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Nun denn?"

"Ihre Majestät und die Frau Herzogin befahlen eine Whistpartie."

"Dabei habe ich doch nichts zu tun?" fragte er so erschrocken, dass der gewandte Hofbediente unwillkürlich lächeln musste, und entgegnete:

"Ich glaube nicht, Euer Erlaucht, denn Seine Excellenz, der Herr Hofmarschall, sowie der Herr Herzog werden von der Partie sein. – Doch da kommt seine Excellenz."

Wirklich erschien auch der Hofmarschall in diesem Augenblicke unter der tür des Speisesaals, blickte mit vorgehaltener Hand in diesen hinein, und als er den Offizier entdeckte, rief er vergnügt aus: "Ah! da sind Sie ja! Ich habe Sie lange gesucht." – Bei diesen Worten nahm er ihn unter den Arm und zog ihn mit sich fort in den Korridor.

Dem Grafen, der den Hof genau kannte, ahnte nichts Gutes, denn er wusste wohl, dass Seine Excellenz nicht so ohne weitere Ursache nach ihm fragen würde. – Vielleicht ein Auftrag Seiner Majestät, dachte er sich selbst beruhigend, denn eine andere idee, die ihn durchfuhr, wäre doch gar zu schrecklich gewesen.

Die beiden Herren machten einige Schritte in dem halbdunklen Gange, ehe die Excellenz etwas sprach, und ehe der junge Mann den Mut hatte, eine Frage zu stellen.

"Es ist mir in der Tat lieb, dass ich Sie gefunden habe," sagte endlich der Hofmarschall sehr wichtig. "Sie wissen, ich protegire Sie, wo ich kann, und habe das auch heute Abend getan. Sie sind im Glücke, Graf Fohrbach; ich versichere Sie, Sie sind im Glück."

"Dass ich noch nicht wüsste, Excellenz!" entgegnete der Andere mit beklommener stimme. "Und ich wäre wahrhaftig begierig, das zu erfahren."

"Sogleichsogleich! – Ihre Majestät haben eine Partie Whist befohlen –"

"Das weiss ich," unterbrach ihn hastig der Adjutant. – "Die Frau Herzogin, Sie und der Herzog."

"So war es bestimmt," versetzte lächelnd die Excellenz. "Doch hat sich der Herzog bei seiner Mutter entschuldigt."

"grosser Gott!" dachte der Graf.

"Nun hätte man allerdings den Oberstofmeister Ihrer Majestät zur Partie nehmen müssen, – aber sehen Sie, Graf Fohrbach, wie sehr ich Ihr Freund bin: ich habe Sie vorgeschlagen."

"Mich?" rief der unglückliche junge Mann mit fast tonloser stimme.

"Sie," wiederholte die Excellenz, indem sie stehen blieb und den Adjutanten vertraulich mit dem Finger auf die Brust stiess. "Sie, junger Mann! Lernen Sie mich schätzen."

"Als meinen grössten Feind," dachte der Andere, "als meinen Verderber! – Gerechter Himmel! womit habe ich diese schreckliche Gnade verdient?"

"Jetzt kommen Sie aber," fuhr der Hofmarschall eilig fort. "Es ist das keine Kleinigkeit, mein lieber Freund, zum intimen Spiel Ihrer Majestät gezogen zu werden. Ich bitte, das morgen Früh dem Papa zu sagen. Wissen Sie: manus manum lavat, sagt der Lateiner, und mein leichtsinniger Sprössling macht gerade sein Offizier-Examen."

"Dass er durchfiele!" sprach der Adjutant grimmig zu sich selber, indem er die Zähne fest übereinanderbiss. "Dass er durchfiele, zehntausend Klaster tief in den Erdboden hinein, und die ganze Whistpartie ihm nach! – Gott verzeih mir diesen schrecklichen Gedanken, aber das ist zu fürchterlich!" – "Und wie lange wird die Partie dauern?" fragte er nach einer längeren Pause ängstlich den Hofmarschall.

Dieser nahm den Hut fest unter den Arm und erwiderte: "Was weiss ich? Vielleicht bis Zehn, halb Elf, und dann haben wir ein ganz kleines, kleines Souper; es wäre auch möglich, dass Seine Majestät noch auf einen Augenblick kommt. – Nun, freuen Sie sich doch!"

"O ich freue mich über alle massen!" rief der tiefbetrübte Adjutant, dem allerlei schreckliche Gedanken im kopf umher liefen. – "Und wo ist denn der Herzog?" fragte er ängstlich nach einer Pause.

"Wo wird der sein!" entgegnete die Excellenz, "wichtige Geschäfte, irgend eine verliebte Zusammenkunft oder so was. Der denkt ja an nichts Anderes; macht vielleicht irgendwo eine Partie quarré. – Nun, unter uns gesagt, wäre mir das an seiner Stelle auch lieber, als mit Mama und Tante eine Partie Whist zu spielen. – Verstehen Sie: für i h n ; aber für uns ist das etwas ganz Anderes. Wissen Sie, Graf, morgen wird Sie der ganze Hof beneiden. – Aber hier ist das Adjutantenzimmer; legen Sie Ihre Schärpe und Geschichten hinein und kommen gleich hinauf. – Keinen Dank weiter: ich habe das gern für Sie getan."

"O ich danke Ihnen herzlich!" seufzte der junge Mann, indem er die Hand des Andern ergriff und sie krampfhaft schüttelte. "Sie verschaffen mir einen wunderbar genussreichen Abend." – Hol' Sie der Teufel!

Das Letztere dachte er bloss, oder wünschte vielmehr, dass dies schon vor einer halben Stunde geschehen wäre.

In dem Adjutantenzimmer brannte ein einsames Licht, das in den Ecken des weitläufigen Gemachs tiefe Schatten liegen liess. Der Graf schritt ingrimmig auf und ab, wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig; und gerade so war es ihm auch zu Mute. – "Freiheit! Freiheit!" seufzte er.