in der Tat glücklich machen. Aber dann bitte ich Euer Erlaucht, mir die Freiheit zu entschuldigen, wenn ich Sie auf das abgerissene Briefcouvert am Boden aufmerksam mache, welches man vielleicht völlig zerreissen oder wegwerfen könnte."
"Da hast du Recht," versetzte Graf Fohrbach; "man braucht dergleichen hier nicht zu finden. Du bist umsichtig, Franz, das gefällt mir. Ich hoffe, wir werden zusammen auskommen."
"Das ist mein sehnlichster Wunsch, Erlaucht," erwiderte der Jäger mit einer tiefen, etwas unsicheren stimme, und es zuckte seine Hand, als wolle er die seines Herrn ergreifen, um sie zu küssen.
Doch blieb es bei diesem Gedanken, denn der Adjutant machte eine halbe Wendung gegen das Kamin, wo die Uhr stand, legte die Hand leicht auf den Säbelgriff und sagte: "Halb sechs – es ist Zeit. Johann wird wohl mit meinem Anzüge draussen sein."
"Zu befehlen, Euer Erlaucht, er kam mit mir."
"Nun gut, ich gehe, mich umzukleiden. Besorge du jetzt deinen Auftrag, und nimm dir einen Wagen, damit du keine Zeit verlierst."
Der Graf schritt gegen die tür zu, welche der Jäger ehrerbietigst öffnete, und dann verschwanden Beide aus dem königlichen Vorzimmer.
Sechsundfünfzigstes Kapitel.
Vor, während und nach dem Hofdiner.
Das grosse Hofdiner am heutigen Neujahrstage ging, wie alle dergleichen Festlichkeiten, feierlich und sehr langweilig vor sich. Es war in den Sälen eine ausserordentliche Pracht zu sehen an reich gestickten Uniformen, an Sternen, Ordensbändern, an rauschenden Seide- und Sammetroben, an goldgestickten Stoffen aller Art, an Brillanten und sonstigem glänzendem Schmucke.
Ehe die Tafel anfing, stand Alles nach Rang und Stand neben einander an den Wänden aufgestellt, und Alles blickte auf die höchsten und allerhöchsten Herrschaften, die soeben zur gegenüber liegenden tür hereingetreten waren und mit freundlichem Kopfnikken die tiefen Knixe und feierlichen Verbeugungen entgegen genommen hatten.
Hierauf hielten die Majestäten ihre kleinen Cercle, was aus der Hofsprache für dich, geliebter Leser, in ganz gewöhnliches Deutsch übersetzt, so viel sagen will, als sie gingen bei den Umherstehenden vorbei, sprachen mit den Begünstigten einige gnädige Worte, nickten den minder Glücklichen huldreich zu, sahen Andere wenigstens mit einem freundlichen Blicke an und liessen die Unbedeutenden oder gerade nicht in der Gnade Stehenden so vollkommen links liegen, als ob diese gar nicht in der Welt existirten.
Es ist in solchen Augenblicken sehr amusant, anzuschauen, wie sich die Physiognomien verändern, sobald eine der allerhöchsten Herrschaften langsam vorschreitet. Es ist das gerade, als wenn der Mond aufsteigt und so nach und nach mit seinem sanften Lichte hier eine frische Wiese, eine freundlich murmelnde Quelle, eine alte Ruine, dort eine finstere Schlucht, eine kahle Felspartie und viele steife, langweilige Tannenwälder bestrahlt und milde beleuchtet. Gerade wie diese Gegenstände klären sich auch hier die Gesichter auf; die Augen blicken starr nach dem aufsteigenden Gestirne, der Mund spitzt sich zierlich oder legt sich in wichtige Falten. Die frische Wiese kokettirt vielleicht mit ein paar hübschen Armen, indem sie zierlich den Fächer sinken lässt; die Quelle hört auf zu rauschen, sammelt ihre wasser, um gleich darauf eine mächtige Redeschleuse aufziehen zu können. Die Ruine denkt vergangener Tage, wo auch sie in erster Linie stand und blickt sehnsüchtig nach dem mond, der sich aber jetzt zufällig hinter einer Wolke verbirgt, ohne ihr einen süssen blick geschenkt zu haben. Die finsteren Schluchten und kahlen Felspartieen – ach! und deren gibt es hier eine grosse Anzahl! – zukken die mageren Achseln, neigen spöttisch zusammen flüsternd ihre brillantenbedeckten Köpfe und versichern einander gegenseitig, dass es auf der Welt nichts Langweiligeres gäbe, als diese ewigen Cercles vor der Tafel. Ach! für sie sind diese wirklich langweilig; dort hinein dringt kein erleuchtender Strahl; diese düstern, erstorbenen Gegenden werden von keinem freundlichen Scheine mehr belebt. – Aber die Tannenwälder, sie stehen da in geschlossener Phalanx und trotzig, mit herausforderndem, wenn auch grämlichem Lächeln. Das sind starke Bäume mit spitzigen Nadeln, und wenn der Mond sie nicht besonders freundlich bescheint, so sagen sie, "er wird vergesslich dieser gute Mond, wie wäre es ihm sonst möglich, uns zu übersehen, uns in unserer unergründlichen Langweiligkeit und Steifheit!" –
Hinter den höchsten Herrschaften, das heisst, sobald sie vorüber gegangen sind, fällt Alles wieder in's frühere trostlose Dunkel zurück; man sieht da seltsame Blicke, verstecktes aber sehr bedeutungsvolles Achselzucken, und hört auch wohl ein spitziges Wort, und, geneigter Leser, die gewissen Husten – von denen dir zu erzählen wir schon die Ehre hatten – hier aber so mannigfaltig und bedeutungsvoll, dass man Bände darüber anfüllen könnte.
Aber wie gesagt: der lichte Glanz ist nun vorbei gezogen, verschwunden gerade wie beim Schattenspiele an der Wand der runde glänzende Kreis, nachdem die Gläser weggezogen und die Lampe ausgelöscht ist. Nur hie und da strahlt noch ein erhelltes Gesicht aus dem allgemeinen Grau hervor; das gehört vielleicht einem jungen Ehrenfräulein oder einem neugebackenen Kammerherrn, die zum ersten Mal bei der Hoftafel erscheinen und die zum ersten Mal mit einem freundlichen Worte beglückt worden.
Graf Fohrbach hatte sich mit jüngeren Offizieren und anderen Herren vom hof bescheiden in eine Ecke zurückgezogen; sie standen hinter der person des Hofmarschalls, der, den Hut unter dem Arm, den Stab in der Hand, in grösster Wichtigkeit verharrte, mit einem Auge die Kammerdiener an der tür des