1854_Hacklnder_152_214.txt

geht Alles vorüber, und so verschwanden auch jene Stunden der Morgendämmerung, wobei mir das Mark in den Knochen zu erfrieren drohte. – Ich sagte vorhin, der, welcher mir gefolgt, sei nicht die Gestalt vom Kanale gewesen; das sah ich, sobald es Tag wurde, denn nun bemerkte ich in dem gegenüber liegenden Strassenwinkel eine Figur, die mich offenbar beobachtete, obgleich sie unruhig auf- und abschritt, und tat, als erwarte sie sonst Etwas. – Das war mir unheimlich, und ich beschloss, zu untersuchen, ob ich mich nicht irre. Ich erhob mich und schlich an den Häusern dahin; der Andere folgte mir nicht, wenigstens nicht sogleich. Ich ging einige Strassen weiter, absichtlich ohne mich umzuschauen, und verlor mich endlich in ein Labyrint von kleinen finsteren Gassen, wo einer meiner Landsleute wohnte, ein armer Teufel von Buchbinder, dem ich viele Gefälligkeiten erzeigt, und von welchem ich mit Recht voraussetzte, er werde mir gerne eine Unterkunft bewilligen, für ein paar Tage nur, bis ich etwas Anderes gefunden."

"Und Ihr Verfolger?" fragte Artur.

"Ganz richtig! – warten Sie nur. – Als ich, beim haus des Buchbinders angekommen, mich plötzlich umwandte, bemerkte ich ihn am Ende der Strasse, die er, anscheinend ohne sich weiter um mich zu bekümmern, überschritt."

"Aber ich begreife immer noch nicht," sagte der Maler, "dass Sie nicht noch in derselben Nacht auf den gesunden Einfall gekommen sind, mich aufzusuchen. Sie wissen, ich habe Sie immer sehr gern gehabt und mich für Sie interessirt, obgleich Sie meine angebotene Hilfe jedesmal hartnäckig zurückwiesen."

"Ich hatte Unrecht," entgegnete Herr Beil gerührt. "Aber wissen Sie, lieber Herr Erichsen, wir armen Teufel werden euch reichen Leuten gegenüber gar leicht misstrauisch. Wenn ihr uns auch mit dem besten Herzen eure Hilfe anbietet, so zucken wir doch schmerzlich zusammen; – es ist ein Almosen, denn wir sind ja nicht im stand, euch dafür etwas wiederzugeben. – Aberbeim Blaffer! – ich hatte Unrecht!"

"Ein seltsamer Schwur," sagte Artur lachend.

"Ich habe mir ihn angewöhnt" denn man muss selbst dem Teufel kein Unrecht tun.

"Aber weiter in Ihrer geschichte!" sprach Artur. "Sie sind ja jetzt doch noch unter meine hände geraten. – Du wolltest fliehen, treuloser Römer! – du bist gezwungen, du bleibst bei mir. – Das Schicksal hat Sie mir zugeführt."

"Ja, das Schicksal," fuhr der Andere seufzend fort. "Aber ich lobe das Schicksal darum, denn ich fühle mich bei Ihnen hier so behaglich, Herr Erichsen, wie seit langen Jahren nicht. Auch ist mein armes dummes Herz ruhiger geworden; der Schmerz in demselben summt nur noch leise, wenn ich an jene Nacht und an das Mädchen denke. – Doch weiter! – Beim Buchbinder aber war es fürchterlich, und obgleich er mich mit der grössten Bereitwilligkeit aufgenommen, konnte ich es doch nicht lange dort aushalten. Ich half ihm, so gut ich es vermochte; war mir doch sein Geschäft nicht unbekannt: es geht ja Hand in Hand mit dem unsrigen, und wenn ich bei Johann Christian Blaffer und Compagnie die ganzen Bücher verpackte und wegschickte, so faltete ich jetzt jeden einzelnen Bogen und half brochiren, was mir übrigens nicht schwer wurde. – Nun habe ich Ihnen aber schon vorher gesagt, dass ich sogleich an Sie gedacht, und während ein paar Abenden den Versuch machte, Sie an Ihrer Haustüre abzufangen; leider ohne Erfolg: ich hatte ja nicht den Mut, mich Ihnen anzuvertrauen. Aber wenn ich so durch die Strassen schlich, und wenn ich oftmals unter der Gaslaterne da unten stand, so brauchte ich mich nur spähend umzuschauen, und ich bemerkte gewiss irgendwo jenen Mann, der mir damals gefolgt."

"Und Sie irrten sich nicht?"

"Ich irrte mich gewiss nicht."

"Wenn das der Fall ist," meinte der Maler, "so haben Sie am Ende wohl gar Jemandens Interesse erregt, der sich Ihrer annehmen will, und der mit mächtiger Hand über Sie wacht. geben Sie achtung, hier wendet sich Ihr Schicksal, und Sie sind vielleicht noch zu grossen Dingen ausersehen."

"Es hat sich heute Abend schon so gut gewendet," versetzte Herr Beil; "denn kann es mir besser gehen als im jetzigen Augenblicke, wo Sie mit Ihrer liebenswürdigen Gastlichkeit mir Ihr Haus geöffnet, mich an Ihren Herd aufgenommen, mich gespeist und getränkt, auch Schlafrock und Pantoffeln gegeben! – Ah! der Contrast ist etwas stark," fuhr er kopfschüttelnd fort. – "Sie hätten das Leben bei meinem armen Buchbinder kennen sollen; wie diese Leute sich durchschlagen müssen, davon haben Sie, davon hatte ich bis jetzt kaum eine idee. – Zur wohnung eine einzige stube und eine finstere und feuchte kammer, an Betten ein Ding von morschen Brettern, was die entfernteste Aehnlichkeit mit einem solchen hatte, und darin ein Strohsack und eine alte mürbe Wollmatratze, die an allen vier Seiten zu kurz war. Darin lagen die Eltern und zwei Kinder, vier andere behalfen sich in einer Ecke auf einem zerrissenen Stück Teppich –"

"Und Sie?" fragte Artur.

"Ich legte mich zum ersten Mal in meinem Leben fest auf die Literatur, indem ich mir in der Werkstatt ein Lager von