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ein unauslöschliches Gelächter ausbrach, so dass er fast an einem Brocken, den er gehorsam zu sich genommen, erstickt wäre.

Jetzt war die Milch fast verzehrt und es blieb auf dem Grund der Schüssel nur eine kleine bläuliche Flut.

"Seht ihr wohl," rief plötzlich das Bübchen mit grossem Ernst: "ihr alle habt wieder nicht an die arme Anna gedacht. Soll sie denn gar nichts zu essen bekommen?" – Er meinte damit die kleine tote Schwester, die draussen im Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf schlief.

"Sie will nichts mehr essen," sagte Marie; "sie ist ja gestorben und jetzt im Himmel."

Clara, die trotz ihrer Beschäftigung den ganzen Abend an die Verstorbene gedacht, die aber durch ihre Erwähnung den Schmerz des alten Mannes nicht verwehren wollte, zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der Seite an.

Dieser hatte, wie schon bemerkt, fast gar nichts gegessen und sass schon lange da mit gefalteten Händen. Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht so innig an das Kind gedacht, so fiel ihm die Erinnerung an dasselbe jetzt doppelt schmerzlich auf die Seele, als er nun am Tische den leeren Platz sah, wo sonst die kleine Anna auf ihrem Stühlchen gesessen. Er stiess einen tiefen Seufzer aus und seine Augen funkelten auf eine ganz eigentümliche Art.

"Die Anna ist nicht im Himmel," sagte entschieden das Bübchen; "wie kann sie im Himmel sein, da sie draussen auf dem Kissen liegt? Sie kommt erst in den Himmel, wenn sie begraben ist, und das geschieht morgen."

"Schon morgen?" versetzte der alte Mann und sah seine ältere Tochter fragend an. – "Du hast Alles besorgt, nicht wahr, Clara?"

"Alles so gut wie möglich," erwiderte die Tänzerin; "und wenn die beiden Kinder brav sein wollen, so zeige ich ihnen das Kleidchen, in welchem die Anna ein Engelein wird."

Sie stand auf, um das kleine Paket zu holen, blieb aber an der Kommode länger als nötig war stehen, um ihre hervorstürzenden Tränen, namentlich vor den beiden Kindern, zu verbergen. Da aber diese endlich ungeduldig wurden, so musste sie wieder kommen und ihnen das Kleidchen zeigen. Nachdem sie den Tisch abgeräumt, schlug sie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus.

"Das ist schön," sagte der Knabe; "ich möchte das Kleidchen wohl einmal anprobiren, mir müsste es recht gut stehen."

"Warte nur, Karl," entgegnete ernst der Vater, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, "einem solchen Kleide entgehst du nicht; wenn du aber recht brav und folgsam bist, so möge der liebe Gott gnädigst bewilligen, dass du eins bekommst, das noch viermal so lang ist."

"Mir wäre dies schon recht," antwortete das Bübchen, wobei es die roten Schleifen durch die Finger gleiten liess, "das ist wirklich schön. – Und du hast es ganz selbst gemacht?" fragte er die ältere Schwester.

"So schönes rotes Band!" sagte Marie. "Das sieht doch besser aus als die schwarzen Schleifen."

"Ja, ja, es ist freundlicher," versetzte der Vater. – "Wo hast du denn das Band noch aufgefunden?"

"Die im Teater haben es mir gegeben," erwiderte Clara, "und es hat mich recht gefreut, dass sie so viel Anteil nahmen."

"Es ist sonderbar," sprach lächelnd der alte Mann, "wie die Dinge in dieser Welt so seltsam ihren Platz wechseln. Dies rote Band, das vielleicht noch gestern in den Haaren einer Tänzerin geflattert, kommt nun morgen in die kühle Erde. Aber es ist schön, dass sie dir so geholfen, es freut mich; und wenn mein Kind in den Himmel einschwebt, so werden ihnen diese Schleifen dort oben keine üble Nachrede machen. – Amen!" –

"Amen!" wiederholte auch Clara, und dann setzte sie mit gewaltsam verändertem Tone hinzu: "Aber jetzt, Kinder, zu Bett! Ihr habt gegessen und getrunken und könnt nun ruhig schlafen."

Dabei lächelte sie durch ihre Tränen und sagte zu dem Bübchen: "Gaislein bist du satt?"

Worauf der Knabe lachend erwiderte:

"Oh! wo sollt' ich satt von sein?

Ich sprang über ein Gräbelein

Und fand kaum ein Blättelein.

Aber ich bin schläfrig und bitte dich, liebe Clara, mich zu Bett zu legen." Dies geschah denn auch; Clara lockerte zuerst die dünnen Kissen in dem Bett, dann zog sie die Kinder aus und legte sie hinein. Sie krochen dicht an einander hin, um sich zu erwärmen und die ältere Schwester deckte zu dem gleichen Zweck noch einen wollenen Rock über sie hin. Dann sprachen die Kleinen zu ihrem Spasse den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenseitig und entschliefen bald unter lachen und Scherzen.

Siebentes Kapitel.

Sklavenleben.

Der Vater setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen angefangenen Bogen zu vollenden, und die Tänzerin zündete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den Kranz von Orangenblüten und ging in's Vorzimmer. – Hier lag das tote Schwesterchen auf emem weissen Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als Clara dieses Tuch wegzog, durchschauerte es sie leicht, und als sie darauf das Kind betrachtete, rollte eine Träne um