1854_Hacklnder_152_212.txt

"aber ein sehr trauriges Beil, fast ohne Schneide und Stiel, nur noch der Schatten des früheren."

"Aber sagen Sie mir in aller Geschwindigkeit, was treibt Sie bei so später Nachtzeit hier in diese Gegend. Kommen Sie zufällig hier vorbei oder haben Sie mich hier erwartet?"

"Ich habe Sie hier erwartet," erwiderte der ehemalige Commis des Herrn Blaffer. "Schon zwei Abende, und immer bin ich wieder davon geschlichen, sobald ich Ihre Schritte hörte; auch heute Abend hätte ich es beinahe so gemacht, doch kamen Sie mit so festem, ich möchte sagen vergnügtem Schritt daher, auch pfiffen Sie eine so heitere Melodie, dass ich mir ein Herz fasste und Sie erwartete."

"O, lieber Beil, was machen Sie für Geschichten!" rief Artur lachend. "Sie wollen mich also sprechen?"

Der Andere nickte mit dem kopf.

"Vielleicht kann ich Ihnen sogar einen Dienst erzeigen?"

Herr Beil zuckte die Achseln.

"Aber warum kommen Sie denn nicht frischweg am Tage, oder laufen des Nachts weg, wenn Sie mich kommen hören?" fragte der Maler.

"Das Erste wird Ihnen selbst klar werden," entgegnete der Andere schüchtern, "wenn Sie nämlich die Güte haben wollen, mich in Ihr Zimmer eintreten zu lassen und dort bei Lichte zu besehen."

"Was sogleich geschehen soll," sprach Artur lustig. "Kommen Sie geschwind, denn ich fühle jetzt auf einmal, dass es hier aussen kalt und frostig ist."

"Ja, sehr kalt und frostig!" seufzte Herr Beil.

Hierauf öffnete Artur die tür, und als Beide eingetreten waren, schloss er sie wieder hinter sich zu. Sie befanden sich in einem kleinen Vestibul, von welchem eine Wendeltreppe in den ersten Stock des Hintergebäudes führte. Auf den untersten Stufen dieser Treppe stand ein kleiner silberner Handleuchter mit einem Wachslichte, das schon tief herabgebrannt war.

Artur leuchtete und Beide stiegen hinauf in seine wohnung. Diese bestand aus vier Zimmern, war sehr elegant eingerichtet, doch herrschte, namentlich im Atelier, eine für einen Maler sehr verzeihliche Unordnung. Die Waffen, Stoffe, Statuetten, Vasen, von denen er vorhin bei Clara geträumt, lagen und standen hier in der Tat überall herum und waren in manchen Ecken so dicht zusammen gestellt, dass es wirklich Mühe kostete, sich dort frei zu bewegen.

Obgleich Artur keine eigene Dienerschaft hatte, so wurde er doch von der sämmtlichen des elterlichen Hauses ausserordentlich verwöhnt, und sein kleines Interieur so besorgt, dass er Niemand Eigenes brauchte. Auch heute Nacht, obgleich es schon ziemlich spät war, befanden sich in dem Kamine, den Artur aus besonderer Vorliebe in seinem Wohnzimmer hatte einrichten lassen, noch glühende Kohlen genug, so dass es nur einer kleinen Anwendung des Blasbalges bedurfte, um einige Stücke Holz, die er auflegte, sogleich in helle Flammen zu versetzen. Dann zündete er ein paar Kerzen an, und als diese das Zimmer hell erleuchteten, blickte er sich nach seinem gefährten um, der händereibend an dem lodernden Feuer stand.

"In der Tat," rief Artur nach einem kleinen peinlichen Stillschweigen, "in der Tat, lieber Herr Beil, nehmen Sie mir es nicht übel, aber ich begreife jetzt vollkommen, warum Sie mich nicht am Tage besucht haben."

"Nicht wahr, das ist zu begreifen?" entgegnete dieser, indem er einen trostlosen blick an sich hinunter laufen lief. "Wenn Sie mich auch nie sehr geputzt und geschniegelt sahen, so habe ich mich bis jetzt auch nicht als Lump präsentirtals vollständiger Lump, wie heute Abend."

Und Herr Beil sprach die Wahrheit, denn sein Aeusseres sah wirklich im höchsten Grade verwahrlost aus. Haar und Bart hingen ihm zerzaust um den Kopf, und er schien alle Ursache zu haben, seine Wäsche sorgfältig zu verstecken, denn er hatte nicht bloss den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, sondern auch noch den Kragen etwas in die Höhe geschlagen. Seine Beinkleider waren fast bis zu den Knieen beschmutzt, und seine Stiefel gaben einen seltsam seufzenden Ton von sich, wenn er auftrat, und liessen sehr verdächtige nasse Spuren zurück, wenn er seinen Standort wechselte.

Er wollte sprechen, doch fiel ihm Artur in's Wort: "Lassen Sie für diesen Augenblick alle Explikationen; ich sehe schon, dass Ihnen was Ausserordentliches passirt ist, was Sie mir wohl später mitteilen werden. Jetzt aber will ich vor allen Dingen uns Beide in ein trockenes Gehäuse bringen; denn auch mich hat der Regen von heute Nacht ziemlich scharf mitgenommen. Folgen Sie mir in's Schlafzimmer, und ich will schon etwas finden, was für Sie passt."

Herr Beil wollte einige bescheidene Einwendungen machen, doch legte ihm der Maler sanft die Hand auf seine Schulter, indem er fortfuhr: "Lassen Sie das gut sein; ich versichere Sie, es würde mir zu jeder Zeit ein grosses Vergnügen gemacht haben, Ihnen aus irgend einer Verlegenheit zu helfen, umsomehr aber am heutigen Abend, wo mir selbst ein so grosses Glück widerfahren ist, dass es mich drängt, den Kummer eines meiner Bekannten zu lindern. – Ich fühle mich als ein zweiter Polykrates: die Götter haben mich so mit Gnaden überhäuft, dass ich gern einen kostbaren Ring in's Meer schleudern würde, wenn im Augenblicke Ring und Meer bei der Hand wären. In Ermanglung des letzteren seien Sie nun so freundlich,