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Speisesaales, mit dem anderen die Majestäten betrachtete.

"Lieber Doktor," sagte der diensttuende Adjutant zu dem Generalstabsarzte, der wie immer das ganze Getreibe mit einem eigentümlichen Grinsen betrachtete, "treten Sie ein bischen vor, neben den Hofmarschall; ich sehe, die Frau Herzogin brennt vor Begierde, Ihnen ein freundliches Wort zu sagen."

"Ja, ja," entgegnete dieser, "ihr hättet jetzt wohl wieder einmal Lust zu sehen, wie eine arme Fliege gegen das Licht hinschnurrt und sich die Flügel verbrennt. Seit ich Seine Durchlaucht nicht für tauglich zum Gardedragoner erklärte, bin ich für einen teil der höchsten Herrschaften gar nicht mehr in der Welt."

"Das wird Sie ungeheuer kränken?"

"Ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie es mich betrübt," erwiderte der Arzt in komischem Tone. "Habe ich doch dadurch einen wichtigen teil meiner Praxis verloren. Denken Sie sich, Graf, die Kammerfrauen lassen mich des Nachts nicht mehr holen, wenn sie Abends zu stark soupirt haben."

"Bssst!" machte der Hofmarschall leise, ohne übrigens Stellung und Miene im Geringsten zu verändern; denn er hatte Alles wohl verstanden und fürchtete die freche Zunge des Doktors und dessen schrille stimme.

"Uebrigens soll es mich gar nicht wundern," fuhr dieser fort, "wenn mir nicht heute auf's Eklatanteste gezeigt wird, welch' niederträchtiger Sünder ich eigentlich bin."

Und der Doktor hatte diesmal wahrhaftig Recht, denn ein paar Sekunden darauf machte der Hofmarschall vor der Front eine scharfe Wendung nach links, begleitet von einer ausserordentlich tiefen Verbeugung, welche Ihrer Hoheit, der ebengenannten Frau Herzogin galt, die rauschend und majestätisch wie ein prächtiges Gewitter einherzog, gegen den Kreis der jungen Leute, dort anhielt, um mit einem Major von der Kavallerie einige sehr freundliche Worte zu sprechen. Dabei aber wandte sie sich so dicht vor dem unglücklichen Leibarzte um, dass dieser kaum Zeit hatte, sich durch einen grossen Schritt in die Ecke zu retten, sonst würde er unfehlbar mit Ihrer Hoheit zusammen gestossen sein. – Und dann, welcher Eklat! Da hätte man deutlich wieder einmal gesehen, wie diese Leute von bürgerlicher Herkunft doch so entsetzlich ungeschickt sind und sich so gar nicht in den Hofcirkeln zu benehmen wissen.

Ihre Hoheiten sprachen fast mit Jedem der ganzen Gruppe, den Doktor natürlicherweise ausgenommen, der für sie, wie er vorhin vollkommen richtig bemerkt hatte, gar nicht mehr in der Welt war.

Endlich schritt Seine Majestät auf die tür des Speisesaales zu; die Flügeltüren wurden geöffnet, der Hofmarschall schaute auffordernd rings im Kreise umher, und hinter ihm drein rauschte nun Alles in den anstossenden Saal, um sich dort an der Tafel und zum speisen niederzulassen.

Dies ging nun vor sich fast wie bei einem anderen Diner, nur dass am heutigen Tage die steifen Uniformskrägen und die fest zusammen geschnürten Taillen der Eingeladenen nicht erlaubten, viel zu sich zu nehmen. Doch – "die Ehre macht satt", meinte der Doktor am unteren Ende der Tafel. Er sass neben dem diensttuenden Adjutanten und nicht weit vom Hofmarschall, der aber nur mit hoch empor gezogenen Augenbrauen und sehr ernstem gesicht zu ihm sprach.

Glücklicherweise ging Alles schnell vorüber; nachher wurde freilich noch ein kleiner Cercle gehalten, aber ungezwungener, freier als vor der Tafel.

Der Adjutant, dessen Dienst nun bald zu Ende ging, erkundigte sich an der tür des Saales, ob sein Jäger nicht zurückgekommen sei, worauf er sich, als ihm diese Frage verneint wurde, über den gegebenen Auftrag beruhigt, an eine Fensternische zurückzog, teils um auf den Kastellplatz sehen zu können, teils aber auch, um, selbst ungesehen, einige der Anwesenden zu beobachten.

Wir wissen wohl, wohin seine Blicke gingen, und nicht bloss er allein, sondern die meisten der jungen Leute schauten nach jener prachtvollen Gestalt, der sich aber, da sie sich unmittelbar bei der person Ihrer Majestät halten musste, Niemand ohne höhere Aufforderung so recht nahen durfte; der arme Graf Fohrbach in seiner dienstlichen Stellung am allerwenigsten.

Eugenie verdunkelte den ganzen Kreis, in dem sie stand, sowohl durch die Schönheit ihres Kopfes und ihrer Gestalt, als durch die Einfachheit ihres Aeusseren. Sie trug ein weisses, anliegendes Kleid von matter Seide, fast ohne Schmuck; nur an dem seinen Handgelenk hatte sie ein schwermassives Armbandein Erbteil ihrer Mutter. Ihr schwarzes Haar war glatt gescheitelt, die überaus dicken Flechten hatte sie einfach um den Kopf geschlungen, und es war das, wie die Oberstofmeisterin gegen die Hofmarschallin bemerkte, eigentlich keine Frisur zu nennen – "und kann auch nur der fräulein von S. gestattet werden, weil sie einmal die fräulein von S. ist, ein so schönes und in der Tat sehr liebenswürdiges Mädchen."

Dieses Wort der alten Dame hörte Graf Fohrbach hinter seinem Vorhang und ebenso wie die Hofmarschallin antwortete:

"Es ist in der Tat ein einziges geschöpf; man muss sie lieben, denn sie hat wahrhaftig keinen Fehler."

"Ja, man muss sie lieben!" seufzte er in sich hinein. "Ah! wenn das sogar diese beiden alten Excellenzen von Eugenie sagen, welche Worte soll dann ich gebrauchen?"

Der junge Herr Herzog hatte allein das Recht, sich seiner Mutter und also auch dem Ehrenfräulein zu nähern. Und er machte von diesem Rechte, wie immer, so auch heute, einen solch' umfassenden Gebrauch, dass sich der arme Graf in der