einem kleinen Kreise um sich her, einen Schein, der sich ordentlich vor der Dunkelheit zu fürchten schien, denn dort draussen, wo er mit ihr in Berührung kam, zuckte er jeden Augenblick zaghaft zusammen, und wenn er sich auch zuweilen etwas weiter ausdehnte, so flog er doch gleich darauf wieder erschrocken zurück und räumte der finsteren Nacht das Feld. – Und diese finstere Nacht hatte sich so behaglich in dem hof niedergelassen: die hohen Mauern der angrenzenden Gebäude lagen fast ganz finster da; nur hie und da sah man ein schwach beleuchtetes Fenster, oder es schimmerte ein Lichtstrahl durch die Ritze irgend eines Ladens.
"Und ihre Fenster!" dachte traurig der junge Mann, indem er die Scheibe neben dem Tisch, an welchem er stand, öffnete und sich hinaus lehnte, um sie zu betrachten. Man sah gar nichts von ihnen: Alles war eine einzige schwarzgraue Fläche; – Alles, Alles war verschwunden, was er heute Nachmittag so liebend angeblickt; verschwunden die Blumen dort oben, verschwunden auch die goldene Fahne auf dem Dach mit ihrem kleinen Sonnenstrahl, der ihm entgegen geglänzt wie eine süsse Hoffnung. – "Und der Herzog!" dachte er plötzlich und richtete sich hoch auf; "was mag er vorhaben, dass er sich bei dem Spiel seiner Mutter entschuldigt? – Auf jeden Fall etwas Wichtiges, sonst hätte er es nicht getan. – Bah! wer weiss, wo er herumschwärmt! – Nein, nein," sprach er ängstlich nach einer Pause zu sich selbst, "das ist nicht möglich; das wäre ja schrecklich! – Aber er sagte Eugenie einige leise Worte, er fragte sie etwas – sie antwortete ihm, und dann sah er wie verklärt aus. – Ah, Teufel! – wenn da etwas dahinter steckte! Wenn sie absichtlich mit mir so freundlich gewesen wäre, um allen Verdacht zu entfernen! – Wenn man ein abgekartetes Spiel mit mir getrieben! – Wenn der Herzog statt meiner hinginge! – Aber nein, nein! der Major wird und kann so etwas nicht dulden. – D u l d e n !" wiederholte er darauf grimmig lachend; "dulde ich nicht auch? – Und ist er nicht eben so gut Sklave seiner Verhältnisse wie ich? – Ich werde hier zum Spiel kommandirt, ihm wird dort befohlen, den Herzog freundlich zu empfangen. – Wenn ich alles das wirklich glauben könnte," sagte er nach einer Weile mit ruhigerem Tone, "so stände ich wahrhaftig nicht für einige Unannehmlichkeiten, die mir heute Abend bei der allerhöchsten Whistpartei geschehen dürften. – Desshalb nein, nein! – nein! – aller Welt zum Trotz!"
Da hörte er die stimme eines Lakaien, der unten im hof laut und deutlich rief: "Der Wagen des Herrn Herzogs!" – Darauf rollte eine Equipage