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Makulatur machte: übercomplette Bogen einer Gedichtssammlung rollte ich mir zum Kopfkissen zusammen, und zur Decke nahm ich meinen Rock, unter welchem ich mich wie ein Igel zusammenkauerte. – In gewisser Hinsicht war ich eine Hilfe für die Familie, denn ich fand in meiner Westentasche noch einen Talerschein, von dem wir die zwei Tage lang herrlich und in Freuden lebten. Vermittelst desselben konnte der Buchbinder ein Säckchen Kartoffeln erschwingen und sich die sechs Kinder wieder ein paarmal recht satt essen. Sie haben noch ziemlich viel davon," setzte er gutmütig lächelnd hinzu, "denn ich hätte mir ein Gewissen daraus gemacht, ihnen den ganzen Vorrat mit aufzehren zu helfen."

"Die Leute müssen Sie nächstens wieder besuchen, bester Herr Beil," sagte Artur, "und ihnen eine kleine Hilfe bringen."

Der Andere nickte schweigend mit dem kopf, stützte diesen darauf in die rechte Hand und blickte lange und nachdenkend in das Kaminfeuer.

Die Standuhr zeigte auf Eins.

"Aber es ist schon spät geworden!" rief Artur, indem er aufstand. "Jetzt wollen wir Ihnen ein Lager besorgen und morgen Früh sehen, was weiter zu tun ist."

"Haben Sie kein Makulatur?" fragte mit komischem Ernste der ehemalige Commis.

"Nein," erwiderte Artur lachend; "aber wenn Sie es einmal mit der Malerei versuchen wollen, so können Sie es sich bei jenen Nymphen bequem machen."

"Gott soll mich bewahren!" versetzte Herr Beil. "Das wäre mir eine gefährliche Nachbarschaft. Da unterwerfe ich mich lieber getrost Ihren sonstigen Anordnungen."

Und daran tat er sehr recht, denn der Maler hatte in kurzer Zeit auf seinem Sopha im Wohnzimmer ein vollkommen üppiges Lager hergerichtet, worauf er seinem Schützling eine gute Nacht wünschte und sich in sein Schlafzimmer zurückzog.

Herr Beil schlief den Schlaf des Gerechten, und obgleich ihm allerlei Seltsames träumte von dem finster dahin fliessenden Kanal mit der bekannten Melodie, von den Augen jener Gestalt, die ihn so seltsam anstarrten, auch vom Buchbinder und dem Makulatur, so erwachte er doch erst am andern Morgen, als der Tag bereits das Zimmer erhellte. Er blickte verwundert um sich und schien im ersten Augenblicke nicht recht zu wissen, wo er sich befinde; er lag gegenüber dem Kamin, in welchem schon wieder die freundlichen Flammen spielten; es war, als seien diese heute Nacht gar nicht erloschen. Vor demselben befand sich eine ältliche Dienerin des kommerzienrätlichen Hauses, welche beschäftigt war, auf einem kleinen Tisch allerlei Service von sehr freundlichem Aeussern aufzustellen, dazu auch Teller mit weissem Brod und Butter. Während sie aber dies Geschäft versah, blickte sie häufig nach dem Schläfer auf dem Sopha um, und schien jedesmal zu erschrecken, wenn sie dort zwischen den weissen Leintüchern die Unmasse von schwarzen Kopf- und Bartaaren erblickte. Diese in ihrem verwilderten Zustande hatten auch durchaus nichts Angenehmes für das Auge, und man hätte glauben können, es habe sich dort irgend ein Ungeheuer, ein Alp oder sonst dergleichen eingenistet. Aus Diskretion hatte Herr Beil die Decke bis unter das Kinn hinaufgezogen, wodurch sein Aussehen noch eigentümlicher und komischer wurde.

Auch Artur musste laut auflachen, als er nun aus seinem Zimmer trat und den sonderbaren Kopf seines Schützlings sah. – "Bleiben Sie ruhig so liegen," rief er ihm zu, "das muss ich zeichnen!"

Die alte Dienerin gab ihrem Herrn einen Wink, führte ihn behutsam in eine Ecke des Zimmers, richtete dann die Augen auffallend gegen den im Bette Liegenden und fragte mit schüchterner stimme: "Was ist denn das, Herr Artur?"

"Das ist ein Gespenst," entgegnete dieser, "ich habe es heute Nacht auf der Strasse gefunden und mitgenommen. – Wissen Sie wohl, Sophie," setzte er mit Betonung hinzu, "das bleibt aber ganz unter uns; es braucht's Niemand im haus zu erfahren; Mama, wie Sie wohl wissen, kann die Gespenster nicht leiden. Wenn Sie aber jetzt hinunter gehen, so seien Sie so gut und schicken nach dem Barbier und dem Friseur; sie sollen zu mir kommen."

Die Dienerin verliess das Zimmer, nicht ohne noch einen besorgten blick nach dem Sopha geworfen zu haben.

Worauf Herr Beil sein Lager verliess und sich alsdann schleunigst in das Schlafzimmer von Artur zurück zog, wo er seine Toilette machte.

Als die Beiden später das Frühstück verzehrt hatten, dem natürlicherweise die unentbehrliche Cigarre folgte, sagte der Maler: "Ich konnte gestern Abend nicht gut einschlafen; ein angenehmes Ereigniss, was mich betroffen, und Ihre geschichte hielten mich wach. Ich dachte viel an Sie und überlegte, was jetzt wohl zu beginnen sei. – Wenn ich von jetzt spreche, so versteht sich von selbst, dass ich jene Zeit meine, wo Sie sich von Ihren Strapatzen wieder vollkommen erholt haben, überhaupt wenn es Ihnen gefällt, an die Zukunft zu denken. Im Augenblick sind Sie bei mir hier vortrefflich aufgehoben."

"Gewiss, auch ich dachte daran," entgegnete Herr Beil; "doch habe ich dort am Kanal einen ganz andern Menschen angezogen; mir graust vor dem Buchhandel."

"Das begreife ich," erwiderte Artur. "Aber Sie führen eine gute Feder, wie ich mich erinnere, Sie sind in Ihren arbeiten pünktlich und umsichtlich; das erkannte ja sogar Herr Blaffer, und umsomehr muss es wahr sein. Ich habe nun die idee, gelegentlich mit Papa und meinem Schwager zu