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"Nun ja, sterblich bin. Und sehr sterblich bin; das kann ich all' diesen jungen Herren versichern. Man weiss es aber auch."
"Ja, man weiss es!" rief der Adjutant, indem er eine tiefe Rührung affektirte. "Und es ist ein wahres Glück, dass mit solchen grundsätzen, wie sie Euer Excellenz aussprechen, die Verwaltung des Hofes geleitet wird."
Er war innerlich hoch entzückt darüber, dass er an dem Hofmarschall gegen den Herzog einen so guten und wichtigen Bundesgenossen erhalten. Der Excellenz blieb selten etwas verborgen von dem, was im schloss vorging, und wenn er also gegen die angedeuteten Geschichten sei, so arbeite er nur für sein, des Grafen Interesse. In der Freude seines Herzens schüttelte er die beiden, ihm abermals dargereichten Finger des Anderen mit ausserordentlicher Feierlichkeit, und konnte sich nicht entalten, dem Hofmarschall bezüglich der Einladungen nachzurufen:
"Wissen Euer Excellenz wohl, womit Sie Seiner Majestät heute bei der Neujahrstafel ein ungemeines Vergnügen bereiten könnten? – Laden Sie doch den Herrn von Dankwart ein, der refusirt nicht, darauf können Sie sich verlassen."
"Oh! oh!" machte der Hofmarschall, "das könnte allenfalls am jüngsten Hoftage geschehen, wenn es sich darum handelte, mir eine ewige allerhöchste Ungnade zuzuziehen."
Der Adjutant wollte lachend in sein Zimmer zurücktreten, als er durch die geöffnete tür des Vorsaales bemerkte, dass auf dem Gange sein Jäger stehe und augenscheinlich nur auf das Weggehen des Hofmarschalls warte, um sich bei ihm melden zu lassen. Er winkte ihm hereinzukommen, und fragte ihn dann, ob zu haus etwas vorgefallen sei.
Franz zog einen Brief aus der tasche und überreichte ihn seinem Herrn, wobei er sagte, er sei vom Kammerdiener geschickt worden.
Nachdem Graf Fohrbach das Couvert abgerissen hatte, fand er einen Zettel, in welchem ein zweiter kleinerer Brief lag und auf diesem Zettel von der Hand seines Kammerdieners die Worte: "Soeben wurde inliegender Brief für den Herrn Grafen gebracht und als sehr eilig bezeichnet. Ich erlaube mir desshalb, ihn hiermit durch den Jäger zu übergeben; Franz soll warten, bis ihn Euer Erlaucht gelesen und Ihre weiteren Befehle gegeben haben."
Graf Fohrbach trat an das Fenster und betrachtete sich das Aeussere des Schreibens, das er hin- und herwandte. Die Aufschrift, offenbar eine Frauenzimmerhand, war ihm gänzlich unbekannt, ebenso das Siegel des briefes, zeugend von einem plumpen Petschaft, ein grosses E und B in grobes Siegellack ausgedrückt. – "Was brauche ich da lange zu überlegen?" sprach er zu sich selber; "der Brief ist an mich; sehen wir nach, von wem er ist, und was er entält."
Er setzte sich in einen Stuhl, doch ehe er das Schreiben öffnete, warf er abermals einen blick nach dem bewussten Fenster empor. Aber es liess sich dort jetzt eben so wenig sehen wie früher. Er entfaltete seufzend den Brief und betrachtete die Unterschrift. – "Emilie Becker. – Was ist das? – Ah Teufel! ich erinnere mich."
"Ew. Erlaucht!" lautete der Brief. "So grosse Mühe es mich auch gemacht hat, so ist das Geschäft, mit dem Sie die Gnade hatten, Ihre gehorsamste Dienerin zu beehren, um nach vieler Schwierigkeiten von Seite mir und ausserordentliche Ausdauer glücklich zu stand gebracht. Es hat mich übermässig viele Zeit und Auslagen gekostet, doch davon sage ich nichts, nur von das Glück, das es mich gelungen, Ew. Erlaucht wahrscheinlich zufrieden gestellt habe sowie auch ihren hohen Freund.
Da am heute Abend das Ballet im Achte aus ist, dagegen das Teater bis Zehne spielen wird, so ist von Seitens der Eltern gar keine Besorgniss zu erfahren, wo sie denn so lange bleiben könnte, bitte auch Ew. Erlaucht desshalb, an der Ecke von die Prinzenstrasse einen Wagen hinbesorgen zu wollen, aber genau im Achte, bitte auch gnädigst selbst zu wollen oder eine vertrauliche person zu schicken, damit sie sich nicht erschrickt.
Auch halte ich mir bestens empfohlen und bitte ihrem hohen Freund zu sagen, wie viel Mühe ich mir gegeben habe
als
ihre ganz ergebenste Dienerin
Emilie Becker."
Der Adjutant liess den Brief auf den Tisch niederfallen und fuhr sich mit der Hand über die Augen, worauf er in tiefes Nachdenken versank.
"Wie schnell sich die zeiten ändern!" sagte er mit einem Blicke auf das bewusste Fenster. "Ja, ich hatte einmal diese Grille und hätte viel daran gesetzt. – Aber jetzt – nie! nie! Gott soll mich bewahren!" – Gleichsam als wollte er seine guten Vorsätze bestärken, öffnete er die Scheibe neben sich, liess den kalten Luftstrom über sein Gesicht wehen und schaute alsdann wieder aufwärts zu den Blumen. – "Wie man sich ändern kann!" – fuhr er nach einer Pause in sich hinein lächelnd fort. – "Wie uns das Bild eines wirklich geliebten Mädchens so ganz auszufüllen vermag! – O meine Eugenie! – Schon diese beiden Gedanken zu gleicher Zeit ist eine Entweihung; aber gewiss, ich fühle es, du bist vom Himmel dazu bestimmt, ganz mein zu sein, mir ein freudenvolles Leben zu bereiten. – Weg mit allen Anderen! – Es ist aber so wahr: man soll sich vom Teufel nicht bei einem Haar fassen lassen; jetzt habe ich diese Genichts dir nichts fallen lassen. – So ein armes Mädchen! – Wenn auch –