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, die da standen, während man heute Abend schon einmal hier vorbei kam; man freut sich über den klaren Himmel und über den finsteren, über Mondschein, Schnee und Regen; man findet es, wenn der letztere herabrieselt, von ihm eine überflüssige Mühe, dass er den Versuch macht, uns verdriesslich zu stimmen. – Wir lachen über ihn, auch über den Wind, der unsern Regenschirm empor kehrt und unsern Hut zu entführen droht. Blase nur, blase! Wir wandeln dahin, im Herzen ein schönes, strahlendes Bild, das uns warm und trocken erhält, das uns leuchtet in finsterer Nacht, und das uns wärmt trotz Kälte und Wind. Alle unangenehmen Zufälligkeiten, die sonst wohl uns zu erzürnen im stand sind, existiren für uns heute Abend gar nicht. Was kümmert es uns, ob das wasser in den Rinnen dahin schiesst, oder ob der Boden so glatt geworden ist, dass man nur fortkommen kann, indem man sich an den Mauern der Häuser hält. – Gleichviel man springt hinüber, oder man glitscht zuweilen aus, fällt auch wohl hin, um dann lachend wieder aufzustehen.

Dieses Gefühl trug Artur mit sich nach haus, und wenn ihm auch von den eben erwähnten Unfällen keiner begegnete, so schien er dagegen auch nicht zu bemerken, dass ihm Schnee und Regen in's Gesicht schlugen, und dass er, um sich abzukühlen, den Hut in der Hand hatte. Er betrachtete sinnend den finsteren Himmel, der sich mehr und mehr überzogen, und blinzelte vergnügt nach den Strassenlaternen hin, als wollte er sagen: wüsstet ihr, was ich weiss. Zuweilen blieb er auch stehen, und schaute lange in die Nacht hinaus. – Alsdann teilten sich vor seinem inneren Auge Finsterniss und Mauern, er sah hinein in ihr Stübchen und war entzückt, wie schön sie da ruhte. Den rechten Arm hatte sie unter den Kopf gelegt, so dass ihr Gesicht fast aufwärts zum Himmel sah; sie atmete bald leicht und bald schwer, ihre Wangen waren sanft gerötet, und ihre frischen, leicht geöffneten Lippen flüsterten leise: "Artur, mein Artur!"

Nachdem er das im geist gesehen, fuhr er sich mit der Hand über die Augen und verwischte gewaltsam dies reizende Bild wieder; auch wandte er sich um, setzte sogar seinen Hut auf und schritt eiliger nach haus, nicht, um aus der kalten Nacht zu kommendie tat seinen brennenden Wangen wohlsondern um in seiner wohnung Papier und Bleistift zu ergreifen und ihre Züge in der Geschwindigkeit noch ein Halbdutzendmal hinzuzeichnen.

Es mochte fast Mitternacht sein, als er in der Nähe des elterlichen Hauses ankam. Er ging bei der Haustüre vorbei, denn sein Weg führte ihn, wenn er Abends spät nach haus kam, durch eine enge Gasse an den hinteren teil des Gebäudes, wo er durch eine kleine tür eintreten konnte und sich dann gleich in der Nähe seiner Zimmer befand.

Vor dieser kleineren Tür war eine Gaslaterne, welche sie mit hellem Scheine beleuchtete. Als Artur unweit des letzteren angekommen war und schon die Hand in die tasche gesteckt hatte, um seinen Schlüssel heraus zu ziehen, hielt er auf einmal mit dieser Bewegung inne, blieb stehen und schaute nach dem Gascandelaber, denn es war ihm, als sähe er eine menschliche Gestalt, die an demselben angelehnt stand.

"Das ist seltsam," dachte der Maler und blickte schärfer hin. Richtig! da war ein Mensch, der auf etwas zu warten schien.

Artur musste, um seine tür zu erreichen, ziemlich dicht bei diesem Candelaber vorbei gehen; ehe er dies aber tat, zog er seinen gewichtigen Hausschlüssel aus der tasche, fasste seinen Stock fester und schritt langsam vorwärts.

Sobald er näher kam, löste sich die Gestalt von dem Candelaber ab und trat ihm einen Schritt entgegen. Sie waren sich jetzt Beide so nahe gekommen, dass an ein Ausweichen nicht mehr zu denken war; auch hatte sich der Unbekannte so aufgestellt, dass er fast vor der kleinen Haustüre stand, wesshalb es der Maler für das Beste hielt, denselben anzurufen und ihn bestimmt aber höflich zu fragen, ob er vielleicht irgend eine Absicht verfolge, dass er ihm so auffallend in den Weg trete.

Bei dieser Frage griff die Gestalt an ihren Kopf und bückte sich leicht. Wir vermuten fast, dass sie den Hut abnehmen wollte, was aber nicht wohl ausführbar war, da sie keinen auf dem haupt trug. Dabei öffnete sie ihren Mund, und sie sprach mit einem leisen und schüchternen Tone: "Ach, Herr Erichsen, Sie werden mich wahrscheinlich nicht erkennen."

"Da haben Sie Recht!" rief lachend der Maler. "Ich möchte wissen, wie es möglich ist, Jemand zu erkennen, der dicht unter einer Gaslaterne steht und den Kopf abwärts gesenkt hält wie Sie. – Aber was wollen Sie von mir? Wenn Sie etwas Gutes hierher führt, so zeigen Sie frei und offen Ihr Gesicht."

"Das ist auch das Klügste," erwiderte die Gestalt, "und ich hätte das gleich tun sollen." Damit fuhr sie an die Stirne, strich ihre langen, schwarzen Haare zurück und liess das Licht der Laterne auf ihr Gesicht fallen, während sie aus dem Schatten heraustrat.

"Herr Beil!" rief Artur überrascht. "Sind Sie es wirklich, und wie kommen Sie daher, bester Beil?"

"Es ist Beil," sprach der Andere mit tiefer stimme,