Namen nennen, so ständen wir ihnen ja gleich, indem wir auch den ihren aussprechen; aber nein! Da reichen sie ihre Hand tief hinab in den Staub und sagen, indem sie weit – weit über uns hinweg sehen: mein lieber Freund!"
Vierundfünfzigstes Kapitel.
Am Neujahrstage.
Wie immer, so lange wir nach unserem christlichen Kalender rechnen, war das alte Jahr acht Tage, nachdem die Weihnachtsbäume gebrannt, zu Ende gegangen. – Es ist das für die Menschen eine angenehme Periode: viel Festtage, Geschenke, Lust und Freude aller Art, namentlich in der Sylvesternacht, wo Jeder so viel als möglich sich bemüht, vom alten Jahre fröhlich Abschied zu nehmen und das neue jubelnd zu empfangen.
Trotz den erneuerten Verordnungen einer hochpreislichen Polizei hatte es auch dieses Mal wieder an allen Ecken der Stadt geknallt, ja selbst in der Nähe der Polizeidirektion, wo sich einige Mordschläge mit unerhörtem Spektakel entladen, so dass der Präsident erschrocken aus seinem Bette aufgefahren war und sogleich nach seiner Nase gegriffen hatte, weniger, um sich zu überzeugen, ob sie ihm nicht weggeschossen worden, als vielmehr, um, während er diese treue Freundin sanft befühlte, mit sich zu Rate zu gehen, wie dem heillosen Unfuge ein- für allemal gründlich zu steuern wäre.
Nach der geräuschvollen Sylvesternacht folgte nun ein heiterer Neujahrstag, heiter insofern, und auch freundlich und gefällig, als er in starkem Froste und blauem Himmel erschien, die nasse Erde trocknete und sich auf diese Art der vielen lackirten Stiefel und Stiefelchen, auch schwarzer Fräcke und weisser Strümpfe erbarmte, die namentlich am heutigen Vormittag in der Stadt umherschwärmten. Das lief und rannte, behend und eilfertig, durch einander mit vergnügten Gesichtern, bald hier einem Freunde zurufend, dort einem Bekannten winkend, jetzt plötzlich stehen bleibend, um mit herabgerissenem hut einen Vorgesetzten zu grüssen, dann wieder davon springend, um in irgend ein ansehnliches Haus zu verschwinden, wo die schwarzen Fräcke und weissen Handschuhe in langer Reihe auf einander folgten.
Auch vielerlei ward von den Gratulanten in der Hand und unter dem arme getragen, als: zierliche Paketchen von weissem Papier mit roten und blauen Schnüren, Düten mit Zuckerwerk, Blumenbouquets; und alles das wurde sorgfältig gehütet, dass man es nicht in dem Menschengewühl zerdrückte oder zerstiess, und damit es wohlbehalten an den Ort seiner Bestimmung gelange. Dort angekommen, blinzelte man an dem haus in die Höhe, nötigte die schüchternen Hemdkragen ein Weniges aus dem schwarzen Halstuche heraus, besah die Handschuhe und schlüpfte dann in den Hausflur.
Dazwischen rollten Wagen in grosser Anzahl durch die Hauptstrassen der Stadt, die Pferde mit den besten Geschirren bedeckt, die Kutscher en grand tenue, die Lakaien hinten auf, ordentlich triefend von Wichtigkeit.
Wenn man zufällig in die Gegend kam, wo sich die Ministerien befanden, so war man ordentlich betäubt von all' dem Gerassel, von dem Rufen der Bedienten, von dem Zuschlagen der Wagentüren. Am allergrössten war das Gedränge der Equipagen an den Einfahrten des königlichen Residenzschlosses, und obgleich die allerhöchsten und höchsten Herrschaften die förmliche Gratulationscour abgesagt hatten, so entleerte doch ein Wagen nach dem andern seinen Inhalt in reichgestickter Uniform mit Hut und Degen an der grossen Freitreppe, die vermittelst des Marmorvestibuls zu einem Vorzimmer führte, wo ein grosses Buch aufgeschlagen lag, in welchem alle ihre Namen und Titel einschrieben.
Der gewöhnliche Rapport war natürlicherweise heute ebenfalls in grosser Uniform erschienen, wo Jeder, der das Glück hatte, vor Seine Majestät zu gelangen, durch ein unbeschreibliches Achselzucken, durch eine aussergewöhnliche Neigung des Kopfes, ja durch ein paar sanft gelispelte Worte kund und zu wissen tat, wie doppelt glücklich er sich schätze, am heutigen Tage, wo alle Gratulationen verboten seien, dieselben doch wenigstens pantomimisch anbringen zu können.
Die Rapporte dauerten übrigens am Neujahrstage nie lange, und sobald sie beendigt, beeilte sich Jeder aus dem schloss und aus der engen Uniform zu kommen, um zu haus im Kreise der Seinigen frei und behaglich aufzuatmen.
Das Gefolge frühstückte alsdann allein, natürlicherweise, weil es die höchsten Herrschaften ebenso machten, und weil man sich doch ein wenig vorbereiten musste auf das grosse Hofdiner des heutigen Tages, bei dem ein paar kleine Toaste fielen, und wo man doch seinem Nachbar und seiner Nachbarin etwas Angenehmes sagen musste.
Wie überhaupt an Sonn- und Feiertagen, so besonders am Neujahrstage, namentlich wenn das Wetter so schön wie heute war, lag das Schloss ziemlich öde und leer. Die Herrschaften waren alsdann spazieren gefahren, das grosse und kleine Gefolge befand sich zu haus, von den Kammerdienern und Lakaien hatte sich hinweg gestohlen, wer dies nur mit seiner Dienstpflicht zu vereinbaren wusste, so dass sich oft im Vorzimmer, wo zu anderer Zeit drei, vier an den Wänden zusammen standen, oder in den Ecken mit einander flüsterten, sich jetzt höchstens eine einzelne Livrée zeigte, aus der ein melancholisches Gesicht verdriesslich auf den mit Menschen bedeckten Kastellplatz blickte. über allen Gängen und Treppen lag eine tiefe Stille; nur zuweilen hörte man in der Ferne eine Tür öffnen, einen Lakaien niesen oder draussen eine Schildwache husten.
Wahrhaft traurig und schwermütig war an solchen Tagen, wo auf Häusern und Strassen ein heller Sonnenschein glänzte, das Zimmer der Adjutanten. Es lag gegen die Nordseite und ging, wie wir bereits wissen, auf einen kleinen finsteren Hof hinaus, eigentlich auf einen von drei Gebäuden gebildeten Winkel, durch den man nicht reiten und nicht fahren durfte, durch den nur sehr wenige Menschen gingen, und